Tanz am Dach

Am 20. Oktober entscheiden Unesco-Vertreter über den Dachausbau von Kastner & Öhler. Der Umbau ist aber jetzt schon so gut wie fix.

19/10/2006

Am 20. Oktober entscheiden Unesco-Vertreter über den Dachausbau von Kastner & Öhler. Der Umbau ist aber jetzt schon so gut wie fix.

Graz, an einem sonnigen Nachmittag im Oktober. Das Kaufhaus Kastner & Öhler hat die steirischen Spitzen von Arbeiterkammer und ÖGB zum „Ausflug aufs Dach“ des Warenhauses geladen. Inmitten rostender Blechdächer aus den 1950er-Jahren werben die beiden Kastner-Vorstände Martin Wäg und Thomas Böck für ihre nicht unumstrittenen Dachaufbau-Pläne (GAT und der Falter berichteten). Und sie lassen die Muskeln spielen: 100 zusätzliche Arbeitsplätze würden durch das neue Restaurant am Dach entstehen, sagt Böck, abgesehen von den 500 bestehenden Arbeitsplätzen, die durch den Neubau gesichert wären. Die anwesenden Herren nicken verständnisvoll.

Am 20. Oktober prüfen Unesco-Vertreter erneut Ausbaupläne von Kastner & Öhler, die inmitten der Grazer Altstadt eine Aufstockung des Haupthauses um ein volles Geschoß vorsehen. Das Projekt, hervorgegangen aus einem internationalen Architekturwettbewerb, ist von der Unesco zuletzt negativ beurteilt worden. Volumen und Material wären nicht vereinbar mit dem Welterbe und würden das Bild der Grazer Dachlandschaft empfindlich stören. Da Graz durch Thalia-Umbau und Kommod-Haus-Abriss bereits früher negativ aufgefallen war, drohe bei einem Bau ohne Abänderungen die Eintragung der Grazer Altstadt in die „Rote Liste“ besonders gefährdeter Welterbestätten. Bei weiteren Vergehen könne dies auch die Aberkennung des erst 1999 verliehenen Titels nach sich ziehen.

„Das Weltkulturerbe ist eine wunderbare Sache. Aber für mich gehen Arbeitsplätze in jedem Fall vor einem Titel, der keine Jobs sichert“, leistete ÖGB-Chef Horst Schachner bei seinem Besuch am Dach jedenfalls Rückendeckung für Kastner & Öhler. Und er ist nicht der einzige: Nachdem mittlerweile alle Rathausparteien sowie interessierte Bürger auf das Dach geführt wurden, glaubt Kastner-Vorstand Wäg die öffentliche Meinung nun hinter sich. Dem 20. Oktober – von Kastner & Öhler zum „Tag der Entscheidung“ hochstilisiert – blickt er gelassen entgegen. Und sollte die Unesco trotzdem bocken, weiß Wäg: „Yellowstone ist auch schon seit 8 Jahren auf der Roten Liste.“

Auch wenn der Vergleich hinken mag: Alleine ist man in Graz mit dem Ärger ums Erbe beileibe nicht. Köln stand zwei Jahre lang auf der Roten Liste, bevor ein geplantes Hochhausprojekt nahe dem Kölner Dom von 160 auf 60 Meter gekürzt wurde. Neu auf die Rote Liste schaffte es Dresden mit einem geplanten Brückenbau über ein welterbe-geschütztes Augebiet nahe der Stadt. Vor einem „beträchtlichen Image-Schaden für die Bundesrepublik“ bei Aberkennung des Titels wird seither in deutschen Medien eindringlich gewarnt. Angst vor einer „unglaublichen Blamage“ führte letztendlich auch in Wien zum Einlenken im Streit mit der Unesco um den Bau von Hochhäusern in Wien-Mitte – nur 800 Meter vom Stephansdom entfernt. Nach erstem Groll über die Unesco stoppte 2003 Wiens Bürgermeister Michael Häupl persönlich das Projekt. Jetzt soll dort ein 70 Meter hoher Turm gebaut werden. Drei Jahre später war man schneller: Ein Hochhaus in Sichtweite von Schloss Schönbrunn wurde in vorauseilendem Gehorsam von 120 auf 60 Meter geschrumpft.

In Graz nimmt Kastner & Öhler das Heft lieber gleich selbst in die Hand und betreibt Lobbying in eigener Sache. Aber auch der Konsens mit Politik und Denkmalschutz wird gesucht. Basierend auf einem Anfang 2006 erstellten Gutachten der Stadt Graz wurde der Wettbewerbsentwurf nun überarbeitet. Die Höhe der Projekts wurde zwar nur um schlanke eineinhalb Meter reduziert, dennoch hofft man, die Unesco positiv zu stimmen: Die serielle Erscheinungsform der Aufbauten wurde durch geschickte Annäherung der Dachgeometrie an die traditionelle Satteldachform entschärft.

„Natürlich kann der Titel aberkannt werden“, ließ Irene Wiese von Ofen, Vertreterin der Unesco in der Causa Kastner, zuletzt zwar wissen. Angst vor einer Aberkennung – sie wurde weltweit noch nie vollzogen – scheint man in Graz aber nicht zu haben. Im Gegenteil, die Stimmung kippt. Nachdem sich neben ÖVP und SPÖ zuletzt auch die FPÖ positiv zum Projekt geäußert hat, ist eine Absegnung des für den Bau nötigen Bebauungsplans im Grazer Gemeinderat so gut wie fix. Mit oder ohne Unesco.

Der Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.

Verfasser/in:
Fabian Wallmüller, Kommentar; erschienen am 18.10.06 im Falter Stmk.

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Der Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.
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Lobbying über Graz: Die Stimmung ist zugunsten des Projekts gekippt. Foto: Max Wegscheidler
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Die Fotomontage zeigt die "abgespeckten Version" des Dachaufbaues von Nieto Sobejano Arquitectos, Madrid, die am 20.10. der Unesco-Delegation vorgelegt wird. (Blick vom Türkenbrunnen am Grazer Schlossberg)

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