Der Gebrauchswert von Architektur spielt im Schaffen des Grazer Architekten Eilfried Huth seit vielen Jahren eine zentrale Rolle. Nachdem er in den Sechzigerjahren noch spektakuläre Bauten gemeinsam mit seinem damaligen Partner Günther Domenig realisiert hatte, wandte er sich später ganz dem sozialen Wohnbau zu. Bei den am kommenden Wochenende stattfindenden Architekturtagen ist die Architektur als entscheidender Teil unseres Alltags wieder groß am Tapet. Architektur als soziale Verantwortung: Was sagt einer der Vorreiter zum neuen Trend?
Falter: Die soziale und politische Dimension von Architektur hat Sie schon vor dreißig Jahren beschäftigt. Heute ist das Thema wieder sehr aktuell. Überrascht Sie das?
Eilfried Huth: Eigentlich nicht - das sind ja immer Wellenbewegungen. Für mich persönlich war der entscheidende Punkt das Olympia-Attentat 1972 in München. Ich habe damals mit Günther Domenig einen Gastronomiebereich und eine Schwimmhalle für die Spiele gebaut. Mit dem Attentat hat sich für mich die Fragestellung ergeben, ob wir da überhaupt das Richtige tun. Und da habe ich mit dem sozialen Wohnungsbau angefangen. Ganz von unten.
Was sind die Motive des heutigen Interesses an sozialen Themen in der Architektur?
Das hängt sicher mit unserer Gesellschaft des Neoliberalismus zusammen, einer Tendenz unter Architekten, Architektur auf sich selbst bezogen zu machen. Die Architekturstars von heute sind ja Leute, die durch ihre persönliche Handschrift eine Art Markenzeichen entwickelt haben. Sie überschreiten damit aber auch eine Verpflichtung, die wir in der Architektur übernehmen: nämlich mit fremdem Geld für andere Leute zu entwerfen. Irgendwo eine Kiste hinzubauen, die sich von den anderen zu unterscheiden hat, reicht nicht. Das führt dann dazu, dass gute Architektur, die, isoliert betrachtet, ohne Nachbarschaft, hervorragend ist, im Ensemble zum Störfaktor wird. Etwa das geplante Kommodhaus von Zaha Hadid in Graz - ich nenn das immer einen Strudelauflauf mit Fettaugen. Das ist völlig überflüssig. Und dadurch ergibt sich automatisch eine andere Haltung, nämlich eine Dienstleistung zu erbringen für den normalen Bürger oder für den demokratischen Staat.
Trotzdem kommt die so genannte Stararchitektur heute überall gut an.
Die Folge ist sicher, dass formal aufregende Architektur durch die Werbung eingekauft wird. Das führt dann dazu, dass man Gebäude wie das Kunsthaus in Graz gar nicht kritisieren kann: Die Form des Kunsthauses ist ein so guter Werbeträger, dass man die Frage nach dem inhaltlichen Transport dieses Gebäudes nicht mehr stellt. Das gilt ganz besonders auch für Institutionen wie Banken und Versicherungen. Wenn ich einen Auftrag bekommen würde, für eine Versicherung ein Hochhaus zu bauen, ich würde das nicht machen.
Kann es sich ein Architekt denn leisten, Aufträge abzulehnen?
Es sind die Mechanismen, die ich ablehne. Wenn Versicherungen oder Banken bauen, dann machen sie das mit Geld, das sie auf spekulative Weise angehäuft haben. Als Architekt verleihe ich solchen Institutionen ja auch Werbewirksamkeit und Symbolik. Der Freedom Tower in New York ist ein deutliches Beispiel dafür. Es ist ja nicht so, dass da irgendwelche blindwütigen Terroristen zum Spaß hineingeflogen sind, sondern das ist Ausdruck einer lange schon unterschwellig existierenden Auseinandersetzung zwischen Anschauungen, die von den einen hochgepusht und von den anderen bekämpft werden. Und jetzt wird ein noch höherer Turm dorthin gebaut, nach dem Motto "jetzt erst recht". Ein Nachdenkjahr, warum so etwas passiert ist, wäre mir wichtiger gewesen. Ich glaube, dass man da sensibler sein müsste, auch als Architekt.
Welche Themen müssen in der Steiermark heute angegangen werden?
In Zukunft wird unser Alltag sicher aus Sozialdiensten bestehen, die wir selbst leisten müssen, und zwar in unbezahlter Form. Etwa in der Altenpflege. Auf die Architektur bezogen kann eine Wohnanlage genauso eine architektonische Herausforderung an Qualität sein wie die Umnutzung leerstehender Kasernen für sozialen Wohnungsbau, die Wiederentdeckung der Innenstadt als Wohnort oder die Frage der Integration von Immigranten. Herausforderungen gibt es auf allen möglichen Ebenen.
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Gespräch; erschienen im Falter Stmk. 23/06

