Später Einstieg?

Das Ideelle im Vordergrund, dem Raum zu geben, was das soziale Leben braucht, um zu einem Leben im öffentlichen Raum zu werden, und das im ländlichen Raum, dachte sich Ka

14/06/2006

Das Ideelle im Vordergrund, dem Raum zu geben, was das soziale Leben braucht, um zu einem Leben im öffentlichen Raum zu werden, und das im ländlichen Raum, dachte sich Karin Wallmüller, das muss es sein.

Die Architektin ist so spät nicht eingestiegen, wie sie es darstellt. Sie hatte zuerst drei Kinder, die sie aufwachsen sehen wollte, machte davor beim Team A Graz und in der darauf folgenden Zeit parallel jedes Jahr ein Projekt.. Mit 45 eröffnete sie ihr eigenes Büro, unter eben diesen Voraussetzungen, zu denen sich die idealistischen Ansprüche gesellten. Sie spezialisierte sich ab 1988 auf Ortserneuerung, es war die Zeit unter Götz Sack im Amt und Dieter Schöller im Volksbildungswerk, Josef Krainer war noch LH.

Methodisches am Beispiel St. Martin am Wöllmissberg (2002)

„Für mich war das Warum wichtig, ich wollte gestalten, weg von Gehsteig-Bankerl-Platzerl, wollte hin zu einem funktionell orientierten dörflichen Leitbild und weiter zu einer echten Entwicklung des Raumes.“ Wie konnte man also die Bewohner im Verständnis ihres eigenen Raumes weiterbringen? Heute würde man Sensibilisierungskampagne für das sagen, was Karin Wallmüller damals startete. Zum Beispiel Glashütten: So, dachte sie sich, so ist es, und so könnte es ausschauen. Zum Beispiel Radegund: Wo kann öffentliches Leben, wo können Begegnungen stattfinden?

Es gibt für Wallmüller im ländlichen Raum immer Grenzen der Gestaltungsfreiheit, sie versucht die Potenziale hervorzuarbeiten, richtet sich in ihren Projekten nach der Besonnung und dem Baumbestand. Sobald diese Potenziale erkannt sind, werden sie aufgewertet und kombiniert. Ihre Gestaltungen sind schlicht und eher zurückhaltend mit einigen wenigen Akzenten, wobei sie der Beleuchtung große Bedeutung beimisst, weil die Räume dadurch definiert und nachgezeichnet werden. In Dörfern mangle es oft an Kommunikation im öffentlichen Raum, weil die baulichen Voraussetzungen nicht gegeben seien. Bei St. Martin ging es Wallmüller darum, das Gemeindeamt im Verhältnis zum Gasthaus mit den herrlichen Lindenbäumen aufzuwerten, in der Ortskrone mit Gasthof, Kirche, Friedhof, Salettl ein Gleichgewicht zu schaffen, damit nichts dominiert und der Raum öffentlich besetzt werden konnte. Es entstand eine beruhigte Zone mit gepflastertem Raum, ein Platz, Wasser und Beleuchtung, die den Bereich einrahmt. Gegenüber dem Salettl wurden ein Informationsstand und eine Pergola aufgestellt, um einen Dialog herbeizuführen. Der Raum sollte sich selber inszenieren. Tatsächlich wurde dieser neue Raum sehr schnell angenommen, aber nur von den Jugendlichen. Die Älteren sagen, sie hätten keine Zeit.

St. Peter im Sulmtal, Blumau

„Das Kriterium ist immer die Raumqualität. St. Peter im Sulmtal war 1989, umfasste den Ortsraum, ein Leitbild und 1994 dann den Kirchplatz. Floing in der Oststeiermark begann parallel. Die damalige Fachabteilung und Schöller haben intensiv Öffentlichkeitsarbeit betrieben, sind durchs Land gefahren und hat ein Budget bereitgestellt. Aber trotz finanzieller Unterstützung dauern Projekte im ländlichen Raum sehr lange, weil die Bevölkerung erst für Veränderungen gewonnen werden muss.

Blumau ist so ein Beispiel. Es begann 1989. Mit der Eröffnung der Therme wollte man sich verschönern, aber erst 1997 konnte die Architektin mit der Gestaltung beginnen. Mit lebenden Bildern macht sie Lust auf das Umgestalten, auch während des Prozesses arbeitet sie anschaulich: „Revitalisierung von Lebensräumen bedeutet nicht „Drüberfahren“, sondern bescheiden auf die Verhältnisse einzugehen. In Blumau beispielsweise habe ich die Straße verschmälert und einen niveaugleichen Raum mit Gehweg ,Grünstreifen und Nebenräumen geschaffen, um die Gleichrangigkeit und das Miteinander der Nutzer zu betonen und Kommunikation anzuregen.“

Floing: Gut Ding braucht Weile- aber müssen es 10 Jahre (1989-1999) sein?

Was hier öffentlicher Raum werden sollte, wurde so vorgegeben: Die Gemeinde hatte ein Grundstück mit einem Bauernhof gekauft. Der Bauernhof sollten weggerissen werden, ein Gemeindeamt mit Wirtschaftshof, ein Postamt, Café und eine Bank sollten hinkommen. Dazu präsentierten drei Planer in einem Gutachterverfahren ihre Vorschläge. Wallmüller ging es einerseits um so viel Geschlossenheit, dass ein Ortszentrum entstand, und andererseits um so viel Offenheit, dass der Naturraum nicht ausgesperrt wurde. Mit ihrem Konzept, einem Langhaus, einem kleinen Gebäude daneben und einer Kapelle, war sie zu früh dran. Nach vier Jahren erst wollte die Gemeinde eine Kapelle, und es kam zu einem neuen Gutachterverfahren. Karin Wallmüller wurde wieder dazu eingeladen. Es wurde ein Kapellenverein gegründet, die ursprüngliche, von der FPÖ stammende Idee einer Tiefgarage fiel. Der Kapellenverein begann zu sammeln. Die Architektin baute ein Modell und stellte ihr Projekt vor, aber erst 1999 rief der Bürgermeister an. Ab da aber sollte es schnell gehen, das neue Jahrtausend drängte und man wollte fortschrittlich sein. Die Kapelle hatte sich endgültig als Zugpferd für das Gemeindezentrum erwiesen.

