Wenn ein Grundstück bebaut werden soll, so hat das in jedem Fall mit Verantwortung zu tun. Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ ist allgegenwärtig und wird vor allem mit baukünstlerischen, städtebaulichen, energetischen und ökologischen Qualitätsmerkmalen in Verbindung gebracht. Betrifft die Planung, wie im Fall der Reininhausgründe in Graz, nicht nur ein Grundstück, sondern einen ganzen Stadtteil, so ist auch die soziale Nachhaltigkeit von zentraler Bedeutung. Der Soziologe Dr. Raimund Gutmann hat bereits im Rahmen der Projektentwicklung von Asset One die sozialen Aspekte der Stadtteilentwicklung Reininghausgründe betreut. www.gat.st hat ihn um seine Sichtweise der aktuellen Entwicklungen gebeten.
gat.st:
Soziale Nachhaltigkeit in der Architektur ist ein weitläufiger Begriff. Welche Aspekte müssen hinsichtlich sozialer Nachhaltigkeit für die Entwicklung ganzer Stadtteile ins Feld geführt werden?
Dr. Raimund Gutmann:
Um konkrete Kriterien für „soziale Nachhaltigkeit“ in einer Stadt(teil)entwicklung aufstellen zu können, braucht es innovative Zukunftsszenarien von Stadt (Bilder des „Wünschenswerten“), die jedoch durch empirische soziodemografische Forschung und plausible, hochwertige Trendanalysen abgesichert sind. Diese Bilder für mögliche bzw. wünschenswerte städtische Zukunftsszenarien, die allesamt „sozial nachhaltig“ angelegt sind, liegen für Graz-Reininghaus in vielen Teilaspekten vor: Konzepte zu Nutzungsmischung, Mobilität, Freiraum, Wohnwandel, Identität und andere. Mit diesen Ideen, Konzepten und Best Practices könnte man meines Erachtens gut weiter und in die Tiefe planen.
Bei der Gestaltung der einzelnen Quartiere und Baufelder sollte es unbedingt einen Wettbewerb ganzheitlicher Planungskonzepte mit Themenschwerpunkten ähnlich den Wiener Bauträgerwettbewerben geben, bei denen jetzt endlich auch die „soziale Nachhaltigkeit“ als 4. Qualitätssäule (neben Städtebau/Architektur, Ökonomie und Ökologie) dazugekommen ist. Wichtig ist jedoch, dass es nicht reine Gestaltungs-¬ bzw. Architekturwettbewerbe sind.
Die Eckpunkte in Richtung soziale Nachhaltigkeit wären insbesondere:
- Zukunftsweisende sozialräumliche und funktionale Bezüge zwischen Baukörpern und Außenräumen (Leben mit der Natur in der Stadt).
- Feinkörnige Durchmischung unterschiedlicher Nutzungen, Rechtsformen, Nutzergruppen und Wohnformen.
- Vollständige soziale Infrastruktur von Anfang an (auch kreative Provisorien möglich).
- Robustheit, Flexibilität und Alltagstauglichkeit der Gebäude, Erschließungen und Freiräume.
- Bewusste Freihaltung für Ungeplantes, das heißt „Aneignungsflächen“ für sich ändernde Bedürfnisse im Zuge der Besiedlung.
- Bewusste Eröffnung von Partizipationsmöglichkeiten auf den unterschiedlichsten Ebenen zur Identitätsfindung und Stärkung von „Sozialkapital“ (Wohn- und Businesspioniere) etc.
- Einsatz von Quartiersmanagement im Sinne von „Community Design“ von Anfang an.
gat.st:
Im Zuge der Entwicklung der „SolarCity“ Linz-Pichling wurde eine „soziokulturelle Gesamtplanung“ verfolgt, welche über „Qualitätsbausteine“ erzielt werden sollte. Wie waren diese „Bausteine“ definiert? Wie wurden sie im Projekt umgesetzt? Wäre das Konzept auf die Reininghausgründe anwendbar?
Dr. Raimund Gutmann:
Ich denke, dass die für die SolarCity in Linz Mitte der 90er-Jahre formulierten „Qualitätsbausteine“ durchaus auch heute noch in ihren Kernaussagen Gültigkeit besitzen und ich wage zu behaupten, dass eine sorgfältige Auseinandersetzung mit den Thesen und die adaptierte Abarbeitung der Maßnahmenvorschläge auch für die Reininghausgründe ein qualitätssichernder Weg wäre.
Bei der SolarCity wurden die „Qualitätsbausteine“ in einem intensiven, interdisziplinären Prozess von wohnbund:consult gemeinsam mit dem Amt für soziale Angelegenheiten, Stadtplanung und anderen betroffenen Ämtern sowie – ganz wichtig – NGOs erarbeitet und diskutiert. In einem Wochenendworkshop wurden die vorgeschlagenen Konzepte und Maßnahmen dann auch mit den Wohnbauträgern kommuniziert.
