Am 1. und 2. Juli 2008 waren auf Einladung des Immobilienentwicklers Asset One Stadtvordenker aus Europa, Japan und den USA zu Gast in Graz. Im Rahmen eines Podiumgesprächs und eines Symposiums setzte man sich mit möglichen urbanen Stadtszenarien für das Areal Graz-Reininghaus auseinander und stellte sich bei einer Diskussion der interessierten Öffentlichkeit.
Ausgangslage
Bis 2017 soll in Graz-Reininghaus auf einer Fläche von über 545.000 m² ein neues, pulsierendes Stadtzentrum mit kleinteiliger, durchmischter Nutzung und Platz für 12.000 Menschen entstehen, das eine attraktive Ergänzung zum vorhandenen Angebot in Graz bietet. Der Eigentümer Asset One setzt bei der Entwicklung des Areals auf neue Wege: Anstatt wie üblich über den Stadtteil einen Masterplan zu stülpen, nähert man sich dem Gebiet und seinem Potenzial schrittweise. In enger Zusammenarbeit mit der Stadt Graz, ihren BewohnerInnen und unter Einbindung von Politik und Verwaltung, nationalen und internationalen ExpertInnen für Grünraum, Stadt- und Gebäudeplanung sowie ExpertInnen für Alltagskultur sollen in fünf Jahren Stadtszenarien entwickelt werden, die sich aus einem möglichst breiten Spektrum an Ideen und Perspektiven ergeben.
Internationale Stadtvordenker im Gespräch
Im Frühjahr besuchte Asset One mit einer Delegation, der u. a. der Salzburger Architekt Max Rieder und der Architekt und städtebauliche Intendant bei Asset One, Andreas Kleboth, angehörten, Stadtvordenker in Japan, Deutschland, Spanien, Holland, der Schweiz und den USA. Die Besuche dienten dem Beginn eines Dialogs, der Blicke von außen und Ideen von Experten mit einem anderen kulturellen Hintergrund aufzeigt. Damit sollen Impulse für eine neue, moderne Stadtplanung gegeben werden. Mit interessanten Interviews und Statements im Gepäck reiste man zurück nach Graz. Die recht unterschiedlichen Thesen wurden am 1. Juli in einem Podiumsgespräch am Areal der Reininghausgründe in Graz öffentlich präsentiert, hinterfragt und zur Diskussion gestellt. Neben Max Rieder, der durch den Abend führte, saßen Andreas Kleboth und die Stadtplaner Dietmar Leyk (Berlin), Philipp Oswalt (Berlin), Kazunari Sakamoto (Tokio) sowie Duane Philipps (Miami) am Podium.
„Wie geht man an das Thema einer Stadtteilentwicklung heran, ohne dabei zu erstarren und simpel zu werden, ohne ein Ergebnis zu erlangen, das die Kopie eines bewährten, vielfach produzierten ist?“ Diese Frage stellte Andreas Kleboth zu Beginn des Podiumsgesprächs und beantwortete sie gleich selbst, indem er meinte, dass es wichtig sei, verschiedene städtebauliche Themenkomplexe zu behandeln. Zum Beispiel das Thema Grünraum, das im Frühjahr 2008 bei einem Ideenfindungsprozess mit internationalen Landschaftsplanern eingehend erörtert wurde und woraus sieben unterschiedliche Ideen für den neuen Stadtteil entstanden (GAT berichtete). Aber auch Themen wie Mobilität, Nutzungsvielfalt, Energie und Wohnbau sollen zur Sprache kommen.
Nach einer Begrüßungsrunde ersuchte Max Rieder die Gäste aus dem Ausland mittels gezielter Fragen um Erläuterungen ihrer Standpunkte und Thesen.
Duane Philipps, der zum ersten Mal in Graz zu Besuch war, meinte, dass ein Ensemble zu kreieren sei, denn das gäbe einer Ortschaft Identität. Graz-Reininghaus verfüge bereits über entsprechende Strukturen, auf die aufgebaut werden könne., Die Art der Nutzung erscheint dem Stadtplaner aus Miami noch fraglich, es sei aber ein Konzept von Flexibilität zu finden, das sich langfristig bewährt und einen lebendigen Stadtteil heranwachsen lässt. Der architektonische Stil sei dafür irrelevant.
