Der Aktionsradius Wien lädt im Mai zu einer Veranstaltungsserie ein, in der die aktuelle österreichische Verkehrspolitik von verschiedenen Perspektiven aus begutachtet wird, in der aber auch best practices zukunftsfähiger Mobilitätsmodelle zur Diskussion gestellt werden.
«Das Auto ist wie ein Virus, das sich im Gehirn festsetzt und Verhaltenskodex, Wertesystem und Wahrnehmung total umkehrt. Ein normaler Mensch würde unseren derzeitigen Lebensraum als total verrückt bezeichnen! Wir ziehen uns mehr oder weniger freiwillig in abgedichtete Häuser mit Lärmschutzfenstern zurück, um den Außenraum dem Krach, dem Staub und den Abgasen der Autos zu überlassen. Das ist doch eine völlige Werteumkehr, die uns nicht einmal mehr auffällt ...», sagt Hermann Knoflacher.
Diese Werteumkehr erscheint umso verrückter, als eine Rehumanisierung dieses Lebensraums auch ohne grundsätzliche Änderung des Gesellschaftssystems zu realisieren wäre, politischen Willen vorausgesetzt: durch die Förderung des Radverkehrs, durch eine Stadt- und Regionalplanung, die die Wege zu Jobs, Dienstleistungen etc. extrem verkürzt, vor allem durch den großzügigen Ausbau der Systeme des öffentlichen Verkehrs. Vielleicht ist es der in unseren Gehirnen sich festsetzende Virus, der einen Aufstand der Zivilgesellschaft bis dato hemmt, obwohl in Österreich – und besonders in Niederösterreich (auch in der Steiermark - z. B. Einstellung der direkten Bahnverbindung zwischen Graz und Linz, Forcierung der E-Mobility in Graz; Anm. d. Red.) – der politische Wille in die völlig verkehrte Richtung zielt. Vielleicht trägt der Virus dazu bei, dass eine Politik hingenommen wird, die immer weniger realisiert, was sie verspricht.
Als die ÖBB das gesamte niederösterreichische Regionalbahnnetz dem Land Niederösterreich übertrug, behauptete Landesrat Heuras: «Wir übernehmen doch nicht die Nebenbahnen, um sie zuzusperren. Im Gegenteil: Wir wollen die Linien besser führen und attraktiver machen.» (Kurier, 28.1.2010). Inzwischen ist bekannt: Das Land NÖ macht es nun noch schlechter als die ÖBB. Es liquidiert fast das komplette «Nebenbahn»-Netz.
PROGRAMM (Auszug):
Wenn nicht anders angegeben, Beginn aller Veranstaltungen um 19.30 Uhr.
Ort: Aktionsradius Wien, Gaußplatz 11, 1200 Wien,
_ Dienstag, 3. Mai 2011
WE DON’T PAY: Schwarzfahren
KURZFILME UND DISKUSSION MIT WOLFGANG REHM
Ist der Öffi-Nulltarif für alle eine Utopie? Der kostenlose öffentliche Nahverkehr brächte eine Reihe von Vorteilen mit, darunter freie Straßen und Parkplätze, Effizienzsteigerung durch Abbau von Fahrkartenverwaltung, verbesserte Teilhabemöglichkeiten am öffentlich Leben für finanzschwache BürgerInnen, Tourismusförderung und Umweltschutz. Deshalb sollte man Individuen, die diese Utopie im realen Leben vorwegnehmen, nicht kriminalisieren! Überraschungs-Kurzfilme zum Thema, dazu Infos über die aktuelle griechische «We Don´t Pay»-Bewegung, die gegen ein Abladen der Krisenkosten auf die Metro- und BusbenützerInnen kämpft. Anschließende Diskussion mit Wolfgang Rehm von der umwelt- und verkehrspolitischen NGO „Virus“.
