Trostloser Stadtumbau in Mariatrost

Unter Verwendung eines aktuellen Wahlspruches würde man sagen: „Es reicht“ - Schluss mit dem Zerstören eines einst hochwertigen Wohngebietes durch fehlende Rahmenplanung.

11/09/2008

Unter Verwendung eines aktuellen Wahlspruches würde man sagen: „Es reicht“ - Schluss mit dem Zerstören eines einst hochwertigen Wohngebietes durch fehlende Rahmenplanung.

Beim Durchfahren der Mariatroster Straße gewinnt man den Eindruck, dass es sich um ein Hoheitsgebiet handelt, das von allen Planungsregulativen und Instrumenten ausgenommen ist. Denn: es sind keinerlei Planungsziele in Richtung Verbesserung des Straßenraumes, des Erhaltes oder der Schaffung eines geordneten Siedlungsbildes erkennbar. Es entsteht unweigerlich der Eindruck, die zuständige Behörde hätte hier ihre wesentlichen Aufgaben nicht wahrgenommen, nämlich die öffentlichen Interessen hinsichtlich der Raumordnung und des Straßen-, Orts- und Landschaftsbildes zu sichern und auf deren Einhaltung zu achten. Das bedeutet u. a. das Festlegen von Regulierungslinien und Abständen zu öffentlichen Verkehrsflächen für ein geordnetes Siedlungsbild, für eine mögliche weitere Entwicklung des Straßenraumes bzw. die Anordnung komfortabler Gehsteige. Weiters kann die Behörde laut Paragraph 18 des Baugesetzes zum Schutz des Straßen-, Orts- und Landschaftsbildes die Bebauungsdichte, den Bebauungsgrad, die Bebauungsweise, Baufluchtlinien, zulässige Höhen und Dachformen festlegen. Die jüngst errichteten Bauten und viele andere Interventionen entlang der Mariatroster Straße lassen aber diese fachlichen Rahmenvorgaben und auch die sensible Bedachtnahme auf die Umgebung vermissen. Die nachfolgenden Beispiele stehen exemplarisch für die bauliche Fehlentwicklung und den Wildwuchs an diesem Ort.

Als Fußgänger/in ist man in der Mariatroster Straße ziemlich arm dran: Die Gehsteige sind oftmals nicht durchgezogen, schon gar nicht auf beiden Straßenseiten und wenn doch, so sind sie meist keine zwei Meter breit. Vor einem neuen Lidl-Markt misst der Gehsteig beispielsweise nur 1,50 Meter. Weshalb wohl? Es wäre genug Platz für eine breitere Fußgeherzone gewesen. Immerhin wurde ja auch der Straßenraum zugunsten der Autofahrer geringfügig verbreitert (Abb. 1). Bei einem weiteren Beispiel taucht die Frage auf, warum ein Neubau vor eine bestehende historische Gebäudeflucht gesetzt werden darf, wenn in Folge der Gehsteig gerade für eine Person Platz bietet und durch ein Mauerchen vor der befahrenen Straße geschützt werden muss? Vom Nachbarn im Einfamilienhaus daneben erfährt man, alles sei rechtens, das abgebrochene Chinarestaurant stand bereits an der neuen Baulinie. Die spitze Antwort lässt vermuten, er ist der Bauherr, aber wo war hier die Baubehörde, bzw. die Verkehrsplanung? Nicht einmal die kleine Kirche weiter stadteinwärts steht so nah an der Straße. (Abb. 2, 3, 4).

Vor baukulturell wertvolle Bestandsgebäude, die mit einem großzügigen, aber aus heutiger Sicht wegen Lärmbelästigung durchaus sinnvollen Abstand zur Straße stehen, wurden Gebäude hingeklotzt. Sie haben wegen des Straßenlärms Balkone, die hinter einer mit Vogelschutz-Folien beklebten Glasfassade liegen. Von den, nun durch die Neubauten lärmgeschützten Bestandsgebäuden blickt man auf deren fantasielose Laubengänge (Abb. 5, 6, 7, 8). Man stößt weiters auf eine imposante, alte Villa, die mit Förderung des Landes geschmacklos mit Neubauten, die wie angeklebt wirken, verschandelt wurde (Abb. 9, 10). Daneben taucht ein Beispiel für Bauen „behind the wall“ auf: Eine Potemkinsche Fassaden als Lärmschutz, dahinter eine Bebauung mit hoher Dichte, der Abstand zur Straße ist nicht ausreichend, der Gehsteig zu schmal. Zufällig fährt der Bauherr vor. Er erklärt, alles sei rechtens. (Abb. 11, 12, 13, 14). Gegenüberliegend findet sich noch der alte Charme des Gebietes. Wie lange wird es dauern, bis die Wiese an der Straße einer Baumaßnahme zum Opfer fällt? Stadtauswärts wurde dunkles, geschwungenes Glasgebäude respektlos vor einem sanierten alten Bauernhaus platziert, davor eine Vitrine mit Mutter Gottes und Kind. Handelt es sich um Denkmalschutz oder den Versuch zu trösten? Trost hat der architektonisch interessierte Flaneur spätestens hier dringend nötig (Abb. 15, 16). Visavis wird „Wohnen am Leechwald“ (Abb. 17) versprochen. Unschöne Laubengänge lassen das Gefühl von hochwertigem Wohnen nicht aufkommen.

Und als umwerfendes Highlight taucht ein Mehrfamilienwohnhaus auf, das wie an den Hang gepresst erscheint (ohne Rücksichtnahme auf die locker am Hang gruppierten älteren Einfamilienhäuser (Abb. 18, 19). Der Bauherr ist stolz darauf. Er hat den Keller jemandem abgekauft und das Projekt umgeplant. Den Herrn hat man vorhin schon getroffen. Und wieder erklärt er, so wie vorhin, alles sei rechtens.

Ein Plakat spricht Bände (Abb. 20).

Ist Mariatrost noch zu retten?

Verfasser/in:
Elisabeth Lechner, Kommentar
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Abb. 1
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Abb. 2
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Abb. 3
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Abb. 4
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Abb. 5
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Abb. 6
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Abb. 7
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Abb. 8
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Abb. 9
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Abb. 10
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Abb. 11
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Abb. 12
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Abb. 13
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Abb. 14
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Abb. 16
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Abb. 20. Fotos: el
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Abb. 17
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Abb. 18
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Abb. 19

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