Universal- oder Disziplinierungsmöbel

"Wer oder was aus der Norm fällt, läuft in Gefahr, wenn schon nicht gefressen, so doch diszipliniert zu werden. Wobei diese Disziplinierung stets mit allgemeinen und löbl

01/07/2010

Der Regisseur Jean-Luc Godard hat festgestellt, dass „wir immer von der Gewalt des Flusses sprechen, aber nie von der Macht der Ufer, die ihn eindämmen“. (Wo er das wieder gelesen haben mag?) Die unsichtbare „Macht der Ufer“ spielt auch eine wichtige Rolle in der Gestaltung des öffentlichen Raumes. Das beginnt mit den künstlich angelegten Fußwegen, die, wie ein Blick auf die öffentlichen Rasenflächen zeigt, nie den Bedürfnissen der Gehenden gleichen.

Vermutlich dienen auch die freien Plätze vor Regierungsgebäuden dazu, der Polizei und dem Militär ein freies Schussfeld auf unzufriedene Bürger zu ermöglichen. Nach den Kämpfen 69 in Paris sind die Straßen asphaltiert worden, damit sich die faulen Studenten nicht der Pflastersteine bemächtigen, um damit Fußball oder was Schlimmeres zu spielen.

Die Zurichtung der Körper erfolgt schon durch ihren bloßen Aufenthalt in der Öffentlichkeit. Verhaltensauffällige Tiere laufen in Gefahr, gerissen zu werden, sogar von ihren Artgenossen. Wer oder was aus der Norm fällt, läuft in Gefahr, wenn schon nicht gefressen, so doch diszipliniert zu werden. Wobei diese Disziplinierung stets mit allgemeinen und löblichen Grundsätzen argumentiert wird. Das Rauchen in öffentlichen Räumen etwa mit der Gesundheit der anderen. Die Verdammung ungesunder, fetter Speisen mit der Gefahr für die eigene Gesundheit. Wo diese Vernunft aufhört und die Tyrannei beginnt, ist dabei nicht immer leicht auszumachen. Viele dieser Normen sind nicht gesetzlich geregelt, sondern unterliegen der Sitte, dem, „was sich gehört“.

Betrunkene oder Verzweifelte im Rinnstein haben gewiss etwas Anstößiges und Schreckenerregendes. Aber sich am Asphaltboden gemütlich zu machen, wird den Bettlern kaum mehr gestattet. Selbst Manets „Frühstück im Grünen“ ist ohne Campingmöbel (außer in französischen Filmen) verdächtig. Gern gesehen im öffentlichen Raum wird nur, wer gegen gutes Geld in einem der zahllos gewordenen Straßenlokale konsumiert. Alle anderen haben ihren hoffentlich gepflegten Körper schleunigst durch den öffentlichen Raum ins Privatleben zu tragen. Und wer nicht über einen solchen Körper verfügt, bleibt am besten gleich dort.

Die im öffentlichen Raum angebotenen Sitzgelegenheiten werden nicht nur weniger, sie werden auch unbequemer. Die Disziplinierung der Körper lässt sich an der Entwicklung des „Universalmöbel Parkbank“ ablesen, auf der nicht wenige die ersten süßen Gefahren der Erotik erfuhren. Mit den Beton/Holzbänken in den Höfen großer Siedlungen wurde diese Freiheit schon eingeschränkt. Man kann auf ihnen zwar liegen, aber nicht mehr verkehrt herum sitzen. Und die neuesten Sitzvorrichtungen aus Metall erzwingen eine ungemütliche Körperhaltung, ähnlich wie das Mobiliar billiger Imbissketten, die ihre Kunden schnell wieder draußen haben wollen. Die „klassischen“ Jugendstilbänke reflektierten mit ihren geschwungenen, schmiedeeisernen Lehnen die Pflanzen in deren Mitte sie aufgestellt waren. Mit den wahrhaft schnittigen, aber bei Kälte extrem ungemütlichen Metallsitzen wird schon das Ideal des leicht zu schlichtenden Containermenschen angepeilt. Im Inneren ihrer neuen Waggons verfolgt die ÖBB dieses Ideal konsequent weiter durch eng hintereinander gereihte Sitze, in denen der Passagier nur mehr mit der Rückenlehne des Vordersitzes, seinem Mobiltelefon oder einem MP3-Player kommunizieren kann. Gegenüberliegende Sitzreihen sind zwar vorhanden, aber in der Minderzahl. Und auch die Eisenbahnabteile als Orte zufälliger, gelegentlich durchaus lustvoller Gemeinsamkeiten, werden weniger. Man muss kein Designer sein, um sich aus dieser Entwicklung einen Reim zu machen.

Verfasser/in:
Wilhelm Hengstler, Kommentar
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Fotos: W. Hengstler

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