Das Grazer Architektenteam SPLITTERWERK wird Österreich von 22.10. bis 11.12.2005 mit dem Beitrag "Es lebe die Ente" auf der VI. Architektur-Biennale in Sao Paulo vertreten.
PROJEKTTEAM
Mark Blaschitz
Hannes Freiszmuth
Johann Grabner
Edith Hemmrich
Bernhard Kargl
Josef Roschitz
Nina Schuiki
Unter dem Titel "Living in the City" stellt die 6. Architekturbiennale in Sao Paulo Fragen nach aktuellen und zukünftigen urbanen Wohnformen in den Mittelpunkt. Untrennbar verbunden mit der Frage: „Wie werden wir wohnen in unseres Städten?“ sind neue Beziehungen zwischen Stadt und Land oder Zentrum und Peripherie, vor allem aber das fortschreitende Einbrechen des medialen in den gebauten Raum. Österreich wird auf der Biennale durch das Grazer Architektenteam SPLITTERWERK vertreten. SPLITTERWERK entwickelt seit Ende der 1980er Jahre architektonische Konzepte, die sich in exemplarischer Weise mit der zunehmenden Verschränkung von gebauten und medialen Räumen befassen. Analoge und digitale „Schaltbare Gefüge“ transformieren modernistische Vorstellungen von fließenden Raumkontinuen für das 21. Jahrhundert. Der Biennale-Beitrag "Es lebe die Ente!" spannt den Bogen von städtebaulichen Konzepten für unsere „posturbane Gesellschaft“ über die Rückkehr des Ornaments bis hin zu beispielhaften Realisierungen von neuen Wohnkonzepten, die vor Ort mittels Fotos und Abbildungen auf mit Folien bespannten, beleucht- und drehbaren Kuben gezeigt werden.
Die von Robert Venturi und Denise Scott Brown kritisierte „Ente" erfährt eine Wiederbelebung der anderen Art, die zu einem weiteren Paradigmenwechsel in der Architektur auffordert. Venturi und Scott Brown sprachen sich in den 1970er Jahren für die strikte Trennung von Form und Funktion aus und unterschieden bei Gebäuden zwischen "Enten" und "dekorierten Schuppen". Bei den so genannten Schuppen sind der Baukörper (die Form) und dessen Inhalt (die Funktion) klar voneinander getrennt: Der Schuppen ist außen sichtbar mit einem Hinweis versehen, der auf die Bestimmung des Gebäudes hinweist. "Enten" sind dagegen Gebäude, bei denen Form und Funktion miteinander verschmolzen sind, wie bei Venturis herbeizitiertem Beispiel eines Geschäftes in Entenform, in dem Lockenten verkauft werden. Venturi wollte damit den Großteil der modernen Architekturbeispiele als "Enten-Architektur" entlarven.
SPLITTERWERK fragt, darauf Bezug nehmend, "Was wäre, wenn...?". Wenn beispielsweise die Ente und nicht die Schachtel jede Funktion beherbegen könnte - von der Küche bis zum Supermarkt. "Dahinter steht die Idee, die Möglichkeiten der Architektur wieder breiter zu machen", so Fitz, Kuratorin des österreichischen Beitrags.
Die zwischen Ingenieurswesen und Kunst angesiedelten experimentellen Serien übersetzt SPLITTERWERK konsequent in gebaute Projekte. Der offene Grundriss von Frank Lloyd Wright, der Raumplan von Adolf Loos oder die "Frankfurter Küche" von Margarete Schütte Lihotzky finden ihre zeitgemäße Fortführung in der "Grazer Wohnung". In den „Multiinzidentellen Hüllen“ der "Grazer Wohnung" werden Wände zu maßgeschneiderten Bildwelten, in denen sich Funktionen on demand zuschalten lassen. Losgelöst von den Bestandsmauern – im Zwischenraum von Innen- und Außenhülle – werden beim Wohnbau "Schwarzer Laubfrosch" (2004) Bereiche wie Kochen, Schlafen, Baden oder Büro integriert. Die Funktionen befinden sich hinter den für jede Wohnung individuell entworfenen „Tapeten“. Die einzelnen Wohneinheiten sind addierbar, stapelbar und zu einander schaltbar. Das Hauptstiegenhaus der Wohnanlage nimmt in seiner Oberflächengestaltung auf die lokalen Weinreben Bezug, die gemeinsam mit dem lamellenartigen Rankgerüst aus Holz die Außenhülle der Anlage als Landschaft informieren. Boden, Decke, Wände und Stufen des Stiegenhauses werden mit, zum Muster verdichteten, verschieden großen Weinblättern versehen. Das Muster bricht die Kanten der Stiegenkonstruktionen und die Umrisse des bestehenden Raumes derart, dass sich das Raumgefüge in seiner Geometrie aufzulösen beginnt. Der Raum mutiert zur Sphäre.
