Türme, Papst und Zeitlichkeit

Die Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1 in Mariazell nimmt den letztjährigen Papstbesuch zum Anlass, künstlerisch über die Zeitlichkeit von Ereignissen nachzudenken. In

17/10/2008

Die Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1 in Mariazell nimmt den letztjährigen Papstbesuch zum Anlass, künstlerisch über die Zeitlichkeit von Ereignissen nachzudenken. In einer Architektur, die schon für sich genommen viel mit Zeit und Zeitlichkeit zu tun hat. Bis 02.11.

Nicht nur Räder und andere bewegliche Objekte oder Totenköpfe haben von vornherein viel mit Zeit und Zeitlichkeit zu tun. Auch so langlebige und standfeste wie Türme. Zumindest solange man selbst am Leben, beweglich und bewegungswillig ist. Türme funktionieren ja ganz allgemein als Landmarken und Orientierungspunkte, erweitern also die Zeiträume, die der Wahrnehmbarkeit eines Ortes zufallen, beträchtlich. Türme bringen einen auf den Weg. Auch anders: sie verlocken nicht nur den geübten Alpinisten, sie zu besteigen. Was, je nach Kondition, viel Zeit kostet, die man gerne investiert, wenn man dafür mit Ausblick belohnt wird: einer Option, die wiederum Zeiten impliziert. Gegenwart und Ferne sind schließlich Gegensätze, Astrophysiker wissen das genau. Solche, zugegeben recht diffusen Überlegungen werden sofort konkreter, wenn Kirchtürme in Erwägung stehen. Die sollen ja nicht nur gesellschaftliche Hierarchien sichtbar machen, sondern den Gläubigen den Weg zu ihnen weisen, besonders wenn sie aus Wallfahrtskirchen wachsen. In jedem Fall wollen sie auch eschatologisch funktionieren, nach oben zeigen, wo wir einmal enden sollen, sind damit Mahnmale unserer eigenen, wahrscheinlich selbstverschuldeten Zeitlichkeit. Dass sie zumeist auch tatsächlich die Uhrzeit weithin sicht- und hörbar angeben, zieht aus all dem ja nur praktischeren Nutzen.

Die Basilika Mariazell verfügt gleich über drei Türme. In ihrem Inneren hat das Architektenteam Feyferlik & Fritzer alle auf Höhe des Langhausdachstuhls liegenden Kammern zu einer Ebene verbunden und damit nicht nur Räume für die permanente Präsentation von Reliquien, Weihnachtskrippe und Wachsreliefs adaptiert, sondern auch einen Ort für Ausstellungsprojekte abseits lokaler Kirchenkunst geschaffen. Die Türme wurden so in einen Weg integriert, der an den Kunst- und Reliquienschätzen der Basilika vorbeiführt.

Damit wurde eine Architektur geschaffen, welche Zeit und Zeitlichkeit gleich in mehreren Dimensionen in sich abbildet: die einerseits unterschiedliche, ehemals in sich geschlossene Räume in eine raumzeitliche Beziehung zueinander bringt, ihre Rezeption also einer gut choreographierten Abfolge unterzieht, und die andererseits – in behutsamer Aneignung des Vorgefundenen – die unterschiedlichen Zeitcharaktere der nun miteinander verbundenen Kammern auch noch für sich bestehen bleiben lässt. Die Turmkammern sind in mehrfacher Hinsicht Vermittlungsräume. Sie bergen nicht nur Ausstellungsobjekte, sondern setzen – metaphorisch wie räumlich – oben und unten, alt und neu miteinander in Beziehung. Die sensiblen Eingriffe verknüpfen nicht nur in sich geschlossene Raumeinheiten zu einem Parcours, sondern machen dabei auch die komplexe Baugeschichte der Basilika erfahrbar.

Im Nordturm fährt nun ein in die Podeste des Treppenlaufs integrierter Lift an Votivbildern vorbei zu einem Verteilerraum, dem die Architekten nicht von ungefähr eine Paradies-Symbolik unterlegten. Von hier aus gelangt der Besucher in die gotische Mittelturmkammer, zur Nordturmkammer, in welcher der Krippenberg die modellartig abstrahierte Fortsetzung der Bodenfläche bildet, schließlich in einen sich durch das Traggerüst des Daches windenden Gang, der zur Südseite des Westwerks bzw. zur Reliquienkammer überleitet.

Ebenso an der Vielschichtigkeit des Sichtbaren ist das erste in den Kammern ausgestellte Kunstprojekt orientiert. Zita Oberwalder, Paul Ott und Claudius Pratsch haben Blicke auf den letzten Papstbesuch freigelegt und fotografisch festgehalten, die außerhalb der Interessen einer konventionellen Pressefotografie stehen und das Ereignis mithin als ein polyfokales, unterschiedliche Erfahrungsdimensionen inkludierendes Prozedere begreifbar machen. Die Zeitlichkeit des Ereignisses wird von ihnen so auf neue Art und Weise nach zu erleben, wird in Facetten aufgespaltet. Außerhalb des konventionell an so mediale Ereignisse wie einen Papstbesuch gebundenen Fokus, erlauben die in den Turmkammern präsentierten Fotografien einen weit stärker individualisiert Blick zurück auf eine in ihnen fortdauernde Zeit.

AUSSTELLUNG zwischennordsüdTURM 08.1

Zita Oberwalder. Paul Ott. Claudius Pratsch

Ausstellungsdauer: bis 02.11.2008

Öffnungszeiten: jeweils Fr, Sa, So, ganztägig und nach telefon. Vereinbarung

Ausstellungsort: Basilika Mariazell - Turmkammer

Veranstalter: Basilika Mariazell

Benediktiner Superiorat

Verfasser/in:
Ulrich Tragatschnig, Empfehlung
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Führung durch die Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1 am Eröffnungstag. Station 1: Paul Ott. Fotoquelle: Zita Oberwalder
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Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1: Paul Ott
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Führung durch die Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1 am Eröffnungstag. Station 2: Claudius Pratsch. Fotoquelle: Zita Oberwalder
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Führung durch die Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1 am Eröffnungstag. Station 2: Claudius Pratsch. Fotoquelle: Zita Oberwalder
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Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1: Claudius Pratsch
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Führung durch die Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1 am Eröffnungstag. Station 3: Zita Oberwalder. Fotoquelle: M. Wambacher
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Führung durch die Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1 am Eröffnungstag. Station 3: Zita Oberwalder. Fotoquelle: M. Wambacher
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Ausstellung zwischennordsüdTURM 08.1: Zita Oberwalder
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v. li.: Arch. DI Wofgang Feyferlik, die Fotokünstler Paul Ott, Zita Oberwalder, DI Claudius Pratsch sowie Dr. Gerhard Fabisch von der steierm. Bank und Sparkassen AG und Pater Karl Schauer, Superior bei der Eröffnung der Ausstellung zwischennordsüdTURM, a

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