Die aktuellen Diskussionen zum Thema Klimaschutz bei Gebäuden konzentrieren sich längst nicht mehr nur auf die Anwendung modernster Dämmstandards bei Neubauten. Der Hauptbeitrag für die Reduktion des Energieverbrauchs liegt in der thermischen Sanierung der Bestandsbauten. Dafür werden nicht nur jährlich große Mengen an Fördergeldern von der öffentlichen Hand ausgeschüttet, um den Anreiz zur Sanierung für die Besitzer zu erhöhen, sondern auch Auflagen wie der verpflichtende Gebäudeenergieausweis eingeführt.
Die internationale Konferenz „Denkmalpflege – Architektur – Energieoptimierung“, die Mitte Juni vom Internationalen Städteforum Graz, an der Technischen Universität Graz veranstaltet wurde, konzentrierte sich auf die Potenziale und Problemzonen bei der thermischen Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden. Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz diskutierten auf der ISG-Tagung vor dem zahlreich erschienenen Fachpublikum über notwenige gesetzliche Grundlagen sowie mehr oder weniger gelungene Beispiele aus der Praxis.
Im Anschluss an eine Darstellung der aktuellen Debatte aus dem Blickwinkel der Architekten durch Andreas Vass, der u.a .wirksamere Instrumentarien zum Denkmalschutz für Objekte außerhalb der Innenstadtkerne fordete, referierte Johannes Sima (Bundesdenkmalamt Wien) über das Spannungsfeld Denkmalpflege und Klimaschutz. Er wies auf die besonderen Eigenschaften vieler historischer Bauwerke aufgrund ihrer massiven Mauern hin. Historische Bauwerke können Temperaturschwankungen wegen der sehr großen Speicherkapzität ihres Mauerwerks in geradezu idealer Weise ausgleichen. Sima betonte, dass man „die vorhandene Effizienz in Hinblick auf Energieeefizienz bestmöglich nutzen müsse“, indem man sich auf die Vorteile dieses Speichervermögens durch die Substanz konzentriert und erst danach Innendämmung oder Bauteilheizung ins Auge fasst. Eine sorgfältige Evaluierung sei daher vor massiven Eingriffen unbedingt erforderlich, um irreperable Schäden an den Gebäuden zu vermeiden.
Über die Praxis in der Schweiz berichtete Niklaus Ledergerber (Vizepräsident des ISG und Denkmalpfleger): „Der Druck auf die Altbauten hat in der Schweiz in den letzten Jahren zugenommen, inzwischen regen sich Zweifel an der einseitigen, auf die Gebäudehülle konzentrierte Förderung von Energiesparmaßnahmen.“ Ihm geht es insbesondere um den Erhalt von traditionellen Ortsbildern in den Schweizer Alpentälern, die als Zeugnisse eines jahrhundertelangen Siedlungsprozessen hohen kulturhistorischen Wert haben und sich in den verwendeten Baumaterialien, wie Strickwänden und Granitplattendächern, ausdrücken. Hier sind, so Ledergerber, auf jeden Fall Kompromisse sinnvoll und wichtig, ebenso wie öffentliche Zuschüsse für aufwändigere Dämmlösungen, „denn Denkmalschutz ist nicht umsonst zu haben“. Noch schärfer formulierte der deutsche Denkmalpfleger Holger Rescher (Deutsche Stiftung Denkmalschutz) seine Kritik: „In Deutschland herrscht derzeit eine regelrechte Dämmungshysterie, dabei sollte man die Relationen nicht aus den Augen verlieren.“ Bei einem angenommenen Bestand von etwa 2 bis 3 Prozent an denkmalgeschützten Gebäuden am Gesamtbauvolumen und einem Drittel des Energieaufwandes für Gebäudwärme könne man von einem Anteil von maximal einem Prozent Einsparungspotanzial ausgehen. Das deutsche CO2-Gebäudesanierungsprogramm berücksichtigt keine Denkmalschutzkriterien, immerhin habe man für die Engeriepasspflicht eine Ausnahmegenehmigung für denkmalgeschützte Gebäude erreicht. Als Beispiel für Bausünden im Denkmalbereich zeigte Rescher ein saniertes Mühlengebäude bei Erfurt, das nur mehr in seinen ungefähren Proportionen Ähnlichkeiten mit dem Original zeigt. Aber auch bei nicht geschützten Wohnhäusern zeichnet sich eine besorgniserregende Entwicklung ab, etwa bei den Siedlungsbauten norddeutscher Städte aus der Zwischenkriegszeit in typischer Backsteinbauweise. Diese werden von Akkord-Montagetrupps mit Dämmplatten verkleidet, auf die dann eine Art „Backsteintapete“ aufgeklebt wird, auch andere Elemente wie Türen und Fenster werden einfach durch Massenware ersetzt.
