steirisc[:her:]bst 2005: polis on display

Der steirische herbst entdeckt die Stadt: als Ausstellungsort, Ort der Inszenierung und Anlass zur Diskussion über die Zukunft des Urbanen. Ein Überblick.

27/09/2005

Der steirische herbst entdeckt die Stadt: als Ausstellungsort, Ort der Inszenierung und Anlass zur Diskussion über die Zukunft des Urbanen. Ein Überblick.

Im Süden von Graz, knapp außerhalb der Stadtgrenze gelegen, lässt sich eines der schönsten, weil eindringlichsten Symbole für die gegenwärtige Misere der Stadt besichtigen. Seit gut einem Jahr thront dort auf einer kleinen Anhöhe der Schatten des Grazer Uhrturms – über der Shoppingcity Seiersberg. Die Stahlskulptur, einst kunstsinniges Duplikat des Grazer Wahrzeichens auf dem Schlossberg, wurde nach dem Kulturhauptstadtjahr von eben jener Shoppingcity eingekauft und steht seither symptomatisch für jene Veränderungsprozesse, denen die Stadt heute unterworfen ist – in dreierlei Hinsicht. Denn der Turm, mit dem die kleine Gemeinde Seiersberg der benachbarten Stadt die lange Nase dreht, ist nicht nur Symbol für die Verlagerung des öffentlichen Lebens der Stadt aus ihrem Zentrum an die Peripherie, wie auch für die Aushöhlung städtischer Symbole zum Zwecke ihrer shoppinggerechten Wiederverwertung. Er illustriert darüber hinaus anschaulich die neue Rolle der Kunst, die sich im Zeichen von City-Marketing und Eventkultur zunehmend ins Kommerzielle verschoben hat.

Mit dem Thema „Stadt“ widmet sich der diesjährige steirische herbst daher nicht nur der Polis als Kulminationspunkt gesellschaftlicher Widersprüche, als Ort der Verdichtung wirtschaftlicher, politischer, kultureller und sozialer Kräfte. Ebenso wird die aktuelle Frage einer Neupositionierung der Stadt – konkret der europäischen – angesichts struktureller Veränderungsprozesse auf allen Ebenen in den Raum gestellt. Beides behandelt das steirische Kulturfestival in einem umfangreichen Programm, das am kommenden Donnerstag eröffnet wird.

Die Stadt als Ort der Inszenierung reflektiert beispielsweise eine Reihe szenischer Werke, die den öffentlichen Raum zur Bühne machen: „Opera/Werke“, eine Stadtoper in sieben Akten, wird an ebenso vielen Orten in der Stadt aufgeführt; „mnemonic nonstop“ veranstaltet Stadtspaziergänge, die Graz tänzerisch neu vermessen; „Brüllen“ sind literarische Telefongespräche in der Grazer Altstadt, die von PassantInnen mitgehört werden können. Die Performancereihe „Bodies–Cities–Subject“ widmet sich unter anderem der Kommerzialisierung von Kunst durch kommunale Image-Kampagnen und reagiert darauf mit der Einrichtung eines Tanzladens, in dem Tänze käuflich erworben werden können; ähnlich handelt der Grazer Künstler Fedo Ertl, der im Stadtmuseum eine Bäckerei und ein Kunstpostamt eröffnet.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum war bereits in früheren Jahren wesentlicher Bestandteil des steirischen herbsts und ist deswegen nicht unbedingt neu; sie demonstriert allerdings den fortgesetzten Willen, die Verantwortung der Kunst gegenüber der sie umgebenden Gemeinschaft neu zu bestimmen. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang vor allem die Auseinandersetzung mit jenen Orten der Stadt, die durch die kollektive Aufmerksamkeit bislang vernachlässigt wurden. „Nicht einmal Hundescheiße“ heißt eine theatralische Inszenierung des Theater im Bahnhof auf einer grünen Restfläche der Stadt; „BLANK“ im Kunstverein Medienturm zeigt Arbeiten aus dem Bereich der bildenden Kunst zu Leerflächen und Nicht-Orten; „Vorstadt/Suburbia“, eine Ausstellung der K.U.L.M.-Akademie in Pischeldorf, fragt nach Funktion und Stellenwert von Kunst in vorstädtischen Lebensbereichen. Vor die Stadtgrenzen wagt sich auch der Grazer Kunstverein mit „GU–Graz Umgebung“: Eine Doublette des Kunstvereins vor den Toren der Shoppingcity Seiersberg wird zum Ausgangspunkt von Erkundungstouren durch die Vorstadt.

Die Auseinandersetzung mit dem ländlich-städtischen Raum steht auch im Mittelpunkt des Symposiums „Neues aus den Agglomerationen“ an der TU Graz am 14. 10. 2005, unter anderem mit einem Vortrag des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas. Das Projekt „City Upgrade“ im medien.KUNSTLABOR erarbeitet Strategien und Konzepte, die Stadt intelligent neuen Bedürfnissen anzupassen. Die Zukunft der Polis steht nicht zuletzt auch im Zentrum der Ausstellung „M Stadt“ im Kunsthaus Graz. Sechs Städte mittlerer Größe – Basel, Krakau, Ruhrstadt, Trieste Ljubljana und Graz – sind dabei Ausgangspunkt vielfältiger künstlerischer Strategien einer inhaltliche Neuausrichtung der Stadt.

Es sind vor allem jene letztgenannten Veranstaltungen, die über die ästhetische Rezeption des Themas hinaus eine gewisse Nachhaltigkeit auch für zukünftige urbane Entwicklungen erwarten lassen. Das Mahnmal des Grazer Uhrturmschattens fordert jedenfalls nicht nur die im steirischen herbst versammelten Künste, sondern auch Politik und Stadtplanung geradezu heraus. Zur allgemeinen Beruhigung angesichts so viel Veränderung soll es dennoch nicht unerwähnt bleiben, dass auch in Zeiten, in denen sowohl die Rolle der Stadt als auch jene der Kunst in Bewegung geraten ist, dem steirischen herbst zumindest eine nicht unwesentliche Konstante erhalten bleibt: Die herbstbar gibt es auch in diesem Jahr, und zwar in bewährter Manier im Palais Thienfeld.

steirisc[:her:]bst 2005: polis on display. Eröffnung: Donnerstag, 29. 09. 2005, 19:30 Uhr, Helmut-List-Halle. Eröffnungsrede: Kathrin Röggla. Eintritt frei.

Verfasser/in:
Fabian Wallmüller, Kommentar

Weiterführende Links

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steirisc[:her:]bst 2005: polis on display. 29. September bis 30. Oktober 2005. Foto: A. T. Schaefer
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M Stadt – Europäische Stadtlandschaften. Kunsthaus Graz. Foto: Julian Opie
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BLANK – Urbane Zwischenräume. Kunstverein Medienturm. Foto: Pfaffenbichler/ Schreiber
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Vorstadt/Suburbia. K.U.L.M.-Akademie, Pischelsdorf. Foto: Klaus Schafler
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GU – Graz Umgebung, Produktion einer „rurbanen“ Landschaft. Grazer Kunstverein, Shoppingcity Seiersberg. Foto: arquitectos
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City Upgrade – High Spirited Network City. Medien.KUNSTLABOR. Foto: ORTLOS architects
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herbstbar – oder: Kunst im Zeichen ihrer umfassenden Vermarktung. Foto: steirischer herbst

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