TROUBLE IN PARADISE - Landschaftsdenken im 21.Jahrhundert

Antrittsvorlesung von Prof. Klaus K. Loenhart, Vorstand des Instituts für Architektur und Landschaft an der TU Graz, am 14.01.2008.

17/01/2008

Antrittsvorlesung von Prof. Klaus K. Loenhart, Vorstand des Instituts für Architektur und Landschaft an der TU Graz, am 14.01.2008.

"Landschaft ist das Produkt unserer Zivilisation. Wir sind kulturell und gesellschaftlich an einem Punkt, wo wir die Konsequenzen unseres ungebremsten Handelns vor Augen haben und einsehen, dass es so nicht weiter praktiziert werden kann".

LANDSCHAFTSBILDER

Vorstellungen von Landschaft ziehen sich durch unsere Kulturgeschichte: Landschaft als Paradies, als Garten, also etwas Umschlossenes. Park als ursprünglich eingezäuntes Jagdgebiet. Derart (räumlich + gedanklich) exklusiv kann Landschaft heute nicht mehr gedacht werden. Bilder von Landschaften sind ein Konstrukt – eine Idee des 17. Jahrhunderts, die in der Landschaftsmalerei entstanden, von dieser in die Kultursalons getragen und von dort in die Landschaft überführt worden sind. Im Grunde sehen wir Landschaft zu idealisiert. Und das hindert uns, sie anders zu denken, geschweige denn kreativ und konzeptionell mit ihr umzugehen.

Die Idealvorstellungen von Landschaft stimmen nicht mehr mit dem Realbild überall auf dem Planeten Erde überein. Deshalb ist es notwendig, uns Gedanken zu machen, welche Möglichkeiten Landschaft hat, unsere Kultur weiter zu bringen. Die aktuelle Energiewende birgt in sich das einmalige Potenzial, diesen Raum kreativ zu erschließen.

Prof. Loenhart sieht Landschaft als das eigentliche fundamentale Material für unsere künftigen gesellschaftlichen Entwicklungen, ja sogar als aktive Kraft, die Natur und Kultur zusammenführt. Landschaft kann zum Ort des Austausches, des Diskurses über Grenzen der Disziplinen hinweg werden. Wobei die Fakten des globalen Klimawandels zugleich Herausforderung und Chance für uns sind.

KLIMAWANDEL

20.000 Arten (rund 20 – 30%) der Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, wenn die globale Durchschnittstemperatur um 1,5 bis 2,5 Grad ansteigt. Dürrekatastrophen und Überflutungen bedrohen Menschen und zwingen sie, ihre Wohngebiete zu verlassen. Bei ungebremstem Klimawandel entstehen Kosten von ca. 5,5 Billionen Euro jährlich, was 12 – 20% des BIP weltweit entspricht. Für notwendige Klimaschutzmaßnahmen werden 1 – 3% des weltweiten BIP notwendig sein. Aktuelle Zahlen des Materialverbrauchs für die Herstellung der Güter des täglichen Bedarfs belegen den Pro-Kopfverbrauch Deutschlands von 50 Tonnen Material im Jahr. Österreich produziert derzeit rund 16% mehr CO2 als 1990 und fiel auf der Skala von 56 bewerteten Ländern vom 28. auf den 37.Platz.

Wie können wir in dieser Situation kreativ und konstruktiv denken, mit dem Ziel unsere Kultur nachhaltig weiter zu entwickeln? Loenhart ist überzeugt, dass genau jetzt eine neue Ära von Landschaft beginnt. Denn nach jahrzehntelanger politischer Ignoranz über die ökologischen Folgen unseres Handelns, haben die Inhalte des Berichts des „International Panel of Climate Change“, IPCC, am 06.04.2007, die Regierungen der Länder weltweit erreicht, und sie haben sich zum gemeinsamen Handeln entschlossen.

Das heißt für uns als Gestalter, dass wir j e t z t die Chance haben, eine neue Rolle der Architektur und Landschaftsarchitektur aber auch der integrierten Wissenschaften zu definieren. Jetzt ist es unsere Verantwortung, Natur nicht mehr außerhalb des kulturellen Gedankenraums, als das „Andere“, der Kultur Gegenüberstehende zu sehen, sondern eine Kultur zu entwickeln, die auf Basis der natürlichen Gegebenheiten eine neue Art von kultureller Ökologie definiert.

Wenn in den Jahren 2000 – 2006 in der EU 80 Milliarden Euro an Subventionen in die Landwirtschaft flossen - nicht für die Produktion von Lebensmitteln, sondern für die Arbeit der Bauern als Landschaftspfleger – fragt man sich, ob es angebracht ist, so viel Geld für die Aufrechterhaltung unseres Idealbildes von Landschaft zu verwenden. Könnte dieser Aufwand nicht kreativer verwendet werden?

