Steigende Gebäudeeffizienz als Trend: Hat Heizen noch Zukunft?

Die provokante Frage im obigen Titel wurde im Februar bei einem Symposion für Energieinnovation an der Technischen Universität Graz aufgeworfen.

15/03/2010

Die provokante Frage im obigen Titel wurde im Februar bei einem Symposion für Energieinnovation an der Technischen Universität Graz aufgeworfen. Der Themenkomplex Gebäudeeffizienz und Erneuerbare Energien bildete heuer einen Schwerpunkt der größten deutschsprachigen Veranstaltung auf dem Gebiet der Elektrizitätswirtschaft und damit verbundener Fachbereiche. Rund 600 Experten aus Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft diskutierten auf der Tagung Eninnov2010 u.a. über Fragen des Klimaschutzes, die Perspektiven für den Passivhausstandard, Sanierungen und Gebäudedämmung sowie konkurrierende Heizungssysteme.

Der Gebäudesektor ist nicht nur in Österreich einer der größten Energieverbraucher und steht angesichts der durch die EU-Richtlinien vorgegebenen Reduktionsziele im Fokus der Aufmerksamkeit. Rund 30% der CO2-Emissionen in der europäischen Union werden allein durch den Gebäudebereich verursacht. Angesichts des vorhandenen Immobilienbestandes – vor allem aus den Nachkriegsjahrzehnten – dessen Energiestandards aus heutiger Sicht großteils als mangelhaft angesprochen werden müssen, kommt der gezielten Dämmung von Problemzonen in der Hausstruktur besondere Bedeutung zu, ergibt eine Studie von Georg Baumgartner, Christoph Gutschi und Udo Bachhiesl.

Aus wirtschaftlicher Sicht amortisiert sich dieser Analyse zufolge insbesondere die Dämmung von Geschoß- und Kellerdecken sowie von Außenwänden, „während sich eine reine Erneuerung des Energiesystems ohne thermische Maßnahmen an der Gebäudehülle kaum im Amortisationszeitraum von etwa 20 Jahren rechnet“. Hinsichtlich der Kosten ist der Anreiz zum Umstieg von fossilen Energieträgern derzeit als gering zu bezeichnen, meinen die Experten.

Untersuchungen aus Deutschland von Patrick Jansen (FZ Jülich) zeigen, dass energetisch effiziente Wohngebäude einen wesentlichen Beitrag zu den Klimaschutzzielen leisten können. Nach der neuen Gebäuderichtlinie sollen Neubauten ab spätestens 2021 ohne Wärmezufuhr aus fossilen Energien betrieben werden. Dennoch seien die größten Potenziale im Altbestand zu verorten, dessen Sanierung mit Hilfe europäischer Förderprogramme beschleunigt werden sollen, fordert Hansen. Ebenfalls verstärkt in Betracht gezogen werden sollen neben betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten die Lebenszykluskosten von Gebäuden, erklärt Sebastian Goers vom Energieinstitut an der Johannes Kepler Universität Linz. Damit müsste auch den Entsorgungskosten der Altstoffe sowie Umweltschäden Rechnung gezollt werden.

Mit einer mittelfristigen Reduktion des Energiebedarfes für Gebäude rechnet Andreas Müller (TU Wien), ausgehend von der in spätestens 10 Jahren geforderten Energieautarkie für alle neu errichteten Gebäude. Seiner Analyse zufolge hat der Energiebedarf im Wohnbereich bereits seinen Sattelpunkt erreicht und ist mittlerweile im Sinken begriffen. Einzige Ausnahme bilden derzeit noch die Nicht-Wohngebäude, bei denen sich aber ebenfalls schon eine Trendumkehr abzuzeichnen beginnt. In den kommenden 40 Jahren wird es in jedem Fall zu einer massiven Verminderung des Energieeinsatzes kommen, der in der Größenordnung von 45 bis 65% liegen wird, erklärt Müller: „Für den allergrößten Anteil des verbleibenden Verbrauchs werden die bereits heute bestehenden Gebäude verantwortlich sein.“ Deswegen sei bei den laufenden und zukünftigen Sanierungen das Augenmerk auf die Einhaltung der höchsten Qualitätsstandards zu legen, um einen so genannten „Lock-in-Effekt“ zu vermeiden, der eine Weiterschleppung hoher Verbrauchswerte bedeuten würde.

Mit neuen Technologien für die derzeit in Österreich noch relativ wenig verbreiteten Passivhäuser sollen diese interessanter werden. Neue Kompaktgeräte managen nicht nur Lüftung, Heizung und Warmwasseraufbereitung, sondern auch als neues Element die passive Kühlung. Josef Seidl (Fa. Drexel und Weiss) sieht dabei neben dem Einsatz in wärmeren Gefilden und einer Komfortsteigerung auch die Ausweitung architektonischer Spielräume als großen Vorteil. Bei Probeprojekten in Graz Umgebung blieb so die gemessene Temperatur auch im Hochsommer stets unter 24,5 Grad, was durch die Verlegung eines einfachen Sole-Kreislaufs erzielt wird. Daneben ergibt sich mit relativ bescheidenen Mehrkosten von etwa 1.000 Euro eine Reduktion des Strombedarfes für Pumpen sowie den übrigen Installationsaufwand. Da auch Häuser mit einem herkömmlichen Pellets-Heizungssystem zusätzlichen Stromverbrauch für Pumpen, Förderschnecken etc. von rund 1.000 kWH pro Jahr verzeichnen, bilden laut Seidl Passivhäuser mit einem Gesamtverbrauch von rund 1.400 kWh (Haus Reinelt-Bruder) für Wärmepumpen eine mehr als attraktive Alternative. Beim zweiten Objekt ergibt sich aus der hauseigenen Photovoltaik-Erzeugung von 4.900 kWh sogar ein deutlicher Überschuss gegenüber einem Gesamtverbrauch (Heizung, Lüftung und Warmwasser) von 2.800 kWh im Jahr.

Verfasser/in:
Josef Schiffer, Bericht

Weiterführende Links

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Volles Haus bei der Tagung Eninnov2010 auf der TU Graz
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Andreas Müller
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Josef Seidl. Fotos: TU Graz

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