Tourismus und Architektur

Zur Tourismus-Architektur und ihren Ausformungen gab es am 15./16.06.2006 unter dem Titel „Terminals, Hotels und Wunderwelten“ eine eigene Tagung mit Diskussionen im stad

24/06/2006

„Learning from Las Vegas“, jene 1978 erschienene viel besprochene Studie über Las Vegas von Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour, ist auch heute noch Vorbild für Untersuchungen architektonischer Phänomene, die jenseits des fachinternen Diskurses liegen. Die Architektur des Tourismus ist ein solches Phänomen. Oft ohne Architekten gebaut, schmerzen die Erlebniswelten der Tourismusindustrie das fachmännisch geschulte Auge, beleidigt die Beliebigkeit der zur Anwendung kommenden architektonischen Versatzstücke immer wieder den Geschmack. Aber es gibt auch Gegenbeispiele.

Zur Tourismus-Architektur und ihren Ausformungen gab es letzte Woche (15. Und 16.06) unter dem Titel „Terminals, Hotels und Wunderwelten“ eine eigene Tagung mit Diskussionen im stadtmuseumgraz, veranstaltet vom Institut für Gebäudelehre der TU Graz. Die TeilnehmerInnen der Abschlussdiskussion „Learning from Tourism“ - Ekke Drach (A), Gabu Heindl (A), Michael Zinganel (A) und Birgit Schlieps (D)- machten es sich zur Aufgabe, analog zum prominenten Vorbild der Studie von Las Vegas die Architektur des Tourismus abseits aller formalen Bewertungen analytisch zu untersuchen.

Im Lauf der Diskussion wurde klar, dass Hintergründe für Tourismusarchitektur vor allem in den Erwartungshaltungen der Touristen selbst zu suchen sind. Um ihren Alltag hinter sich zu lassen, sind Touristen generell bereit, überdurchschnittlich viel Geld auszugeben. Dementsprechend hoch ist der Wunsch nach Außergewöhnlichkeit des touristischen Angebots, also auch der Architektur. Hinzu kommt der Wunsch nach einem sinnlich-wohnlichen Ambiente, das zumeist durch den Einsatz bekannter architektonischer Versatzstücke erreicht wird – auch wenn einzelne Beispiele wie etwa in Vorarlberg zeigen, dass dies auch auf reflektiertere Art möglich ist.

Das architektonische Resultat ist in den meisten Fällen eine simulierte Außergewöhnlichkeit, der es an Authentizität mangelt. Dieser Mangel ist allerdings weniger auf die architektonische Eigenschaftslosigkeit der Bauten selbst als auf die Unmöglichkeit zurückzuführen, sich als Tourist diese Orte anzueignen. Das Bedürfnis, sich einen Ort anzueignen, wird von Touristen in seltenen Fällen mitgebracht; umgekehrt fordert die Architektur des Tourismus ihre Bewohner aber auch kaum dazu heraus. Genau hier, so Moderatorin Elke Krasny bei der Abschlussdiskussion am Freitag, liege aber der Schlüssel, um diese Eigenschaftslosigkeit zu durchbrechen: Im Angebot, sich einen Ort durch Eigeninterpretation anzueignen, um ihn spezifisch und unverwechselbar zu machen.

Auch in der dazugehörigen Ausstellung im stadtmuseumgraz, die am 15.06. eröffnet wurde, spielt Las Vegas eine Rolle. Gezeigt werden dort künstlerische Arbeiten von Carola Dertnig, Ulrike Feser, Haubitz + Zoche, Gabu Heindl, Yves Mettler, Sascha Pohle, Sascha Reichstein und Martha Rosler.

Gabu Heindl beschäftigt sich in ihrer Arbeit „Bin City Las Vegas“ ironisch mit dem Müll der Metropole. Der Abfall, der in der Scheinwelt ja kaum zu sehen ist, wird hier als Möglichkeit wahrgenommen, eine eigene Erlebniswelt herzustellen, so dass der Müll zum eigentlichen touristischen Konzept der Spektakelstadt umgewandelt wird.

Einen wesentlichen inhaltlichen Schwerpunkt der Schau bilden „Architektonische Schleusen“ so Kurator Michael Zinganel. Die amerikanische Fotokünstlerin Martha Rosler hat in einer mittlerweile schon historischen Arbeit – vor 1990 bis 1990 die Terminals von Flughäfen fotografiert. Die „Außeralltäglichkeit“ als Destination scheint hier bildlich nicht auf, ist aber subtextuell überall lesbar und erhält durch den 11. September 2001 auch wieder eine ganz andere Konnotation.

Eine andere Art von Schleuse bildet in der Arbeit von Yves Mettler die Berg- und Talstation einer Seilbahnanlage. In Mettlers Arbeit sind es zwei abstrahierte Kartonmodelle solcher Stationen, die einen Dialog über ihre täglichen Erlebnisse führen.

Die „Sinai Hotels“ von Haubitz * Zoche wiederum – sie fotografierten unvollendet gebliebene Luxus-Hotels, bei denen nur die funktionale Planung sichtbar ist - stehen für so etwas wie globalen Tourismus, wo die Reiseziele eigentlich austauschbar sind. Erkennbar auch dadurch, dass jedes Dekor, das irgendwie einen Lokalbezug herstellen würde, fehlt. Alles gleich überall. Ganz anders bei Carola Dertnigs „Seefeld Trilogie“. Ein Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Frühstückspension, in der die Künstlerin ihre Jugend verbrachte. Gleich daneben steht das Haus Jenewein. Dieses 1932 von Siegfried Mazagg erbaute Haus ist ein hervorragendes Beispiel für das Bauen der Moderne in alpinen Regionen. Gäste wie Oskar Werner bewohnten das Haus immer wieder. Es musste einem Haus im „Tiroler Stil“ weichen.

Die Ausstellung und die Diskussionen waren die ersten Veranstaltungen im „Stadtsalon“ im linken Flügel des stadtmuseumgraz. Dort folgt eine lose Reihe von Diskursen aller Kultursparten zu Gegenwart und Zukunft der Stadt und der damit verbundenen Themen.

Noch bis 22. August 2006:

TERMINALS, HOTELS & WUNDERWELTEN

Scripts, Bühnen und die Architektur im Massentourismus

stadtmuseumgraz

Sackstraße 18, 8010 Graz

Öffnungszeiten:

Di-So 10.00-18.00 Uhr

Do 10.00-20.00 Uhr

Mo geschlossen

Verfasser/in:
Franz Niegelhell, Bericht

Weiterführende Links

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Sinai Hotels“ von Haubitz * Zoche

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