Die Erforschung von experimentellen Oberflächen, von Beschichtungen und Reliefs aus computergenerierten Ornamenten bis hin zu elektronisch gesteuerten, bisweilen interaktiven Projektionen oder selbstleuchtenden Oberflächen, führt SPLITTERWERK zu einer grundsätzlichen Neubewertung des Bildhaften in der Architektur: „Heute sind Muster die Chance auf einen neuerlichen Paradigmenwechsel in der Architektur. Muster ersetzen dabei die Frage nach Proportionen, Kubatur und Rhythmus von Fassaden. Muster werden zur Grundlage des Entwurfsprozesses, sowohl für die posturbane Stadt – die Agglomeration - als auch für den Gebäudeentwurf: Die Stadt als losgelöster Teil eines Musters, der Gebäudehybrid das in die dritte Dimension entwickelte und gebaute Muster!“ In einer Stadtlandschaft, die längst zur bildhaften Kulisse – zum Stadtbild – geworden ist, platziert SPLITTERWERK seine Gebäude als überdimensionale Bildteile. „Die Ente“, „der Frosch“ werden in ihrer unangemessenen Maßstäblichkeit zu Zeichen, die weder von Macht, noch von technischer Machbarkeit erzählen, nicht von Stil oder Funktion, sondern die auf sich selbst und die Bildhaftigkeit ihrer Umgebung verweisen. Das Ornament ist das Gebäude, ist das Medium, ist die Nachricht.
Zur Architekturbiennale
Die Architekturbiennale Sao Paulo wird von der Fundacao Bienal de Sao Paulo und dem Brasilianischen Architekturinstitut organisiert. Sie ist im Zentrum der Stadt lokalisiert, im Ciccillio Matarazzo Pavillon, der in den 1960er Jahren von Oscar Niemeyer als Industrieausstellungspavillon erbaut wurde. Auf einer Fläche von 30.000 m2, die sich, durch großzügige Rampen verbunden, über drei Geschoße erstreckt, werden über 400.000 BesucherInnen erwartet. Unter der kuratorischen Gesamtleitung von Pedro Cury und Gilberto Belleza werden internationale Themenausstellungen, aktuelle Überblickschauen zur lateinamerikanischen Architektur und zum zweiten Mal auch Länderpräsentationen gezeigt.
Zu SPLITTERWERK
Die Geschichte der Grazer Formation beginnt Ende der 1980er Jahre nicht als Architekturbüro, sondern als Kommunikationsagentur. Von Anfang an fasst SPLITTERWERK die Kommunikationsdesigns als städtebauliche Projekte auf und sich selbst weniger als kontinuierliche Gruppe, denn als wechselnde Forschungs- und Ausführungsteams. Seit 1988 haben unter dem Brand SPLITTERWERK neben Architekten auch Maschinenbauer, Statiker, Verfahrenstechniker, Fotografen, Bühnenbildner, Städtebauer, Designer, Filmemacher, Ingenieure, Philosophen, Historiker und bildende Künstler gearbeitet; zahlreiche internationale Ausstellungen und Preise.
Zur Kuratorin
Angelika Fitz ist Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin. Zuletzt kuratierte sie die Ausstellung "Reserve der Form" im Künstlerhaus in Wien. 2003 war sie bereits Kuratorin für den österreichischen Beitrag zur V. Architekturbiennale in Sao Paulo; zuvor Symposium und Ausstellung „Kapital & Karma“ in der Kunsthalle Wien sowie „Trespassing – Konturen räumlichen Handelns“ in der Secession (2002).ZUR INFORMATION:
6. Biennale für Architektur in Sao Paulo
"Living in the City"
Ausstellungsdauer: 22. Oktober bis 11. Dezember 2005
Ausstellungsort: Ciccillio Matarazzo Pavillion
Parque do Ibirapuera Portão-Gate 2
Sao Paulo, Brasilien
Publikation
SPLITTERWERK: Whoop to the Dug! Es lebe die Ente! Bauten und Projekte.
Mit Fotoessays von Paul Ott und einem Epilog von Angelika Fitz, 600 S., Engl. / Dt.; Springer Wien New York, Oktober 2005, ISBN 3-211-28541-5, Preis ca. Euro 49,80
Biennalebüro für den österreichischen Beitrag
Kuratorin und Kontakt:
Angelika Fitz
Ausstellungsstr. 5/13, A-1020 Wien
T +43 (0)1/942 68 88
angelika.fitz@chello.at
Der österreichische Beitrag wird beauftragt vom Staatssekretariat für Kunst und Medien.
PRESSEKONTAKT
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- Verfasser/in:
- Redaktion GAT Graz Architektur Täglich