Die Kapelle

Die Gemeinde wollten sie gotisch, mit einem steilen Dach samt Dachreiter, weil, wie der Bürgermeister argumentierte, ja alle dort immer mit Satteldach bauen müssen. „Ich habe um das Gesamtkonzept und die flachen Satteldächer kämpfen müssen. Es entstand somit eine kleine Kapelle mit getrenntem Glockenturm, ein Campanile, der nur quasi angebaut ist; ich habe zwei Kreise darum gezogen, mit einem zweiten Portal, das einen Vorhof definiert. Damit nahm ich einen altchristlichen Ansatz auf. Das zweite Portal leitet in den Innenraum, der den Rahmen für sakrale Feiern bildet. Der Turm musste unbedingt Teil des Kreises sein, ein gleichwertiger Partner. Der Kreis reicht in das Gebäude hinein. Als alles fertig war sagte man, dass es besser gewesen wäre, größer zu bauen. Aber zu Zeiten der Planung war das alte Kühlhaus die Messlatte, die die Kapelle nicht überschreiten durfte.Das Gemeinde-Ämterhaus

Das Amtshaus mit Gemeindeamt, post, Bank und Cafe wurde in der kurzen zeit vor Baubeginn den Wünschen der Gemeinde angepasst und es musste auch hier gespart werden.

Wallmüller hat das Projekt mit einer Mitarbeiterin entwickelt und alles gemacht außer der Bauleitung. „Es war eine Hack’n, aber wir waren zäh. Das Amtshaus und die Kapelle entwickelte sich zu einem Lehrbeispiel, wie man mit traditionellen Baukörpern Dichte erzeugen kann. Man kann die Gebäude wie in diesem Fall ein bisschen fächerartig drehen, und plötzlich ergibt das eine Dichte. Das war Wallmüllers Ansatz. Das Obergeschoß des Amtshauses ist aus Kreuzlagenholzplatten gebaut, die im Bezirk Murau hergestellt werden. Die Architektin fuhr mit den Floingern hinauf, „proHolz“ unterstützte sie. Die Floinger wollten darauf hin in Holz bauen, der Bauunternehmer des Ortes schoss quer, und heraus kam ein Kompromiss – Erdgeschoß Beton, Obergeschoß Holz. Innerhalb eines Tages war das Geschoß fertig und die Begeisterung groß.

Die Grenzen der Leidensfähigkeit

Unter den drei Linden hat sich das Caféhaus ausgebreitet. Es wurde erst ein Jahr nach der Eröffnung des Hauses eingerichtet, und leider hat niemand mehr Karin Wallmüller geholt, so ist die Einrichtung anders geraten als die Architektur. Die Architektin hätte sich verbrüdern müssen, aber das lag ihr bei all ihrer über die Jahre entwickelten Leidensfähigkeit doch fern. Ihre Achse wenigstens blieb erhalten: vom Kaufhaus durchs Café zum anderen Kaufhaus. Das Café mitten am Weg. Ein Durchgangscafé mit Tischen unter den Linden.

Vom Platz aus kommt man in die Bank. Das Gemeindeamt ist eine schlichte Geschichte, aber da ist doch etwas Besonderes, das sich aus der schwierigen Organisation eines Langhauses ergibt: alle Zimmer sind durch „Geheimtüren“ miteinander verbunden. Eine Königsidee, meint Wallmüller: „So kann der Amtsleiter auch einmal von den wartenden Bürgern ungesehen die Räume wechseln und der Bürgermeister nicht immer anwesend sein“.

Stadtentwicklung versus ländliche Entwicklung

Seit den letzten Wahlen scheint das öffentliche Interesse am ländlichen Raum insgesamt nachgelassen zu haben – liegt es nur daran, dass einige engagierte Beamte in Pension gegangen sind, fehlt es an politischem Willen, sich mit dem Dorf auseinanderzusetzen, oder ist das der Zeitgeist? Das treibt Karin Wallmüller um, und: Was hält ein Dorf zusammen? Ein Dorf im ökologischen Sinn auch, aber auch als Lebensraum mit Lebewesen und deren Interaktionen. Sie ist selbst am Land aufgewachsen und schätzt die Qualität des ländlichen Raumes sehr. Das fließt immer wieder in ihre Arbeiten ein. Am Diskurs, so es ihn noch gibt, habe sich in den letzten 20 Jahren nichts geändert, das konnte sie erst unlängst wieder feststellen, als sie mit einem einstündigen Vortrag in Bierbaum am Auersbach bei Gnas ein Ortsbild vorstellte. Ihr Gestaltungswille ist sagenhaft, ihre Steherqualitäten idem. KONTAKT:

Arch. DI Karin Wallmüller

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Verfasser/in:
Maria Nievoll im Gespräch mit der Architektin Karin Wallmüller, Graz

Weiterführende Links

06.floing.jpg
Gemeindezentrum Floing, fertig gestellt 2001. Fotos: K. Wallmüller
k._wallmueller_portrait.jpg
Karin Wallmüller, *1944 in Fürstenfeld, studierte an der TU Graz, 1970 Diplom bei Prof. Schuster. Mitarbeit bei Arch. Laggner und im TEAM A in Graz. 3 Kinder. Architektin und eigenes Büro seit 1988.

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