Der Raumplaner Michael Redik ist seit einem Jahr Chef des Grazer Stadtplanungsamtes. Von seinen Vorhaben ist bis dato noch wenig bekannt. Ein Interview.
GAT: Herr Redik, Politiker bekommen in der Regel hundert Tage Zeit um sich einzuarbeiten. Von Ihren Vorhaben als Stadtplanungschef ist hingegen auch nach einem Jahr wenig bekannt. Warum ist das so?
Redik: Ich glaube, weil ich eben kein Politiker bin. Was ist Stadtplanung? Stadtplanung ist etwas Kontinuierliches, ein Zusammenspiel vieler externer und interner Bereiche. Gesetzliche Regelungen haben Auswirkungen auf die Stadtplanung, ebenso die Wirtschaftslage einer Stadt. Das sind Dinge, die ich gar nicht steuern kann. Daher kann es nicht an einer Person liegen, wie Stadtplanung in Graz läuft. Ein Jahr ist eine extrem kurze Zeit. Es wäre falsch anzunehmen, dass sich da sehr viel ändert. Und es ginge auch gar nicht.
GAT: Sind Sie eher ein stiller Arbeiter?
Redik: Nein, gar nicht. Es gibt einfach wenig große Würfe, die für die Medien interessant sind. Das meiste ist hier eine Kleinigkeit, dort eine Kleinigkeit. Ich glaube nicht, dass es darum geht, dass alle diese Vorhaben bekannt sein müssen. Wichtig ist, dass man ein Konzept hat für gewisse Gebiete, und schaut, wie kann ich das umsetzen. Auf der einen Seite, wenn einer kommt und etwas will, nach dem Motto: Du willst etwas, aber wir wollen etwas anderes – im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten. Auf der anderen Seite muss man dort, wo Punkte sind, versuchen in die Offensive zu gehen.
GAT: Wo liegen die neuralgischen Punkte in Graz? Wer macht in Graz die großen Würfe?
Redik: Einer davon war sicher 2003. Da hat die öffentliche Hand sehr viel realisiert – Stadthalle, Kunsthaus. Heute muss sich die Stadt finanziell wieder erholen. Große Würfe machen gegenwärtig eher Investoren oder Genossenschaften, weil sie große Flächen zur Verfügung haben, beispielsweise auf dem Areal der Grazer Messe.
GAT: Hier will die Stadt die frei werdenden Grundstücke möglichst rasch an private Investoren verkaufen – Anrainer hingegen fordern mehr Grün. Wie stehen Sie zum Thema des öffentlichen Raums im Fall der Grazer Messe?
Redik: Der öffentliche Raum ist etwas, das über die Platzgestaltungen, die es in der Stadt gibt, wieder ein bisschen auflebt. Er ist aber politisch gefährdet. Öffentliche Güter haben in einer neoliberalen Gesellschaft keinen sehr hohen Stellenwert. Wir haben über Abtretungsverpflichtungen zwar rechtliche Möglichkeiten öffentlichen Raum zu schaffen; diese Möglichkeiten sind aber gerade im Neoliberalismus immer stärker eingeschränkt worden. Vor fünfzehn Jahren hat man zwanzig Prozent der Grundstücksfläche für öffentliche Nutzungen abtreten können, jetzt sind es nur mehr zehn Prozent. Hinzu kommen finanzielle Restriktionen der Kommunen. Was öffentlichen Raum angeht, muss die Stadtplanung also immer auch Lobbying betreiben.
GAT: Welches Lobbying betreiben Sie konkret?
Redik: Einfach immer wieder verhandeln mit den Betroffenen, sei es unsere Stadtpolitik, sei es der eine oder andere Investor – um über Abtretungen, über Gestaltungsvorschriften, vielleicht nur über die Gebäudestellung öffentlichen Raum zu schaffen. Oder um Raum zu schaffen, der quasi öffentlich ist, aber einem privaten Investor gehört.
GAT: Welchen Profit könnte ein privater Investor haben, wenn er öffentlichen Raum anbietet?
Redik: Na ja, die Standortqualität. Es muss für einen Investor interessant sein, ob er auf einem attraktiven Standort sitzt oder nicht. Das ist eine Umwegrentabilität, die man sicher nie bewerten kann. Wir versuchen aber auch, öffentlichen Raum zu finanzieren, indem man sagt: „Ich kann diese Fläche zwar nicht abtreten, aber ich kaufe sie Dir ab“. Wobei die Stadtplanung selbst dafür kein Geld hat, aber andere Dienststellen der Stadt. Nicht extrem viel, aber es kommt immer wieder vor, dass man sagt, das wäre eigentlich interessant für den öffentlichen Raum.
