Nachlese zur Konferenz des Kunstvereins < rotor > , von 11. bis 12. März 2011, im Theater im Bahnhof in Graz.
Im Rahmen des Projektes „Annenviertel! Die Kunst des urbanen Handelns“ veranstaltete der Kunstverein < rotor > (Anton Lederer, Margarethe Markovec) die Konferenz Stadtteilkulturen. Vielfalt, Teilhabe, Verhandlungsräume, bei der lokale AkteurInnen des „Viertels“ rund um die Grazer Annenstraße sowie internationale Kunstschaffende und WissenschaftlerInnen miteinander Aspekte, Möglichkeiten und Entwicklungen des künstlerischen Handelns im städtischen Raum diskutierten. Für die Konzeption mitverantwortlich zeichneten die Akademie der Bildenden Künste Wien, vertreten durch Elke Krasny, das Institut für Stadt- und Baugeschichte der TU Graz, vertreten durch Judith Laister. Mitveranstalter war zudem das Stadtteilmanagement Annenviertel in Person von Simone Reis.
Das ambitionierte (zweisprachige) Programm der Konferenz, das 14 Einzelvorträge und fünf Roundtables enthielt, lässt sich grob in drei Teile gliedern: Reflexionen allgemeiner Bedingungen der Teilnahme und –habe an Praktiken im öffentlichen Raum mit Fallbeispielen, Präsentationen von einzelnen Projekten und Beiträge zu lokalen – Annenviertler – Thematiken. Zur ersten Gruppe zählt der Beitrag von Alexa Färber über eine Initiative in Kreuzberg, anhand der sie die These vom „unternehmerischen Selbst“ und der Frage nach Partizipation und Zeitökonomie durchdeklinierte. Ebenso reflektierend beschäftigte sich Monika Litscher (Ethnologin, Hochschule Luzern) mit der Wegweisungspraxis in schweizerischen Städten und Einzelschicksalen von derart ausgeschlossenen StadtbewohnerInnen. Und Sabine Hess (Ethnologin und Migrationsforscherin, Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie, Uni München) erörterte die Rolle von MigrantInnen, wobei sie den Diskurs um Ghettoisierung, Parallelgesellschaft und Multikulturalität einer scharfen Dekonstruktion unterzog und anhand einer mit Studierenden konzipierten Ausstellung Alternativmodelle zur Deutung migrantischer Stadtgeschichte anbot.
Ein spannendes Projekt rund um das Modell des Rhizom boten die ArchitektInnen Doina Petrescu und Constantin Petcou von Atelier d’Architecture Autogérée (AAA) (Paris/Sheffield): Sie schufen mit dem Modell „ECObox“ gemeinsam mit AnwohnerInnen auf einem Stück Brachland in Paris einen mobilen Garten und ein temporäres Kulturzentrum. Nach Ende des Projekts errichteten sie selbiges in anderen Bereichen, sodass ein Geflecht (Rhizom) an sozialen Beziehungen, Verbindungen der Personen und der Ideen im Stadtteil – und darüber hinaus – entstand.
In Pula werden vormalige jugoslawische Militäreinrichtungen von AktivistInnen in neue Aktionsfelder umgewandelt, wie Emil Jurčan als Vertreter der „Pulska grupa“, die diese Bewegung unterstützt, darlegte.
Hackney Wick, ein Viertel in East London, wurde von der Gruppe „public works“ neu interpretiert. Vermittels gemeinsamer Aktionen (Spaziergänge, Pflanzensetzung, Schilderaufstellen, Drucke etc.) rund um einen Curiosity Shop sollten – nach Andreas Lang – alternative Stadtteilidentitäten konstruiert und gelebt werden.
Den Kampf um einen Park mitten in einem verbauten Industrieviertel von Mailand führten Mariette Schiltz und Bert Theis vor: Es ging dabei um nichts weniger als um die Verteidigung des öffentlichen Raums gegen Verbauung und Spekulation. Leider schlug diese lebendige Initiative fehl, aber ein neues Terrain ist bereits im Visier der AktivistInnen.
