Am 17.01.2008 veranstaltete die GAJ (Grüne Alternative Jugend Graz) in der Grazer Postgarage eine Podiumsdiskussion, die der Frage nachging, was denn "toll wäre und wie alles besser wird".
Am Podium waren Joachim Hainzl (Sozialhistoriker), Christina Jahn (Grüne Gemeinderätin und Jugendkandidatin), Karl Grazbach (Hausbesetzer), Vanessa Venedig, (Hausbesetzer). Prof. Jens Dangschat (TU Wien, Raumplanung und Architektur, Abteilung Soziologie) hat seine Teilnahme leider abgesagt. Moderiert wurde der Abend von der Kulturanthropologin Laila Huber.
Eingangs erläutern Karl Grazbach und Vanessa Venedig ihre Motivation für Hausbesetzungen und die Aktion critical mass: Die durchwegs junge Szene reagiert mit den Hausbesetzungen auf die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes und das restriktive Landessicherheitsgesetz (u. a. mit Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen und Repressionen gegen Personen, die mit ihrem Aussehen nicht den bürgerlichen Vorstellungen entsprechen.) Die HausbesetzerInnen wollen ein leer stehendes Haus „befreien“, um autonome Räume, Freiräume in der Stadt, für vielfältige Ideen zu schaffen, wie zum Beispiel herrschaftsfreies Wohnen und Arbeiten, Stichwort Kostnixladen und Kostnixkino. Tatsächlich war bei den drei Grazer Hausbesetzung im Jahr 2007, vor allem aber im Rahmen der letzten in der Grazbachgasse bemerkenswert, wie rasch die jungen HausbesetzerInnen eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut hatten. Mit der Aktion critical mass, in deren Rahmen sich jeden letzten Freitag im Monat interessierte RadfahrerInnen (jeder kann mitmachen) zu einer gemeinsamen Fahrt durch die Stadt Graz treffen, soll dem vorherrschenden Verkehr etwas entgegengesetzt und der Straßenraum zurückerobert werden.
Auch Christina Jahn, Gemeinderätin der Grünen, beklagt die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes und, dass Konsum außerhalb von Gaststätten unerwünscht sei, und daher Personengruppen, die nicht in das gängige Bild passen, aus der Öffentlichkeit vertrieben werden. Die seit kurzem tätige Ordnungswache sieht sie als Legitimierung der seinerzeit von der FPÖ eingeführten Bürgerwehr.
Joachim Hainzl versucht mit seinem Statement einen größeren zeitlichen Rahmen herzustellen: So hat es bis in die 1970er Jahre keine Fußgängerzonen gegeben, dieser Freiraum wurde erkämpft, ebenso die Radwege. In den Parks standen damals Parkwächterhäuschen und das Betreten des Rasens war generell verboten. Der „Rostige Nagel“ steht noch immer im Grazer Stadtpark und Homosexuelle können sich heute auch außerhalb der Toiletteanlagen und finsterer Parks treffen. In den 1970er Jahren fiel der Landstreicherparagraph einer Strafrechtsreform zum Opfer, mit dem einst alle unerwünschten Wesen weg gewiesen werden konnten. In den 1990er Jahre erließen die Länder allerdings Gesetze gegen Bettler. Alles nicht so schlecht? Die bürgerliche Gesellschaft versuche, ihre Wertvorstellungen - Ruhe, Sauberkeit und Ordnung – durchzusetzen, meint Hainzl und von den USA ausgehend werde heute nach den Prinzipien der „Schwarzen Pädagogik“, analog zur Schule, gehandelt: Strafen, Hinauswurf.
Ambrosi spricht sich für herrschaftsfreie, öffentliche Räume aus. Heute ist man entweder Arbeitskraft oder Konsument und investiert damit zwangsläufig in das Wirtschaftssystem. Ein autonomes Zentrum wäre ein Gegenangebot. Damit könnte beispielsweise auch nicht systemkonforme Kunst fernab vom Subventionssystem überleben.
Zur Frage, wem der öffentliche Raum denn gehöre, meint Jahn dann: „Leider nicht mehr allen“. Deshalb würden die Grünen u. a. auch gerne das Landessicherheitsgesetz zurücknehmen, so Jahn. Hainzl stellt dazu fest, dass das touristische Nutzungsprinzip über allen anderen steht. So gehe es den Entscheidungsträgern um ein adrettes Stadtbild. Dieses Bild von Stadt ermögliche wiederum Disziplinierungsmaßnahmen. Der herrschende Säuberungsdiskurs beziehe sich in erster Linie auf Menschen, die nicht in dieses Stadtbild passen und beispielsweise nicht auf den störenden Blechsalat der Autos. Sozial schwächere Gruppen werden so zu Sündenböcken gemacht, meint Hainzl.
Problematisch wird von den DiskussionsteilnehmerInnen die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raumes gesehen, wo private Securities die privaten Hausordnungen exekutieren und permanent videoüberwacht wird, als Beispiel werden Einkaufszentren, der Bahnhofsvorplatz und die Idlhofsiedlung genannt. Es gelte, so ist man sich einig, Strategien des zivilen Ungehorsams zu entwickeln und die Zivilcourage des einzelnen zu stärken.
Dieser Abend blieb also nicht im Aufzeigen von Defiziten und unerfreulichen Entwicklungen in der Stadt stecken, sondern zeigte, nicht zuletzt dank des jugendlichen Engagements, zahlreiche kreative Lösungsvorschläge auf, die, so ist zu hoffen, auch von der neuen Stadtregierung als Potenzial für eine sinnvolle Stadtentwicklung erkannt werden.
KONTAKT:
GAJ (Grüne Alternative Jugend Graz)
froschschenkel@gruene.at
- Verfasser/in:
- Elisabeth Lechner, Bericht
Weiterführende Links
