Stadtmuseum Graz: Ein im Jahr 2008 vom Heidelberger Kunstverein und seinem Leiter Johan Holten initiiertes Projekt setzt sich vor allem über künstlerische Positionen mit dem weltweit zu beobachtenden Phänomen der Absetzung sozialer Gruppen innerhalb urbaner Gefüge auseinander.
Nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung lebt gegenwärtig in urbanen Umgebungen, leitet Johan Holten seinen Essay in dem aufschlussreichen Katalog zu der vom Grazer Stadtmuseum übernommenen Ausstellung Island + Ghettos ein. Weniger denn je aber, führt Holten weiter aus, löst die Stadt heute ihr vormals utopisches Verspechen ein, Habitat für unterschiedlichste Bevölkerungs-Gruppen und -Individuen zu sein.
Aus einer globalen Sicht bewirkt unter anderem die zunehmende Migrationstendenz zunächst kaum merkliche Veränderungen in der territorialen Organisation von Städten. Öffentlicher Raum aber wird sukzessiv privatisiert. Einkaufszentren und Fußgängerzonen werden zur „Bühne“ kommerziellen Handelns. Immer deutlicher nehmen private Investoren Einfluss auf Stadtentwicklungsgebiete. Über lange Zeit vernachlässigte Quartiere werden vom wachsenden Immobilienmarkt „aufgewertet“ und attraktiv gemacht für betuchtere Bevölkerungsschichten, mit denen ehemalige Bewohner nicht mithalten können und zum Wegzug „bewegt“ werden. (Zu solcher Gentrifizierung folgt demnächst auf GAT eine Nachschrift über Beispiele in Graz und Berlin nach einem Vortrag der Soziologen Isabel Burtscher und Andrej Holm.)
KünstlerInnen als Stadtentwickler
Auf zwei Schwerpunkte werfen Kurator und KünstlerInnen vorrangig ihr Augenmerk: Der Venzolaner Alexander Apostol setzt sich in seinen großformatigen Fotografien mit der Entwicklung Caracas’ von der beschaulichen Stadt zur hektischen und gleichwohl gefährlichen Megacity auseinander. Zwischen die ehemals organisch gewachsenen Wohngebäude werden nun solitäre fensterlose Betonblocks geklotzt, die in keinem Bezug mehr zu ihrer Umgebung stehen. Diesen gegenüber stehen die Barrios, die von Menschen „auf der anderen Seite des sozialen Grabens“ bewohnt werden.
In ihrer Fotoserie „Body Techniques“ (2007) thematisiert die Londonerin Carey Young dagegen neu erschlossene Stadtgebiete in Dubai; Boom Cities in nur konstruiert wirkenden Perspektiven und im Vergleich zum eigenen Körper. Tatsächlich sind diese Fotos in realen Situationen aufgenommen und lassen doch an Computersimulationen denken bzw. an ideale Perspektivenkonstruktionen der Renaissancemalerei. Inhaltlich nimmt Young aber auch Bezüge zu Arbeiten von Richard Long auf oder zu jenen von Valie Exports „Metamorphosen der Identität“.
„Crossing Gates“ (2008) von Michael Zinganel und Michael Hieslmair sind Modelle von Wohnvierteln aus Berlin, Caracas und Dubai, an denen die Wege von Arbeitsmigranten in diesen Städten nachgezeichnet sind. Die ebenfalls aus Österreich stammenden Sabine Bitter und Helmut Weber arbeiten seit 1993 über urbane Strukturen. Für die Ausstellung haben sie die von Hugo Chávez initiierten Umgestaltungen des Stadtteils 23 de Enero in Caracas recherchiert. Schier unglaublich wirken die Bilder von sozialen Wohnblocks – Superblocks – inmitten von Barrios auf Flächen von mehreren Quadratkilometern.
Seit 1998 arbeitet der Salzburger Architekt Hubert Klumper mit dem 1993 von Alfredo Brillembourg gegründeten Caracas Urban Think Tank (U-TT). Eine wandgroße Collage in der Ausstellung zeigt Logistik und Lokation der im Bau befindlichen Metro Cable Car, die als innerstädtische Bergbahn eine Verbindung zwischen den Armenvierteln und dem Stadtkern herstellen soll.
„Islands + Ghettos“ bis zum 5. Oktober 2009, im Stadtmuseum Graz, Sackstraße 18, 8010 Graz. Geöffnet DI-SO 10.00-18.00 Uhr.
- Verfasser/in:
- Wenzel Mracek, Empfehlung
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