Erfolgreicher waren Margit Czenki und Christoph Schäfer, die auf Basis von Lefebvres „Recht auf Stadt“ über die Vernetzung diverser künstlerischer und stadt-widerständischer Initiativen in Hamburg berichteten und von ersten Gesetzesänderungen zugunsten dieser Projekte erzählten, die sich vorwiegend gegen Gentrifizierung und neoliberale Tendenzen der Stadtplanung wenden.
Die Kunstaktion „Freehaus“ nahm sich eines Marktes in Rotterdam an und schuf gemeinsam mit AnwohnerInnen und MarktstandbetreiberInnen einen neuen Kommunikationsraum, der Verkauf, Gestaltung, politische Aktion, soziales Engagement und Kunst ohne Grenzen vereint, wie Jeanne van Heeswijk es darstellte.
Der Alltagssprache und der Gegenwehr gegen vereinnahmende nationalsprachliche Tendenzen in Deutschland widmeten sich Seçil Yersel (Istanbul) und Nadin Reschke (Berlin) in Form des Projektes „Tongue“, das 2009 in Berlin durchgeführt wurde: Erlernen der Alltagssprache mit selbst festgesetzten Regelungen, neue Worte erfinden, beisteuern und mitnehmen, das war der Impuls zu dieser Aktion.
Auf Praktiken, Themen und Probleme im Annenviertel gingen Vorträge von Monika Klengel, Joachim Hainzl, Ulrich Tragatschnig, der Autorin (alle Graz) und Cornelia Ehmayer (Wien) ein. Letztere entwickelte ein „Stadtdiagnoseverfahren“ aus ihrem Spezialbereich, der Stadtpsychologie, heraus, das BewohnerInnen eines Stadtteils motivieren soll, sich aktiv an Neugestaltungsprozessen zu beteiligen. Klengel las aus einem fiktiven Logbuch der Gruppe Theater im Bahnhof vor, die seit über 20 Jahren aktiver Teil des Viertels ist, ein launiger Teil der Geschichte des Annenviertels. Dem Volksgarten widmete sich der Joachim Hainzl, bettete dessen aktuelle Story in die Geschichte der Grazer Stadtteile Lend und Gries und bewies, dass die Untersuchung von Abfallkörben – Hainzl ist auch Müllarchäologe, sprich: Garbologe – einen interessanten Beitrag zur Funktionsanalyse einer Parkfläche sein kann. Die Geschichte der Annenstraße im Rahmen eines Forschungsprojekts bzw. eines Masterstudios mit Architektur- und Soziologiestudierenden an TU und Uni Graz war Gegenstand der Präsentation von Tragatschnig und der Autorin.
Diskutiert wurde heftig, vor allem im Kontext der Roundtables. Die Dichotomie von „bottom-up/bottom-down“ zog sich letztlich durch alle Beiträge, wurde aber auch nach der Möglichkeit eines Alternativkonzepts abgeklopft. Ebenso wurden die Vorteile der Partizipationsprozesse hinterfragt (Wer nimmt teil?) und so manche Selbstverständlichkeit hinsichtlich Rollenbildern oder Migration als verdeckt neoliberal enttarnt. Und – natürlich – die Frage nach dem „funding“ war immer Thema, ex- oder implizit. Auch die lokalen Thematiken bargen ein gewisses Erregungspotential, wobei sich alle Anwesenden wunderbar einig schienen.
Im finalen Roundtable-Gespräch wurde noch der Schlachtruf „Kunst wird nicht reichen“ (Simone Hain/Leitung Institut für Stadt- und Baugeschichte, TU Graz) ausgegeben. Es bedürfe Gesetzesänderungen, Aktionen von Widerständigkeit gegen Vereinnahmung ebenso wie gegen Ausgrenzung. Noch einmal wurden Ambivalenzen des Künstlerischen im öffentlichen Raum erörtert, die Übersetzungs- und Wahrnehmungsproblematik angerissen. Letztlich wurde eine Frage im Raum stehen gelassen: Wie weit kann/darf Kunst gehen?
- Verfasser/in:
- Monika Stromberger, Bericht





