Nachlese zur Veranstaltung ort.04 "Finnland - Die Ästhetik des Praktischen. Juhani Pallasmaa & Olli-Pekka Jokela" am 18.03.2005 im HDA Graz.
"Ort“ – das ist nicht nur das räumliche Umfeld eines Gebäudes. Vor allem Gesellschaft und Kultur bestimmen die Möglichkeiten architektonischen Handelns – beide im Spannungsfeld zwischen globalen Trends und lokalen Bedürfnissen.
………..soweit der Kernsatz der Veranstaltungsreihe zum Thema "Ort" des HDA - Haus der Architektur Graz.
Um lokale Beiträge zur Baukultur der Gegenwart zu artikulieren bedarf es einer Reflexion der eigenen Identität in Bezug auf einen globalen Architekturdiskurs. Somit stehen die Vorträge von Juhani Pallasmaa & Olli-Pekka Jokela zum Thema ort.04 - "Finnland - Die Ästhetik des Praktischen." in einem notwendigen Zusammenhang einer zusammenfassenden Idee. Diese Idee bedarf einer Moderation, die sicher schwieriger ist als die Präsentation der Einzelteile. Die Moderation erst setzt die Einzelimpulse in einen rezipierbaren Gesamtdiskurs, nämlich wie hat ein Zuhörer den Impuls zu verstehen?
Local, Finnland:
Dass ein Land wie Finnland, welches zu 70% aus Wald und 10% aus Seen besteht seine eigene lokale Antwort auf Architekturtypologien hervorbringt ist evident. Das wurde auch durch die beiden Vorträgen von Juhani Pallasmaa (*1936) und Olli-Pekka Jokela (*1955) eindrucksvoll bestätigt.
„Der Wald als Heimat“ war einer der wichtigsten Sätze der Vorträge. Nordlicht, Landschaft, Licht, Sprache, Musik des Waldes, etc. prägen jedes Kind, bevor es mit kommerziellen Strategien der Globalisierung zu tun hat. Somit erlernt jedes Kind die Muttersprache der Architektur vor der alphanumerischen Sprache bevor es den akademischen Begriff der Architektur nur erahnen kann. Die Frage, die wir uns also zu stellen haben ist: Wie kann diesen Stimmen aus der Vergangenheit Gehör verschafft werden bzw. wer moderiert diese existentiell wichtigen Prägungen in eine global neu kommunizierte Moderne? Derzeit sind Architekten dabei eher auf sich alleine gestellt.
Die Veranstaltungsreihe zum Thema "Ort" ist sicherlich ein wichtiger Beitrag zur Verständigung lokaler Architekturproduktion.
Global, Raum ist Kommunikation:
Die Aktivitäten der Referenten - zahlreihe Lehraufträge in Europa und Nord- und Südamerika, Afrika und Asien und Publikationen in zwanzig Sprachen - beweisen die Intention, lokal entwickelte Typologien auch international zu diskutieren, um dadurch wieder Instrumente aus dem internationalen Erfahrungsaustausch für sich selbst zu entwickeln. Architekten haben die Möglichkeit über gebaute Abbilder ihrer Gesellschaft zu kommunizieren. Soweit ist die Botschaft von Juhani Pallasmaa und Olli-Pekka Jokela auch angekommen. Ihre gebauten Zitate, provozieren einen Diskurs.
Das Charakteristikum der finnischen Architektur seit den frühen Bauernhäusern ist die "Waldarchitektur". Sie ist tendenziell polymorph und polyrhythmisch und betont die Materialität und das Haptische vor der Geometrie und dem Erscheinungsbild. Die kulturelle Überlieferung will eine zurückhaltende, wohltemperierte und bescheidene Architektur, eine Ästhetik der "edlen Armut", nicht Überschwang oder übertriebene Expression, was sich in den gezeigten Bauwerken auch widerspiegelt.
Heimat ist ortlos, die Überwindung des nationalen Gedankens:
„Heimat ist dort wo ich mich auskenne“, sagte mir einmal ein kluger Kopf. Heimat hat also auch mit Bewegung zu tun. Heimat ist somit ein extrem subjektives Empfinden und als Summe aller Erfahrungen eines Menschen zu sehen.
Ich bin nicht der Meinung der Veranstalter, dass es nur einer kritischen Redaktion des internationalen Architekturdiskurses bedarf um die „best practices“ zur Erhaltung regionaler Selbstbestimmung zu finden.
Erst die Bereitschaft zur Aufgabe erlernter Muster und Entwicklung überregionaler Strategien ermöglicht das Abenteuer Architektur als globale Kommunikation zu leben.
Erst wenn wir gelernt haben den Ort (Heimat) nicht als örtliche Region oder metrisch abgegrenztes Territorium zu sehen wird eine neue Moderne möglich sein. Architekturqualität ist eben keine Frage des Standorts, sondern von Haltungen und Produktionsbedingungen.KURZBIOGRAFIEN DER REFERENTEN:
Juhani Pallasmaa (*1936)
Pallasmaa praktiziert seit den frühen 1960ern als Architekt und gründete 1983 in Helsinki sein Büro Pallasmaa Architects . Zahlreihe Lehraufträge in Europa und Nord- und Südamerika, Afrika und Asien und Publikationen in zwanzig Sprachen.
Professor an der Technischen Universität Helsinki (1991-97), Direktor des Museums für finnische Architektur (1978-1983) sowie Leiter des Instituts für Industriekultur Helsinki (1970-1972).
Gastprofessuren z.B. an der Washington University in St. Louis (1999-2004), University of Virginia (1992) and Yale University (1993).
Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen:
Architectural Essays, Helsinki 2005 (in Druck); Sensuous Minimalism, Beijing 2002; The Architecture of Image: Existential Space in Cinema, Helsinki 2001; Alvar Aalto: Villa Mairea, Helsinki, 1998; The Eyes of the Skin, London 1996; and Animal Architecture, Helsinki 1995.
Olli-Pekka Jokela (*1955)
Diplom der Technischen Hochschule Helsinki (1982). Mitarbeiter in den Büros von Heikki und Kaija Sirén (1977-80); Kaarina Löfström und Matti K. Mäkinen (1981-82); Vilhelm Helander und Juha Leiviskä (1982-86). Jokela gründete mit Pentti Kareoja 1987 ein eigenes Büro in Helsinki.
Zu seinen wichtigsten Projekten gehören das Government Office Building in Rauma (1992) und das Außenministerium in Helsinki (1986-1993).
- Verfasser/in:
- Gernot Ritter
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