EMIL GRUBER
In der Besenkammer der Macht oder Zukunft kann man wählen
Zur steirischen Landtagswahl 2010
„I hab mi scho wieder verwählt“, Josip Schürzenhobler knallte sein Mobiltelefon auf den Tisch und rührte mit dem Finger missmutig in einem Glas mit Apfel-Kren-Sorbet vor sich. Er sehnte sich nach einem Marmeladekipferl. Seit dieser Schnauzbart seine Ritterburg aufgegeben hatte, um auf Josips Wunsch die Landtagskantine zu übernehmen, war Essen plötzlich nicht mehr das, was es einmal war. Klar, zurück zur Steiermark, war die lockere Vorgabe, aber Apfel-Kren-Sorbet? Wie man sich in Menschen doch täuschen kann.
„Was hast g´sagt?“ Frantisek Wohlweh schaltete seinen Fön aus, mit dem er seit einer halben Stunde vorm Spiegel versuchte, die perfekte Welle in sein Haar zu formen und drehte sich um. „Verwählt hab i mi“, wiederholte Schürzenhobler. „Wenn der La Fer net bald einmal wieder anständig kocht, dann lernt der Krisenherd mei Handschlagqualität kennen, ergänzte er seufzend. „Raunz net, sauf“, erwiderte Wohlweh, „er war deine erste Wahl. Wen wolltest den jetzt grad anwählen?“ Das Arbeitsamt.“ Schürzenhobler fuhr vorsichtig mit dem kleinen Finger ins Glas und kostete. „Brrr, schmeckt der Gatsch grauslich! Die Zukunft ist grün-weiß, wollen diese spinnerten Doktoren mir immer eintrichtern, aber bin i a Stopfente, die alles runterschlucken muss, was ihr vorg´setzt wird? Des is a Horrorfilm für meine Organe à la das Schweigen der Leber oder so.“ „Das Arbeitsamt?“ Wohlweh legte erstaunt den Fön zur Seite. „Freut di dei Hakn nimmer?“ „Tua net so, wennst verlierst, wirst umg´sagelt wia a Maibaum im Herbst. Dann bist ausg´steckt. Is besser fürs Land, sogns hinter mein Ruckn scho. I bin ma eigentlich eh zu guat für die Stadt.“ Wohlweh überprüfte beiläufig seine Frisur. „Geh kumm. Er soll Landeshauptmann bleiben, sog i ma zwanzig Mal am Tag, wenn i mi im Spiegel seh. Trotzdem hab i an Plan B, wenn´s schief geht. Irgendein´ Vorstandsposten wird für di a no zu finden sein.“ Schürzenhobler lächelte säuerlich. „Vorstandsposten? Kann Fleisch gewordene Verlässlichkeit und Heimatliebe in einem Vorstandsposten überhaupt guat abhängen? De meisten wirtschaftlichen Appetitzügler woll´n außerdem hungrige Leut, des hab i schon satt. I suach noch an ehrlichen Arbeitsplatz in der Provinz. A Lebensabendmenü in drei Gängen. Arbeit daham und a freies Wochenend mit viel Zeit fürs Politisieren am Stammtisch nach der Kirch´n am Sonntag. Und am Abend bei an anständigen Schweinsbraten mit Erdäpfeln die Lottozahlen checken, des is Dramatik und Lebensqualität gleichzeitig. Die Steiermark kann mehr, des sag i dir und des sog i a dem La Fer.“ „Du spinnst!“, Wohlweh tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. „Net Vogel zag´n, du zerrafftes Rotkehlchen“, empörte sich Schürzenhobler. „Was machst du denn, wennst verlierst? Was is dei Plan B? Weniger Schöpfen, dafür mehr Kur? Zurück zum Vorsorgeplaneten, du politischer ET? Gut so, weiter so? Da is mei Blackberry, kannst daham anrufen, wennst willst.“ Wohlweh drehte sich wieder zum Spiegel und fuhr sich durch die Haare. „Zurück zu den Keilern? I bin ja ka Jäger des verlorenen Schatzes wie du. Wir sind darauf vorbereitet. I bleib cool und geh aufs nächste glatte Parkett. Zukunft kann man wählen, hab i dem Bill Gilligan und seinen 99ern g´sagt. Wenn´s auf gut Englisch es ka Happy End wieder mit mir als King of the Rot gibt, is mei persönliches Steirergoal eine neue Eiszeit, Wohlweh reloaded im Bunker, meine Schlittschuhkufen san schon g´schliffen wie meine Auftritte in der Öffentlichkeit. Kannst, egal wie´s kommt, scho jetzt Champion zu mir sagen.“ „Du bist einfach nur powerbled. Und Champions soll mir der La Fer panieren, net schockfrieren. Apropos, I hol ma jetzt a Kipferl.“ Schürzenhobler verlor schlagartig das Interesse an der Diskussion. Sein abruptes Aufstehen ließ den Tisch massiv erzittern. Das nahe am Rand stehende Sorbetglas gab sich der Schwerkraft hin, bis es am Boden zerschellte und sein Inhalt sich über dem Parkett ergoss.
