Vom Architekturmachen, Teil 1

Kommentar anlässlich des Ergebnisses des Wettbewerbs "Haus des Verkehrs in der Neuen Dominikanerkaserne in Graz".

23/07/2005

Kommentar anlässlich des Ergebnisses des Wettbewerbs "Haus des Verkehrs in der Neuen Dominikanerkaserne in Graz".

«Pour bien dessiner, il faut du talent. Pour faire un beau programme, il faut du génie», so spricht die Architektur aus Le Corbusiers Mund. Dem erwidert das Katzengold, dem 3d-Viz die Hand führt : „Alles, was gülden glänzt ist Gold. Der Mistkäfer in schillernd glänzendem Panzer sieht sich als heiliger Scarabaeus, einer wie der andere. Die Oberfläche ist tief, die Tiefe seicht. Und die Achsel weiß schon gar nicht, wo ihr der Kopf steht. Aber den braucht sie auch nicht, denn sie weiß: etwas ruht auf mir“.

Ein Bauwerk zu entwerfen, für das weder Zweck, Funktion noch Kosten vorgegeben sind, scheint die ideale Voraussetzung für Architekturmachen zu sein. Dies mehr noch, als das vage Zur-Kenntnis-Nehmen eines Drehbuch oder dramatischen Textes die Voraussetzung für Filme- und Theatermachen ist. Das In-Szene-Setzen wird zum Original. Welche Avenue eröffnet sich einem Autor, jetzt, da „erschöpfende Interpretationen für immer aufgeschoben werden müssten (la differance), da alle Texte Mehrdeutigkeiten enthielten und in verschiedener Weise gelesen werden könnten (la difference)“. Anything goes? „Es liegt so recht im Trend der Zeit: da es Designer Jeans, Designer Menschen und alles mögliche Designer Zubehör gibt, warum nicht auch Designer Architektur? Ihr … interessantes Erscheinungsbild legt nahe, darin architektonische Qualität zu sehen, womit einst, vor der Postmoderne, ein dauernder Wert gemeint war, Werte, die eine Gegenwart überdauern. Könnte die Erde doch auch einfach eine Scheibe, eine Kugel, eine Tonne, ein Würfel oder ein Dodekaeder sein, wir könnten auf den abwechslungsreichsten Geometrien leben. Könnte sie doch ein digitales 3D-Netz sein, und wir könnten als virtuelle … Menschen darauf leben“. (1)

Derrida ermutigt uns, den Autor über den Leser (Betrachter) zu stellen, der, durch die Unmöglichkeit einer ‚erschöpfende Interpretation’ herausgefordert, so liest, wie er will. Es ist eine Willkür, die man durch diese These erst herausforderte, vor der man sich nun schützen muss. Das Subjektive des Erzeugens bzw. Erzeugenden steht vor Nachvollziehbarkeit und dem Objektiven bzw. dem Streben danach.

Sie ist so leicht geworden, die Bürde des Funktionen-Erfüllen-Müssens, die Finanzierbarkeit berücksichtigen Müssens, des Konstruierens, die der Architekt trägt, jetzt, da Erscheinung als Sein gilt, für das Ganze steht, das Schaubild für den wesentlichen Ausdruck der Vorstellung gehalten wird. Der Juror braucht sich nicht in einen kritischen Dialog mit dem Werk zu vertiefen, denn die Tiefe ist an die Oberfläche getrieben: Öffne die Pupillen weit. Ein neues Architekturergänzungsmittel ist unabdingbar geworden: das Rendern mit 3d-Viz. Es heißt, das Büro Peichl beschränke sich jetzt nur mehr auf die Darstellung eines Projektes im Stadium des Entwurfs. Er, der erst an der Nadel Roland Rainers, dann an jener Ernst Plischkes hing, hängt jetzt an der Nadel virtueller Architektur.

Konsequenterweise braucht man nur mehr Umrisse, ein schattierbares Drahtmodell mit Außenflächen, braucht sich keiner Berufssprache zu bedienen. Das was über den Draht hinausgeht kann zugekauft werden und, damit man ja nicht übersehen wird, wird gerendert, gerendert und wieder gerendert, ein Dutzend allein reicht nicht und wenn es noch nicht genug davon gibt, wird ein Bild an anderer Stelle wiederholt – einen Ankauf ist das konsequenterweise allemal Wert.

Und doch passt das Ganze nicht ganz zusammen. Wenn Sprache über Schrift (Darstellung), der Autor über den Leser (Betrachter) zu stellen ist - dazu fordert uns die Dekonstruktion der Sprache und ihrer darin ‚enthaltenen Hierarchien’ auf -, wieso soll dann auf die Sprache des Berufs des Architekten zugunsten des Lesens von Schaubilden verzichtet werden? Soll uns das Denken erspart werden, erübrigt sich Kritik, ist sie gar unmöglich geworden? (1) Nicht ausdrücklich als Zitate gekennzeichnete Textstellen in Anführungszeichen „…“ sind Zitate aus: Bernhard Hafner „Architektur und sozialer Raum, Essays über Architektur und die Stadt. LV 2002 (2)> > VORSCHAU

"Vom Architekturmachen", Teil 2 ist ein Briefwechsel (per E-Mail) zwischen Friedrich Achleitner und Bernhard Hafner zum Thema Architekturkritik und wird mit Teil 1 am Sonntag, den 7. August 2005 als sonnTAGsgeschichte auf GAT veröffentlicht.

Verfasser/in:
Architekt Bernhard Hafner, Kommentar
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Arch. DI Bernhard Hafner, Graz

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