GAT: Was plant die Grazer Stadtplanung in den kommenden Jahren außerdem?
Redik: Verdichtung ist sicher ein Thema. Etwa die Hälfte der Stadtfläche von Graz ist bereits als Bauland gewidmet – ca. 6000 Hektar. Wenn ich mehr Bauland brauche, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich gehe weiter in den Grüngürtel am Stadtrand, der aber Erholungsfunktion und ökologische Funktion hat und auch schlecht erschlossen ist, oder ich verdichte. In Einfamilienhausgebieten ist hier das höchste Potential drinnen – mehr als in der Innenstadt, wo ich durch Verdichtung nur ein paar Prozente gewinnen würde und außerdem das Problem zusätzlich nötiger Parkplätze habe. In Einfamilienhausgebieten aber sitzen de facto irgendwann einmal ein, zwei alte Leute in einem Haus auf 1000 Quadratmeter Grund, den sie kaum mehr bewirtschaften können. Wenn ich da aus einem Ein- ein Zweifamilienhaus mache, verdopple ich schon die Bewohnerdichte.
GAT: Verdichtung setzt Wachstum voraus. Wächst Graz wieder?
Redik: Die Bevölkerung nimmt seit 2001 wieder leicht zu, sagen die Zwischenzahlen – wobei man nie weiß, wie seriös diese Zahlen wirklich sind. Laut einer Studie der ÖROK (Österreichische Raumordungskonferenz) haben wir in Graz zwischen 2001 und 2031 einen Bedarf von zusätzlich 30.000 Wohnungen zu erwarten – bei fast gleich bleibender Bevölkerungszahl. Denn unsere Ansprüche werden immer größer, allein wenn man sich den steigenden Bedarf an Wohnraum pro Bewohner anschaut. Es werden aber auch einige Wohnungen leer stehen, nämlich in Lagen, die nicht mehr nachgefragt werden. Stark befahrene Straße, Erdgeschoßwohnungen: Die werden à la longue nicht mehr bewohnt sein. Leute, die es sich leisten können, werden aus diesen Wohnungen ausziehen. Da kann ich jetzt entscheiden: Bau’ ich in Graz für diese Leute Wohnungen, oder sollen sie ins Umland ziehen? Es muss das Interesse der Stadt Graz sein, diesen Leuten in Graz Wohnraum zur Verfügung zu stellen, obwohl man weiß, dass der Leerstand zunehmen wird. Das ist aber so.
GAT: Was soll mit den leer werdenden Erdgeschoßwohnungen geschehen?
Redik: Da gibt es de facto noch nicht wirkliche Konzepte. Es gibt Ansätze, dort Autos hinein zu stellen. Das ist natürlich für das Stadtbild ein Problem. Recht interessant sind Ideen, in der Erdgeschoßzone Gemeinschaftsräume unterzubringen, Sozialräume, die es sonst nicht gibt. Oder Abstellräume – sehr viele Keller sind zu klein. Das sind aber natürlich auch immer Dinge, die etwas kosten, die also auch wirtschaftliche Auswirkungen haben. Das Ganze muss Ihnen jemand finanzieren.
GAT: Herr Redik, braucht Stadtplanung Visionen?
Redik: Ich meine eher, Visionen brauchen Bestand. Ich kann nicht jedes Jahr eine andere Vision haben.
GAT: Trotzdem wurden Sie zunächst nur auf fünf Jahre zum Chef der Grazer Stadtplanung bestellt. Sehen Sie darin Anzeichen einer Marginalisierung Ihres Amtes?
Redik: Nein. Nachdem das jetzt so üblich ist, öffentliche Spitzenpositionen befristet zu besetzen, bereitet mir das nicht wirklich Kopfzerbrechen.> ZUR INFORMATION
Der allgemeine Aufgabenbereich des Stadtplanungsamtes:
_ Stadtentwicklungskonzept (STEK) und die daraus resultierenden Sachprogramme
_ Generelle Themen der Stadtentwicklung
_ Flächenwidmungsplan
_ Bebauungsplanung
_ Festlegung der Verkehrsflächen- Straßenrgulierungsplanung
_ Geschäftsführung des Regionalen Planungsbeirates der Planungsregion Graz und Graz-Umgebung
_ Gestaltung des öffentlichen Raumes (Straßen und Plätze)
_ Gutachtertätigkeit in Verfahren nach dem Stmk. Baugesetz
_ Gutachten bei Grundstücksteilungen
_ Grundstücksbegutachtung für den geförderten Wohnbau
_ Ausschreibung von städtebaulichen Wettbewerben
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Interview
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