Infos: http://virus.wuk.at
_ Dienstag, 10. Mai 2011
BAHN: SPIELBALL DER BAUWIRTSCHAFT
VORTRAG UND DISKUSSION MIT DR. REINHARD SEISZ
Wer hat Interesse an den großen Baustellen im Bereich der wichtigsten Bahnhöfe der Stadt? Die Fahrgäste? Die PendlerInnen? Die Eisenbahner? Sind diese vermeintlich verkehrspolitisch erzwungenen Umplanungen, die «zufällig» große zentrumsnahe Bebauungsflächen ergeben, nicht Geschenke an monopolistische Investoren aus dem Baukapital? Beeinflussen diese Investoren in ihrem ureigensten Interesse nicht nur die Flächenwidmungs- und Raumordnungspolitik der Stadt, sondern auch die Verkehrspolitik des Staates? «Wer baut, hat recht», hat Friedrich Achleitner, Doyen der österreichischen Architekturkritik, sarkastisch festgestellt. Der Raumplaner und Autor des Aufsehen erregenden Buches «Wer baut Wien?», Dr. Reinhard Seiß, führt dies am Falle Wiens vor und zeigt u.a. am Beispiel der Bahnhofsflächen, dass eine kurzfristig orientierte, bauwirtschaftsfreundliche und liebedienerische Politik Stadtplanung zusehends unmöglich macht. Infos: www.urban+.at
_ Dienstag, 17. Mai 2011
FAHRRADKULTUREN WELTWEIT
VORTRAG UND DISKUSSION MIT ALEC HAGER
Alec Hager, Obmann des Vereins IG Fahrrad und Chefredakteur des Magazins «Velosophie», berichtet über internationale Modelle der Förderung des Fahrrad-Verkehrs durch eine verantwortliche Kommunalpolitik. Sie finden sich überall auf diesem Planeten, von Rio bis nach Kopenhagen. Die letztgenannte Stadt liegt nahe genug, um den politischen EntscheidungsträgerInnen in Wien die ersten Resultate einer bewussten Entscheidung pro Rad vorführen zu können. Kopenhagen ist eine Stadt, in der inzwischen bei jedem Wetter, Tag oder Nacht, von Leuten aller Altersgruppen und sozialen Schichten das Fahrrad gebraucht wird. Fahrradfahren gilt mittlerweile als Symbol für «Danishness». Vortrag mit Fotos und Kurzfilm.
Infos: http://lobby.ig-fahrrad.at
_ Dienstag, 24. Mai 2011
KNOFLACHER UND DIE BAHNRÄUBER
VORTRAG UND DISKUSSION MIT DR. HERMANN KNOFLACHER
In den Staaten mit zukunftsweisender Verkehrspolitik werden Eisenbahnen nicht mehr eingestellt, sondern bestehende betrieblich optimiert und einst eingestellte reaktiviert – wie in der Schweiz. Heute liegen ausreichende Erfahrungen für den Erfolg dieser Verkehrspolitik vor. So hat in Südtirol die Reaktivierung der Vintschgaubahn eindrucksvoll bewiesen, wie man eine Region international massiv aufwerten kann. Nicht nur eine österreichische Fehlentwicklung: die Differenzierung in sogenannte Haupt- und Nebenbahnen. Sie ist aus systemischer Sicht sachlich nicht haltbar. Denn jede Strecke und jeder Bahnhof ist Teil des gesamten Netzes, weil Fahrten in und aus dem gesamten Netz beginnen und enden. Vortrag und Diskussion mit dem großen Querdenker der österreichischen Verkehrsplanung, Univ.Prof. Dr. Hermann Knoflacher (TU Wien).
Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Knoflacher
_ Dienstag, 31. Mai 2011
DIE KRISE DER NEBENBAHNEN
PODIUMS- UND PUBLIKUMSDISKUSSION
Es stimmt nicht, dass sich die öffentliche Hand die Nebenbahnen nicht mehr leisten kann. Um einen Bruchteil des Geldes, das der (bauwirtschaftlich relevante, aber verkehrsplanerisch höchst umstrittene) Koralmtunnel kostet, könnten bequem alle Nebenbahnen flott gemacht werden. Entwicklungen wie Klimawandel, Energiekrisen und Erdölengpässe legen eigentlich eine Renaissance der Eisenbahn drängender denn je nahe, und in vielen anderen Weltgegenden erwachen mit Angebotsverbesserungen und -erweiterungen auch viele Linien, die man schon tot wähnte, aus dem jahrzehntelangen Niedergang zu neuer Vitalität. In Österreich, besonders radikal in Niederösterreich, sind die Weichen aber gegen die Bahn gestellt.
Über Folgen und Alternativen diskutieren DI Dr. Harald Frey (TU Wien, Institut für Verkehrswissenschaften, Fachbereich Verkehrsplanung und -technik), MSc Amrita Enzinger (Grüne Verkehrssprecherin und LAbg. in NÖ), Dr. Josef Baum (Ökonom und Geograph, Proponent der Thayatal-Bahn), moderiert von Mag. Othmar Pruckner (Journalist u.a. beim Trend). Vertreter von ÖBB und Land NÖ haben abgesagt.
INFORMATIONEN:
Aktionsradius Wien
T 01/332 26 94
office@aktionsradius.at
www.aktionsradius.at
- Verfasser/in:
- Redaktion GAT, Empfehlung
