Stadt der Zukunft - Zukunft der Stadt

Am Abend des 22.09.2005 versuchten sich Marco de Michelis, Rainer Münz und der Grazer Stadtrat für Wirtschaft und Kultur, Christian Buchmann, in einer Podiumsdiskussion i

26/09/2005

Die europäische Stadt sei auf dem besten Weg, ein Auslaufmodell zu werden. Veränderungsprozesse, die erst in den Weltmetropolen sichtbar wurden, sind inzwischen auch in den historischen Städten des alten Kontinents eindeutig zu erkennen, heißt es in den Presseaussendungen zum nun bereits zehnten Jour Fixe im Kunsthaus Graz. Dem Thema Stadt der Zukunft – Zukunft der Stadt versuchten sich in einer Podiumsdiskussion in der Needle Marco de Michelis, Rainer Münz und der Grazer Stadtrat für Wirtschaft und Kultur, Christian Buchmann, in Moderation von Standard-Chefredakteur Gerfried Sperl anzunähern.

Gleich neben der im Aufbau begriffenen Herbst-Ausstellung des Kunsthauses, M Stadt. Europäische Stadtlandschaften, nahm Ausstellungskurator Marco de Michelis, Dekan der Fakultät für Kunst und Design am IUAV (Istituto Universitario d'Architettura di Venezia), Stellung zu einem nach der Hurrican-Katastrophe in New Orleans und dem sich zur Zeit der Diskussion ebendort annähernden Wirbelsturm Rita für seine Heimatstadt Venedig neu ins Bewusstsein gerückten Szenario. Klimaforscher schließen, angesichts der Erwärmung des Mittelmeeres, die Bildung von Wirbelstürmen in naher Zukunft nicht mehr aus. Nicht allein für Venedig wären die Folgen ähnlicher Stürme, trotz Errichtung eines Deich- und Schleusensystems, katastrophal und selbstredend ganz anders gelagert, als das derzeitige Problem der Erhaltung und Restaurierung einer im Absinken begriffenen Stadt, aus der in den letzten fünfzig Jahren ein Drittel der Einwohner abgesiedelt ist und die - immer deutlicher sichtbar - zum Museum ihrer selbst geworden ist.

Rainer Münz leitet die Abteilung Forschung der Erste Bank und ist Senior Fellow am Hamburgischen Weltwirtschafts-Archiv. Zuvor war er als Lehrbeauftragter an mehreren europäischen und amerikanischen Universitäten (u. a. Bamberg, Frankfurt, Berlin) tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt behandelt Fragen der Bevölkerungsentwicklung und Migration. Angelehnt an das Ausstellungsthema, wobei M für Städte mittlerer Größe wie Graz, Ljubljana, Basel oder Krakau steht, erinnerte er an das plötzlich einsetzende, rasante Wachstum europäischer Städte zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Ursachen waren in einer Krise der Landwirtschaft bei gleichzeitiger Industrialisierung zu suchen, die einen enormen Zuzug armer, praktisch mittelloser Menschen in die Städte zur Folge hatten. In dieser Zeit entstand die jetzt in historischer Aufarbeitung begriffenen Disziplin der Stadtethnologie – und Münz’ Darstellung wäre hier zu ergänzen – durch die grundlegenden Arbeiten des Journalisten Henry Meyhew und des Geschäftsmannes Charles Booth, die sich an die Wild Sides des Londoner East Ends begaben, um die Lebensbedingungen einer Bevölkerungsschicht zu dokumentieren, die im Bewusstsein der bürgerlichen Bewohner der übrigen Stadtteile bis dato faktisch nicht existierte. Diese Studien zogen massive städtebauliche Veränderungen nach sich und begründeten ähnliche Unterfangen wie die in Wien und Berlin in der Zeit von 1904 bis 1908 herausgegebenen Großstadtdokumente, unter maßgeblicher Mitarbeit etwa von Max Winter und Felix Salten. Die Großstadtdokumente wiederum wurden zum Basis-Konvolut für die Gründung der Chicago School of Sociology.

Hinsichtlich gegenwärtiger Entwicklungen stellt Münz eine Ent-Urbanisierung fest, indem sich eine Tendenz abzeichnet, nach der Vertreter ab der Mittelschicht danach streben, in der Stadt zu arbeiten, aber an den ehemaligen Peripherien der Stadt zu leben. Diese politisch wie gesellschaftlich durch Pendlerpauschalen und Eigenheimförderungen ermöglichte Situation führte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Bildung von Zwischenstädten, die Kategorien von Peripherie oder Stadtzentrum obsolet machten. Hinzu kommt eine interdependente Entwicklung, die Einkaufszentren zu Nahversorgern der Zwischenstädte erhebt, außerhalb der ehemaligen Stadtzentren werden Bahnhöfe und Flughäfen mit dem Charakter von Shopping-Malls ausgestattet. Daraus entsteht eine neue Form dezentraler Urbanisierung, für die man die Kategorie des Sprawls (sich ausbreitender Raum) gefunden hat. Strukturen von vormals unterschiedenen Qualitäten wie Stadt oder Land werden nivelliert.

Tatsächlich, führt de Michelis aus, ist ein Schrumpfen der Städte an sinkenden Einwohnerzahlen zu beobachten. Die Ausstellung M Stadt behandelt unter diesen Gesichtspunkten also nicht das Pittoreske, sondern untersucht Stadtentwicklungen unter dem Einfluss von Migrationsphänomenen, temporärem Wohnen und allgemeiner Fluktuation anhand künstlerischer Positionen.

Angesichts des Urban-Sprawl und der sich in ihren Strukturen immer ähnlicher werdenden (mittleren) Städte Europas sieht Rainer Münz die Chancen neuer Individualisierung allein durch Innovationen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Kunst – oder allgemeiner Kultur – gegeben. Gottfried Sperl ergänzte um das Kriterium der Know-How-Stadt als Entwicklungszentrale innovativer Technologien, worauf Stadtrat Christian Buchmann reagierte und sich auf eine Studie von Joanneum Research berief, die, folgend auf das Kulturhauptstadtjahr, in Auftrag gegeben worden war: Demnach besteht in Graz eben jenes künstlerische Potential, das besagte Innovation und Individualität befördern kann und das Buchmann durch „Kompetenzgruppen“ in Verbindungen von Universität, Wirtschaft und Kunst forcieren will, um den Charakter der Stadt zu modellieren. - Geht das Kamel nun durch das Needle’s Eye?

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Bericht

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