"Ob Hauptplatz oder Karmeliterplatz: Graz hat viele 'Bühnen' für Veranstaltungen", steht auf der Website des Wirtschaftsservers der Stadt Graz geschrieben. So wurde der Karmeliterplatz im Winter 2007/08, von den lokalen Geschäftsleuten "wach geküsst", da er laut Herrn Strasser (Lokalbesitzer und Sprecher einer Initiative von Geschäftsleuten der oberen Sporgasse) zu wenig genutzt wird. Dieses Wachküssen ist derart erfolgt, dass man sich als Spaziergänger mit intaktem ästhetischem Gefühl beim Anblick des Platzes des nackten Grauens nicht erwehren kann und sich wegen der rundum angebrachten Slogans fragt, ob man denn überhaupt noch in Graz ist oder auf einer Piste der Planai.
Ja, man ist in Graz, auf einem architektonisch qualitätvoll gestalteten Platz, der seit zwei Monaten von einer Privatinitiative verunstaltet wird. Bereits vor einem Jahr war in der Kleinen Zeitung eine wunderbare Winterwelt mit Rodelrampe, Punschstandeln und Eislaufplatz angekündigt worden, die seit Mitte November 2007 tatsächlich den Platz "beleben" und angeblich 50.000 Besucher begeistern sollen. Von der Stadt wollten die Betreiber dafür 150.000,00 € Zuschuss haben. Laut Steiermark ORF.at haben sich das Land und die Stadt das Event 350.000,00 € kosten lassen. Schaut man sich auf der Homepage der Winterwelt die Sponsorenliste an, findet man das Land Steiermark, das Sportamt Graz und die Kulturhauptstadt 2003. Welch eine Farce! Wie zahnlos sind doch all die Gremien, die das Weltkulturerbe und die Stadtgestalt vor groben Eingriffen, seien sie auch nur temporär, schützen sollen.
Und so muss man sich noch bis 21. Jänner 2008 mit einer der hässlichsten Ausgeburten einer Platzbespielung abfinden, mit einer künstlich angelegten Rodelrampe, die sich zur Sporgasse bzw. zum Schlossberg als mit Unmengen von Sponsorenplakaten verkleidetes schwarzes Ungetüm zeigt. Nicht nur der anspruchsvolle Besucher, sondern auch die von der Rampe arg bedrängten Steinfiguren bei der Dreifaltigkeitssäule scheinen darunter zu leiden. Für akustische „Genüsse“ haben die Betreiber ebenfalls gesorgt: DJ Ötzi tönt über den Platz, Liebling tausender Österreicher. Sein Gejodle kommt aus der in Holz gefertigten Gösseralmhütte, direkt vor der ÖVP Zentrale und überschneidet sich mit den Aggregatgeräusche hinter der Blockhütte. Aber, es gibt kein Entkommen: ein paar Meter weiter erreicht den Besucher die Beschallung des Eislaufplatzes, der durch eine Vielzahl von Kleine Zeitung-Sponsorenplakaten beinahe nicht als solcher zu erkennen ist. Überall, wohin der Blick auf der Suche nach einem unbespielten Fleck sonst noch schweift, UPC-, Kleine Zeitung-, Gösser- und Planai-Werbung. Am Eislaufplatz angelangt, drängt sich dann wegen des, für Werbezwecke geparkten Autos, die Frage auf, ob denn Autofahren besser sei als Eislaufen. Weihnachtsbäume verbrämen echte Bäume, Bäume im Doppelpack sozusagen. Ein Plakat offenbart: Mehr Winter geht nicht! Und diese Platzbespielung soll 50.000 Besucher begeistern? Es sollte dringend nachgefragt werden.
Tatsächlich schlendern Anfang Jänner einige wenige, irritiert wirkende Besucher lustlos über den Platz, an den billigen, geschlossenen Adventhütten vorbei, zur Rodelbahn. Katerstimmung macht sich breit. Gleitet der Blick die menschenleere Schneerampe hinauf, begegnet man am oberen Ende wieder Gösser Bier und denen, die angeblich Graz machen. So hoch wollen die hinaus, höher als die Dreifaltigkeit! Da plötzlich trifft das Auge auf einen unerwarteten Lichtblick, ein Plakat, das eine Veranstaltung mit dem Titel Stadt der Freiräume. Wir wollen leben in der Stadt! ankündigt (Veranstaltungshinweis siehe weiter unten).
Von den Eindrücken überwältigt, flieht man schlussendlich den arg verstümmelten Karmeliterplatz und schwört, der nächste Ausflug führt raus aus der Stadt, vielleicht auf den Schöckel. Schön wär´s, fände sich da nicht ein Artikel in einer Gratiszeitung, der verheißt: Der Lieblingsberg der Grazer muss zum Eventberg werden!
> > VERANSTALTUNGSHINWEIS:
Froschschenkel Einmischungen: Stadt der Freiräume!
WANN: Donnerstag, 17 . Januar 2008 - 18:00 Uhr
WO: Postgarage, 2nd floor, Dreihackengasse 42 (Eingang Rösselmühlpark)
Wir wollen leben in der Stadt!
Die Kommerzialisierung der Stadt schreitet voran. Freizeitaktivitäten sind mehr und mehr mit Konsum und Geldausgeben verbunden. Dazu muss es Alternativen geben! Wir stellen uns die Frage, was denn toll wäre und wie alles besser wird?
Diskussion mit:
Joachim Hainzl (Sozialhistoriker)
Christina Jahn (Grüne Gemeinderätin und Jugendkandidatin)
HausbesetzerInnen
Prof. Jens Dangschat (Prof. Jens Dangschat, TU Wien, Raumplanung und Architektur, Abteilung Soziologie / angefragt)
Moderation: Laila Huber ( Kulturanthropologin)
21.00 Froschschenkel-Release-Party
Freier Eintritt
Kontakt:
froschschenkel@gruene.at
- Verfasser/in:
- Elisabeth Lechner, Kommentar