Einiges davon wurde ja aufgegriffen. Man sieht heute jedoch auch ganz klar, dass genau dort die Mängel und Probleme liegen, wo man sich zu wenig Mühe gegeben hat oder mit dem Verweis auf die scheinbaren Notwendigkeiten drübergefahren ist. Dazu zählt zum Beispiel die mangelnde Nutzungsmischung, das heißt, keine Angebote für Arbeiten und Wohnen sowie die fehlende Durchdringung der 12 „Wohnanlagen“ mit soziokultureller Infrastruktur.
gat.st:
Im Fall der Stadtteilentwicklung Reininghausgründe wurde ein sehr innovativer und engagierter Prozess gestartet, welcher unter anderem aus wirtschaftlichen Gründen gescheitert ist. Welche Bedeutung hatte die soziale Nachhaltigkeit in diesem Prozess? Wie waren die diesbezüglichen Ziele?
Dr. Raimund Gutmann:
Wie schon oben erwähnt, bin ich der Ansicht, dass beim engagierten Prozess der Stadtteilentwicklung Graz-Reininghaus, an dem ich auch ein wenig mitwirken durfte, die soziale Nachhaltigkeit strukturell in einem hohen Maße in den Diskussionen und Konzepten einbezogen war.
Vielleicht wurde das nicht ausreichend nach außen kommuniziert. Leider wird landläufig die soziale Nachhaltigkeit oft mit Sozialem Mietwohnbau gleichgesetzt – und da war das Image des Graz-Reininghaus-Prozesses vielleicht ein wenig zu elaboriert und akademisch. Festhalten möchte ich dazu jedoch schon, dass ich zu 100 Prozent der Meinung bin, dass ein „neues Stück Zukunftsstadt“ nicht ausschließlich mit einem Dutzend gemeinnütziger Wohnbauträger erzielbar sein kann, ohne deren wichtige Leistungen damit schmälern zu wollen.
gat.st:
In welcher Form hätte es funktionieren können, den innovativen Prozess der Stadtteilentwicklung Reininghausgründe weiterzuführen, sodass die zu Beginn gesetzten Ziele den gesamten Entwicklungsprozess überdauern?
Dr. Raimund Gutmann:
Den idealtypischen Prozessablauf gibt es für mich als Stadt- und Wohnsoziologen wohl nicht, die klassische Vorgangsweise der Stadtplanung ist es jedoch mit Bestimmtheit auch nicht. Ohne mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten der Asset One und den genauen Ursachen des Rückzugs vertraut zu sein, möchte ich mein Bedauern ausdrücken, dass nun bei Graz-Reininghaus das Kind mit dem Bade ausgeschüttet zu werden scheint, dass man all das im bisherigen Prozess Geleistete plötzlich als nicht mehr relevant betrachtet. Auch die guten Konzeptbausteine jetzt gar nicht zu berücksichtigen, wäre für mich eine echte Dummheit oder ein rein interessensorientiertes Kalkül.
Fakt bleibt sicherlich, dass die Zusammenarbeit zwischen den Developern und der Stadt Graz bei der Reininghaus-Planung der letzten Jahre nicht optimal war. Die planerische Entwicklung eines derart wichtigen Standortes innerer Stadterweiterung darf nicht allein den Investoren überlassen bleiben, sondern muss ein zentrales Anliegen der gesamten Stadtgesellschaft sein.
gat.st:
Im Rahmen des Projektes „SolarCity“ war eines der Ziele die Erreichung eines hohen Maßes an sozialer Durchmischung und Dichte und eines funktionierenden Gemeinwesens im Sinne einer Balanced Community. Sie sprachen von einem zukunftsfähigen Bild von Gesellschaft als Voraussetzung für eine nachhaltige Stadt(teil)entwicklung. Wie lassen sich solche sozialen Modelle steuern? Wie können sie tatsächlich in der Praxis gelingen? Was davon ist in Linz gelungen?
Dr. Raimund Gutmann:
Wollen wir in Mitteleuropa keine sozial monotonen „Gated Communities“, so ist alles daranzusetzen, dass ein funktionierendes, aber offen-tolerantes Gemeinwesen im Sinne einer städtischen „Balanced Community“ erreicht werden kann. Dazu braucht es eben auch diese Leitbilder von künftigen städtischen Lebensweisen. Selbstverständlich können diese Modelle nicht 1:1 umgesetzt werden, sie dienen jedoch der Orientierung und als Folie der urbanistischen und sozialen Auseinandersetzung.