Konkreten Praxisbeispielen waren die Beiträge des Nachmittags gewidmet: Dieter Wenzel beschrieb die gelungene Sanierung einer US-Offizierssiedlung in Darmstadt, deren Wohnhäuser nach dem Abzug der amerikanischen Truppen als vollsanierte Wohngebäude an private Interessenten verkauft wurden. Dabei wurde mittels zahlreicher Bauauflagen auf die detailgetreue Erhaltung dieses materiellen Zeitdokuments sorgfältig geachtet. Gerhard Lang
(Grazer Energieagentur) erläuterte anhand genauer Kostenaufstellungen die Amortisation der verschiedenen Maßnahmenpakete der energetischen Sanierung. Mit speziellen Grazer Renovierungsvorhaben beschäftigte sich das Referat von Wolfgang Götzhaber (Stadt Graz, Umweltamt), die im Rahmen des „denkMALaktiv-Projekts“ durchgeführt werden. Das vom Klima- und Energiefonds des Bundes mit 1,1 Millionen Euro geförderte Forschungsprojekt ermöglicht die Grundlagenforschung auf diesem Spezialgebiet wie auch die Entwicklung von konkreten Pilotprojekten, etwa dem „Netto-Null-Emissions-Haus“ am Beispiel des Grazer Franziskanerklosters.
Technischen Aspekten der Gebäudedämmung und -hülle waren die Beiträge von Wolfgang Löschnig und Andreas Ampflwanger gewidmet, die beide als Assistenten am Institut für Gebäude und Energie an der TU Graz unter der Leitung von Brian Cody tätig sind. Die Gratwanderung zwischen Denkmalpflege und Energiesparen beschrieb der Energiekonsulent Ernst Baumann (Schweiz), während Toni Püntener in einem größeren Kontext das ambitionierte 2000-Watt-Projekt der Stadt Zürich vorstellte. Zum Abschluss schilderte Dietmar Koch seine Erfahrungen im Rahmen der energieeffizienten Sanierung des Zanklhofs in Graz (GAT berichtete). In den Pausen wurden die unterschiedlichsten Probleme im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Denkmlapflege mitunter recht lebhaft debattiert.
Die halbtägige Exkursion am folgenden Vormittag machte Station an den wichtigsten Baustellen bzw. abgeschlossenen Projekten für denkmalgeschützte Gebäude in der Innenstadt von Graz: Umbau Hauptgebäude des Universalmuseums Joanneum, Revitalisierung und Umbau der Alten Universität, Sanierung eines historischen Wohnhauses in der Färbergasse und Franziskanerkloster als Energieleitprojekt.
Eine Zusammenfassung der Beiträge erhalten Sie in Kürze auf Anfrage im ISG-Büro (Anm. d. Red.).
Veranstalter der internationalen Konferenz „Denkmalpflege – Architektur – Energieoptimierung“ waren:
Internationales Städteforum Graz (ISG)
Technische Universität Graz
Stadt Graz
- Verfasser/in:
- Josef Schiffer, Nachlese
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