Philipp Oswalt stellte die These auf, dass sich ein neuer Stadtteil selbst erfinden müsse und dazu ein eigenes Thema nötig sei, das einleuchtend und langfristig gültig ist. Es erscheint ihm unmöglich, auf dem Areal in Graz-Reininghaus in 5-10 Jahren einen neuen Stadtteil aus dem Boden zu stampfen. Dazu sei ein jahrzehntelanger Prozess vonnöten, den man aber derzeit noch nicht definieren könne. Jedenfalls müsse man sich überlegen, wie man mit den Unsicherheiten, die in einem Prozess auftauchen, umgeht und wie das öffentliche Interesse gewahrt bleibt.
Für Dietmar Leyk führt maximale Differenz zu neuen Möglichkeiten und Chancen. Er wies darauf hin, dass heute überall ähnliche Stadtmodelle umgesetzt würden, die keine Unterschiedlichkeit und Flexibilität zuließen. Um maximale Differenz zu erlangen, seien Regeln zu schaffen, die sich von denen anderer Grazer Stadteile unterscheiden. Diese sollen Sicherheit geben, aber auch Flexibilität einfordern und, damit sie von allen verstanden werden, simpel formuliert sein.
Kazunari Sakamoto vertrat die Meinung, dass eine Stadt Signets und Überraschungen brauche, die der Wiedererkennbarkeit dienen. Er beschrieb Tokio als eine Stadt mit einer unglaublichen Vielfalt in kleinem Maßstab und großer Dichte. Die Stadt verfüge über keine öffentlichen Plätze, das öffentliche Leben spiele sich auf den Straße, neben dem Autoverkehr, ab. Sakamoto meinte aber nicht, dass asiatische Städte besser oder zukunftsorientierter seien als europäische, sondern, dass Städte in Europa zwar unheimlich reif und schön seien, jedoch die Bereitschaft zur Veränderung und damit die Lebendigkeit verloren gegangen seien. Dies gelte auch für Graz. Die Vitalität wiederherzustellen wäre daher eine wesentliche Aufgabe im Entwicklungsprozess für Graz-Reininghaus. Dazu seien keine monumentalen Interventionen vonnöten. Nach Meinung des japanischen Experten würden auch kleine genügen, die ein attraktives Ganzes ergeben. Er regte an, japanische Aspekte in die Planung miteinzubeziehen.
Bevor Max Rieder am recht lauen Abend des 1. Juli die Publikumsdiskussion eröffnete, wies er in Anbetracht der unterschiedlichen Statements darauf hin, wie wichtig Sichtweisen von außen auf eine Stadt und im Speziellen für die Zielrichtung der Entwicklung von Graz-Reininghaus seien. Der distanzierte Blick von außen biete nach Meinung Rieders die Chance, nicht im eigenen Sumpf stecken zu bleiben, sondern Neues zu lernen und voranzutreiben. Unabdingbar sei, so Rieder, das qualifizierte Miteinanderreden und ein Prozess mit Schnittstellen für die Bevölkerung zur Abfrage des Entwickelten. Er stellte darüber hinaus die Frage in den Raum, ob ein Stadtteil mit künftig 12.000 Menschen, wie Graz-Reininghaus, überhaupt urban sein könne.
Beim Symposium am 2. Juli, an dem neben den oben Genannten die Stadtplaner Joan Busquets (Barcelona/Harvard), Erick van Egeraat (Rotterdam), Vittorio M. Lampugnani sowie der Grazer Stadtbaudirektor Bertram Werle teilgenommen haben, wurde versucht, die aufgestellten Thesen und Stadtszenarien mit den bestehenden Ideen für den Grünraum zu verknüpfen.
Ausblick
Nach einem weiteren Symposium im Herbst 2008 mit Experten aus den Bereichen Soziologie und Anthropologie sollen bis Ende des Jahres verschiedene Stadtmodelle entwickelt werden, in die alle wesentlichen Erkenntnisse und Thesen einfließen. Asset One wird weiterhin mit der Stadt Graz kooperieren, vor allem im Hinblick auf die Revision des Stadtentwicklungskonzeptes, des Flächenwidmungsplans und des Bebauungsplans. Bis 2009 sollen ein städtebaulicher Rahmenplan ausgearbeitet und die rechtlichen Rahmenbedingungen festgelegt werden. In weitere Folge wird es Wettbewerbe zur Erlangung von gestalterischen Lösungen geben, bevor es in die Detailplanung und die Umsetzungsphase geht. Aber das hat noch Zeit. (mw)
- Verfasser/in:
- Redaktion GAT, Bericht
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