Eine sozial nachhaltige Gemeinwesenentwicklung benötigt
a) ein gutes Standortmarketing und eine optimale Informations- und Kommunikationskultur mit den Interessenten (Wohnen und Business),
b) die Ausarbeitung von transparenten Belegungsszenarien der Quartiere,
c) die Förderung von selbstorganisierten Baugemeinschaften, Bau- bzw. Wohngruppen,
d) die bewusste Integration von Projekten für Menschen mit Betreuungsbedarf und nicht zuletzt
e) die frühzeitige Einrichtung eines (schon oben erwähnten) Quartiersmanagements zur sozialen Vernetzung der komplexen Entwicklungsaktivitäten.
In Linz wurde bei der Entwicklung der SolarCity ein Projektmanagement eingerichtet und dann vor Ort um ein Stadtteilbüro mit Gemeinwesenarbeit ergänzt. Meines Erachtens wurde jedoch zu wenig Personal (nur eine Sozialarbeiterin halbtags) eingesetzt und dieses dann auch noch zu früh wieder abgezogen.
gat.st:
Derzeit liegt ein klassischer Masterplan für das Areal Reininghausgründe vor, welchem man nachsagt, er sei phantasielos und unmotiviert. Die Umsetzung und die qualitative Steuerung bleiben unklar. Hätte der Prozess selbst anders ablaufen müssen?
Dr. Raimund Gutmann:
Ich denke diesbezüglich schon – ohne mir eine Kritik der derzeitigen Masterplanung erlauben zu wollen –, dass ein Masterplan für das Planungsgebiet stringent aus den Ergebnissen des aufwändigen, aber innovativen Prozesses Graz-Reininghaus heraus entwickelt hätte werden können und sollen.
Nicht optimal finde ich auch, dass offensichtlich die Verbindungen zum fachlichen und inhaltlichen Netzwerk der vergangenen Entwicklungsetappen, das heißt der Kontakt zu den bisherigen Mitdenkern bzw. diesem Umfeld abgebrochen wurden.
gat.st:
Wie könnten die zeitlichen Abläufe bei der Entwicklung eines Stadtteiles in der Größe der Reininghausgründe praktisch funktionieren? Welche Initialzünder braucht das Areal, um eine positive Entwicklung in Gang zu setzen?
Dr. Raimund Gutmann:
Diese Frage kann und will ich nicht ohne genaue Kenntnisse der Rahmenbedingungen beantworten. Das wäre nicht seriös. Wichtige zeitliche Maxime wäre meines Erachtens ein bedächtiges „Sich-Zeit-lassen“.
Fest steht jedoch, dass es in erster Linie eines kreativen, engagierten und interdisziplinären Entwicklungsteams bedarf, das in ein intellektuelles „Mitdenkmilieu“ und einen kritischen Stadtdiskurs eingebettet ist und auch bleibt. Das angesprochene Quartiersmanagement sehe ich darin bereits von Anfang an eingebettet. Vorbild für Struktur, Methoden und Startaktivitäten könnte u. a. die IBA Hamburg sein.
gat.st:
Wie wird die Zukunft der Reininghausgründe aus Ihrer Sicht aussehen? Gibt es Hoffnung? Was ist zu retten?
Dr. Raimund Gutmann:
Nun, Sie fragen nach meiner Vision? In Österreich gilt ja immer noch der Spruch eines Ex-Kanzlers, der gesagt hat, dass jemand, der Visionen hat, einen Arzt brauche!
Gibt es Hoffnung? „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, heißt ein neuer Film. Diesem Motto könnte ich mich hinsichtlich der Zukunft von Graz-Reininghaus anschließen, denn ich hoffe, dass letztlich doch nicht alles über Bord geworfen wird zugunsten eines unambitiösen, filetierten Developerprojektes, bei dem die Stadt Graz letztlich nichts mehr zu sagen hat und bestenfalls die Straßenbahn finanzieren darf.
gat.st: Wir danken für das Gespräch!
BIOGRAFISCHE NOTIZ:
Dr. phil. Raimund Gutmann (*1952)
Besuch der Pädagogischen Akademie Klagenfurt mit Lehramt für Englisch und Bildnerische Erziehung, Abschluss des Studiums der Politikwissenschaft und Publizistik in Salzburg.
Schwerpunkt: Bürgerbeteiligung in der Stadtentwicklung, Studienassistent, Lehraufträge, Leitung des Institut für Alltagskultur in Salzburg sowie seit 1993 des „Österreichischen Wohnbunds“, Durchführung zahlreicher Studien und Forschungsprojekte im Auftrag von Bund, Ländern, Kommunen und Wohnbauträgern, einschlägige Publikationen, Lektor an FH-Kuchl Baugestaltung Holz, Mitglied im Management Committee des EU-Forschungsprogramms COST-C20 „Urban Knowledge Arena“.
KONTAKT:
wohnbund:consult – Büro für Stadt.Raum.Entwicklung
consult@wohnbund.at
- Verfasser/in:
- Martin Brischnik, Gespräch
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