Schon unsere heutigen technischen Möglichkeiten der Herstellung biobasierter Produkte wie Biochemikalien, Bioenergie und Biokraftstoffe können die endlichen Rohstoffe Kohle und Öl ersetzen und erlauben, an eine Neuordnung der Landschaft zu denken. Die Symbiose von Energiewirtschaft und Kulturlandschaft könnte zu neuen Landschaftstypen und zu spezifischen lokalen Ökonomien führen.

NEUES LANDSCHAFTSDENKEN

Die Ideen für ein systemisches Konzept einer Landschaftsinfrastruktur des Ende der 1970er Jahre in Graz lehrenden schwedischen Architekten Jan Gezelius aufgreifend und weiterführend, initiierte Prof. Loenhart im Herbst 2007 ein Instituts-Projekt, in dem er die Grundsätze seines integrativen, systemischen Landschaftsdenkens praktisch erprobte. Ziel des Projekts war, die Lagune von Venedig mittels transdisziplinärer Zusammenarbeit und lokalem Wissen in ein selbst erhaltendes ökologisches System überzuführen. Eine neue produktive Landschaft soll eine ökologisch integrierte und stabile Produktion etablieren, die auf existierende Artenvielfalt und kulturelle Praktiken baut. In diesem Szenario wird die Lagune von Venedig innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem Raum, in dem Ökosysteme, Energiekreise und menschliche Aktivitäten energetisch und ökologisch selbst erhaltend sind. (gat.st beabsichtigt, das Projekt detaillierter darzustellen.)

Die Aufgabe der Architekten und Landschaftsarchitekten in diesem Kontext ist, Kulturlandschaft zu gestalten und in Zusammenarbeit mit den technischen und wissenschaftlichen Disziplinen neue Wege zu entwickeln. Wir sind kulturell und gesellschaftlich an einem Punkt, wo wir die Konsequenzen unseres ungebremsten Handelns vor Augen haben und einsehen, dass es so nicht weiter praktiziert werden kann. Denken über den Tellerrand hat Zukunft.

Wir dürfen gespannt sein, welche Situationen in Österreich sich das Institut für Architektur und Landschaft der TU Graz in Zukunft zur näheren Betrachtung vornehmen wird.

Verfasser/in:
Karin Wallmüller, Bericht

Weiterführende Links

k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_01.jpg
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_02.jpg
Prof. Klaus K. Loenhart, seit Oktober 2006 Vorstand des Instituts für Architektur und Landschaft der TU Graz. Er ist überzeugt, dass genau jetzt eine neue Ära von Landschaft beginnt.
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_03.jpg
Prof. Klaus K. Loenhart, seit Oktober 2006 Vorstand des Instituts für Architektur und Landschaft der TU Graz. Er ist überzeugt, dass genau jetzt eine neue Ära von Landschaft beginnt.
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_04.jpg
Diese Bilder von Landschaft sind in unseren Köpfen. Ihrer Schönheit bedient sich die Werbung mit Erfolg. Aber: behindert diese Sicht nicht unser Denken?
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_09.jpg
Diese Bilder von Landschaft sind in unseren Köpfen. Ihrer Schönheit bedient sich die Werbung mit Erfolg. Aber: behindert diese Sicht nicht unser Denken?
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_10.jpg
Die Realität sieht vielerorts anders aus.
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_13.jpg
Die Realität sieht vielerorts anders aus.
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_17.jpg
Fakten des Klimawandels fordern uns auf, uns Gedanken zu machen, welche Möglichkeiten Landschaft hat, unsere Kultur weiter zu bringen.
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_23.jpg
Der ganzheitlich denkende schwedische Architekt Jan Gezelius, der am Institut für Architektur und Landschaft der TU Graz unterrichtete, inspirierte mit seinem systemischen Konzept einer Landschaftsinfrastruktur das Institut unter der Leitung von Prof. Loe
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_33.jpg
Der ganzheitlich denkende schwedische Architekt Jan Gezelius, der am Institut für Architektur und Landschaft der TU Graz unterrichtete, inspirierte mit seinem systemischen Konzept einer Landschaftsinfrastruktur das Institut unter der Leitung von Prof. Loe
k_wallmueller_loenhart_antrittsvorlesung_35.jpg
Mit dem Projekt für Venedig, das das Institut erarbeitete, wird die Lagune zu einem Raum, in dem Ökosysteme, Energiekreise und menschliche Aktivitäten energetisch und ökologisch selbst erhaltend sind. gat.st beabsichtigt, das Projekt detailliert darzustel

Artikelempfehlungen der Redaktion