Reinhard Seiß
"Wer baut Wien? Hintergründe und Motive der Stadtentwicklung Wiens seit 1989"
2008, Anton Pustet Verlag
Unsanfte Stadtentwicklung
„Neue Gründerzeit“ in Wien seit 1989 – das ist der Grund für diese Zeitperspektive, obwohl sehr häufig auf das Stadentwicklungsprogramm von 1984 zurückgegriffen wird. Auf dieser Basis lässt Reinhard Seiß einen „komplexen Planungskrimi“ unter Vermeidung von „harmonisierender ‚Objektivität’“ und „emotionsfreier ‚Wissenschaftlichkeit’“ (Vorwort Friedrich Achleitner) vor dem geistigen Auge der Lesenden ablaufen. Dabei bleibt kein Auge trocken bzw. kein Agierender ungeschoren.
Der Autor Reinhard Seiß, der jüngst auch im Standard (online) einen Artikel über Bauen in Österreich schrieb (19.03.2010, „Auch Kleinvieh macht Mist.“), ist Fachpublizist, Buchautor und Filmemacher im Bereich Städtebau und Raumplanung, als solcher (aus)gebildet an der TU Wien. Ein Experte also, der keine persönlichen Interessen verfolge, wie Achleitner betont. Das anzunehmen ist umso dringlicher, als das Buch sehr polemisch ist und sich – aufgrund der Gegebenheiten – hauptsächlich gegen die Wiener SPÖ-AkteurInnen richtet. Ziel ist jedoch nicht eine klassische Bilanz des Städtebaus in Wien, sondern die Basis für eine Urbanismuskritik.
Es geht um die Analyse der politischen Kultur einer Stadtverwaltung, die auf der Grundlage persönlicher Netzwerke weitreichende Planungsentscheidungen trifft. Es geht um die Analyse der Diskrepanz von Stadtplanungsideen und der Baurealität: um das Verschwinden von Belebungsmaßnahmen und ökologischen Maximen, um das Höherwachsen von Hochhäusern und um zunehmende Bauverdichtungen auf dem Weg zwischen der eingereichten Planung und der tatsächlichen Ausführung der Bauvorhaben – ein Weg, der offenbar durch Sümpfe der geheimen Absprachen, unklaren Rechtsgrundlagen, Schlampereien, Erpressungen, Fahrlässigkeiten, Strategiemängel etc. führt. Es geht um die Analyse der Beziehungen zwischen Politik (Stadtregierung), Stadtplanung (Verwaltung), Wirtschaft (Bauträgern, Interessensgemeinschaften, Architekten) und Medien.
Wien also, „Wien ist anders“:
- Als Stadt und Bundesland hat es keine übergeordnete Instanz in Bauangelegenheiten.
- Im Rathaus werden Leitlinien bestimmt, dann Abweichungen von diesen legitimiert.
- Es verfügt über keine rechtlich verbindliche strategische Raumplanung, nur über eine Ansammlung von Bebauungs- und Flächenwidmungsplanung.
- Es fehlen innovative Konzepte (wie z.B. die Abschöpfung privater Widmungsgewinne durch die öffentliche Hand).
Auf dieser (un)rechtlichen Basis setzt der Filz der Vertuschung, Verheimlichung, Verbrüderung an. Wirtschaftsinteressen setzen sich sowohl in der Gebäudehöhe als auch in der Bebauungsdichte, in Fragen des Denkmalschutzes (ja, ja, Gasometer) als auch in Bezug auf Grün- und Freiflächen immer wieder durch. Natürlich sind auch die Medien (da gab es doch die Beziehung zwischen einem gewissen Wohnbaustadtrat Faymann und einer gewissen auflagenstarken Tageszeitung) ein Player in diesem Spiel und nicht zu vergessen: die ArchitektInnen – aufgrund wirtschaftlicher Abhängigkeit oder mangelnder professioneller Distanz.
Der Frage, wer denn unter diesen Umständen Wien nun baut, geht Seiß anhand von Beispielen nach, die von der Stadt selbst als maßgebliche Bauvorhaben definiert werden. Wobei er „Skizzen mit Schlaglichtern“ (Achleitner) bietet und vorbildliche „Best Practice“-Projekte expressis verbis ausschließt. Da kann man also nun verfolgen, wie die zur „zweiten City“ hochstilisierte Vienna Donau City zuwächst, verbaut wird, Zusagen nicht eingehalten werden, vom ursprünglichen Entwicklungsplan nichts übrig bleibt. Da wandelt man durch Straßenschluchten in der Lasalle und der Wagramer Straße, vergeblich nach urbanem Ambiente und geschickt gestalteten Freiflächen suchend. Da sieht man Bürotürme und Einkaufszentren wachsen jenseits der Auslastbarkeit. Mit Wien Mitte wird das bekannteste und umstrittenste Projekt aufgeführt, das es zu einer wenig schmeichelhaften Präsenz in den internationalen Medien gebracht hat. Auch die Gasometergeschichten sind hinlänglich bekannt: wirtschaftliche Nutzung setzt sich über Funktionalität und Denkmalschutz hinweg und landet einen Bauchfleck. Weitere Beispiele sind die Wienerberger City, der Laaer Berg oder der Wiener Hauptbahnhof. Zum Drüberstreuen gibt es noch etwas zu den Thematiken Sozialer Wohnbau, Einkaufszentren, Grünplanung oder Verkehrspolitik.
Es ist nicht einfach, einem so brisanten Thema beizukommen. Die Quellen, die der Autor heranzieht, sind vor allem Interviews, Pressemeldungen, Rathauskorrespondenzen, Entwicklungspläne und Berichte von Experten und öffentlichen Institutionen. Vor allem interne Absprachen – ein zentrales Argument Seiß’ – sind natürlich schwer nachzuvollziehen. Hier muss der Autor sich auf ehemalige Verwaltungsbeamte und (oppositionelle) GemeinderätInnen verlassen, was nicht unkritisch ist. Der teilweise polemische Stil ist verkraftbar, lässt aber wenig differenzierende Reflexion zu. Unausgewogenheit führt letztlich dazu, dass die Frage, wer Wien baut, nicht wirklich beantwortet wird.
Nichtsdestotrotz ist das Buch empfehlenswert, weil es neue Perspektiven eröffnet, nicht nur auf die Stadtgestaltung in Wien. Es sensibilisiert für Vorgänge, die uns alle angehen. Es ist spannend geschrieben. Es zeigt Mechanismen auf, mit denen man als ArchitektIn durchaus rechnen muss. Und ob Wien so anders ist, das sei dahingestellt: Ähnlichkeiten mit den Vorgängen in anderen Städten sind unerwünscht, aber wohl nicht zufällig.
Reinhard Seiß
Wer baut Wien? Hintergründe und Motive der Stadtentwicklung Wiens seit 1989
Mit einem Vorwort von Friedrich Achleitner und einem Nachwort von Christian Kühn.
2008, Anton Pustet Verlag, 3. Auflage
216 Seiten, € 22,00
- Verfasser/in:
- Monika Stromberger, Rezension
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