Was macht der Architekt, wenn es nichts zu bauen gibt?
Antworten auf diese, leider nicht rein hypothetische Frage gab der deutsche Architekt und Stadtplaner Stefan Rettich im Rahmen eines Vortrags an der TU Graz, zu dem das Institut für Stadt- und Baugeschichte am 22. März eingeladen hatte. Institutsvorstand Simone Hain stellte Rettich als einen Architekten für Kommunikation vor, der trotz vieler theoretischer und kunstaffiner Arbeiten doch stets ein bauender Architekt geblieben ist.
Das Industriezeitalter ist zwar nicht zu Ende, aber es ist aus Europa und den USA umgezogen nach China und überall sonst hin, wo billiger produziert werden kann. Diese Entwicklung hat schon länger ein Phänomen zur Folge, das sich zunächst in den großen Industriestädten Großbritanniens und den Industrieregionen Ostdeutschlands bemerkbar machte: die Schrumpfung. Längst sind Städte und Regionen in ganz Europa – auch in Österreich – betroffen, wie etwa das obersteirische Eisenerz, mit dem sich ein Projekt der TU Graz beschäftigt. Der Umgang mit entvölkerten Innenstädten, fast völlig leer stehenden Stadtvierteln und riesigen Industriebrachen ist eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte, die in der Öffentlichkeit, aber auch unter den Architekten, noch zu wenig Beachtung findet.
Leipzig, wo Stefan Rettich seit 13 Jahren das Architekturbüro KARO betreibt und sich als Planungstheoretiker mit dem Phänomen der Shrinking Cities beschäftigt, ist eine Stadt, in der gleichzeitig Schrumpfung und Wachstum stattfinden. Während Funktionen wie die Messe und große Betriebsansiedelungen an den Stadtrand ausgelagert werden, herrscht in so genannten Umstrukturierungsflächen im Zentrum ein hoher Leerstand. Begonnen hat diese Entwicklung mit dem chronischen Sanierungsunwillen der DDR-Führung und sie setzt sich bis heute fort. Teilweise wird direkt neben Abbruchhäusern neu gebaut; die Stadt frisst sich selbst auf, wie Rettich es prägnant formuliert. Als Folge ist eine gefährliche Ausdünnung des sozialen Raums zu beobachten.
Rettich und seine Partner entwickeln neue urbane Strategien, um den komplexen Problemstellungen schrumpfender Städte und Regionen zu begegnen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Konzept von Kern und Plasma, bei dem zwischen permanenten, dichten Kernbereichen der Stadt ein variables Feld existiert, das schrumpfen und wachsen kann.
Genau dieser Zwischenraum mit seinen temporär veränderlichen Zuständen ist es, der Rettich in seinen Projekten interessiert. Im Rahmen des Architektennetzwerks L21 versucht er unter anderem, das Thema Leerstand in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern und, teils spielerisch, eine Partizipation der Bevölkerung zu erreichen. In vielen Fällen wird mit kulturellen Zwischennutzungen der Wert von leer stehenden Gebäuden gesteigert und so der Einstieg von Investoren erleichtert. Sein Büro KARO tritt dabei in der Rolle des „architektonischen Klempners“ auf, der für die dort arbeitenden und wohnenden Künstler je nach Bedarf kleine Eingriffe vornimmt.
Humorvoll begegnet die Initiative AC Hottich der Wiederaufbau- und Restaurationsdebatte in Deutschland und versucht, eine differenzierte, kritische Öffentlichkeit herzustellen. Ebenso wird die Nichtakzeptanz der Moderne in der Diskussion über schützenswerte Baudenkmäler thematisiert: Unter 15.000 geschützten Bauten finden sich nur 20, die nach 1945 errichtet wurden. Mit einer medialen Nachbildung während einer Jubiläumsveranstaltung erinnerte die Gruppe an die inzwischen abgetragene, „Blaues Wunder“ genannte Fußgängerbrücke über den Leipziger Ring, die bei den Montagsdemonstrationen vor dem Zusammenbruch der DDR eine tragende Rolle spielte.
Am Beispiel des Projekts Lesezeichen für Salbke in Magdeburg demonstrierte Rettich, wie in einem partizipativen Prozess neue Impulse in einem, von vielen abgeschriebenen Viertel gesetzt werden können. Auf der Brachfläche einer in den 80er-Jahren abgebrannten Bibliothek sollte eine Freiluftbibliothek entstehen, um dem von zunehmendem Leerstand betroffenen Straßenzug wieder neues Leben einzuhauchen. Die Architekten eröffneten ein Planungscamp vor Ort, in dem sie aktiv die Bevölkerung in den Entwurfsprozess einbanden. Zur öffentlichen Kommunikation des Projekts veranstalteten sie ein Lesefest, organisierten Büchersammlungen und errichteten gemeinsam mit den Anrainern einen 1:1-Prototypen aus Bierkisten. Die verstärkte Außenwahrnehmung sollte auch die Politik unter Zugzwang setzen, das städtebauliche Experiment zu unterstützen. Nach vier Jahren Entwicklungszeit wurde die Bibliothek unter der Wiederverwendung von typischen 70er-Jahre-Kunststoffelementen einer ausgemusterten Kaufhausfassade fertiggestellt.
Auf die abschließende Frage, ob es denn tatsächlich gelingen könne, Raum schönzureden, antwortete Rettich gleichermaßen mit einem Aufruf an die Kreativität und den Mut der Architekten und Studenten: „Wo viel leer ist, ist viel Platz zum Experimentieren!“
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Bericht