Gerbald Kurzmal, der bislang verbissen am anderen Ende des Tisches in die Tasten seines Notebooks hämmerte, fuhr mit dem wortlos neben ihm sitzenden German Graus fast synchron hoch. „Geh, pass doch auf, Volkstanzbär. Wenn du mir mein Highscore versaust, seh i für dei Zukunft schwarz.“ Schürzenhobler putzte sich ein paar Sorbetflecken vom Hosenbein seines Steireranzuges. „Lass dein Blaulicht eing´steckt, Inlandsinländer. Welches Highscore?“
„Noch acht Minarette und zwölf Muezzins, dann bin i erster im Ranking“, erwiderte Kurzmal, ohne sein Gesicht vom Bildschirm abzuwenden. „Aber dann derf i endlich a einmal“, meldete sich nun auch Graus zu Wort. „Na, derfst net!“ Eher mehr zu sich murmelte Kurzmal: „ Der traut sich was, mit meinem Programm spielen zu wollen.“ „Was wirst Du machen, wennst dir am 26. a Veilchen holst, Kurzi? Da schau, rechts oben a Muezzin.“
Schürzenhobler hatte sich mittlerweile zu den beiden gesellt, während Wohlweh wieder mit eingeschaltetem Föhn seine Haare flachlegte. Kurzmal, dem weiterhin das Spiel seine ganze Konzentration abverlangte, nuschelte, „Dann kauf i ma, falls es das Parteibudget zulässt, a Sens´n, ziag aufs Land und sag dort Grün den Kampf an. Den Slogan hob i schon: Wir sind Heumahd.“ „ Derf i do mit?“, brachte sich Graus nun wieder ein. „Na“, zischte Kurzmal und schaute für einen Moment zu Schürzenhobler auf. „Er geht den geraden Weg. Der zertritt mir sicher net meine g´mähten Wiesen.“ „Du bist so gemein wie a Pferdehintern“, raunte Graus beleidigt in Richtung Kurzmal, „mit dir Hü-Po fahr ich nie mehr an die Adria und auf die Alpe wirst in Zukunft alleine klettern. Do kannst a Bank drauf setzen." „Aha“, reagierte Schürzenhobler nun etwas verwirrt, „ i geh mir jetzt jedenfalls a Marmeladekipferl holen.“ „I kaufat nie a Essen, des wie a türkischer Halbmond ausschaut. Wirst no zum Gutmenschen, pass auf“, rügte ihn Kurzmal, bevor er wieder auf ein Minarett zielte. „Bringst ma a Negerbusserl mit?“ Graus zog sein Geldbörserl aus echter Orangenhaut, ein Geschenk seines sonnigen Vorbildes, dem leider viel zu früh am geraden Weg eine heimtückische Kurve auflauerte. „Wennst die grün-weiße Sauerei da am Boden wegwischt, lad i di ein“, schlug Schürzenhobler vor. Graus lächelte und steckte das Portemonnaie wieder weg. Endlich wieder ein Spezialauftrag. Er öffnete seine immer in Reichweite befindliche Sonderanfertigung, den Geigenkasten mit dem zusammenlegbaren Strohbesen. Das Montieren der Einzelteile dauerte nur Sekunden. Als das Gerät sich wohl ausbalanciert in seiner Hand in den Dreck senkte, kamen ihm warme Erinnerungen an Zeiten hoch, die er nie erlebt hatte. Vor einem Mann mit Besen weichen die Bösen, sagte schon …„Übt der Graus scho als Straßenmaler, falls ihn seine Wähler schälen?“ bemerkte Wohlweh, der mittlerweile einigermaßen mit seiner Frisur zufrieden war und den Fön wieder abgeschaltet hatte, zu dem in der Tür stehenden Schürzenhobler. Das Zusammenkehren der Scherben hinterließ in den Sorbetüberresten feine Linien, die Wohlweh an die russischen Konditoristen, oder so ähnlich, erinnerten. „Nein, er räumt auf“. „Boah“, Wohlweh musterte sich nochmals schnell im Spiegel, bevor er seinen Arm um Schürzenhoblers Schultern legte und die beiden zusammen den Raum verließen. „Josip, schau mir in die Augen, Kleiner. I sag dir, no nie is in der Steiermark in so kurzer Zeit so viel weitergangen.“
Anmerkung des Autors
Auch wenn für Teile des Textes Slogans der Wahlplakate zur Landtagswahl 2010 verwendet wurden, sind die hier handelnden Personen fiktive und frei erfundene Figuren, die nichts, aber schon gar nichts mit lebenden Personen zu tun haben. Die Realität – und auch die Zukunft! –bleiben immer besser, wie wir ja alle längst wissen.
Somit sind auch die Fotos hier in keinem Zusammenhang mit dem Text zu verstehen, sie sind Fundstücke aus dem öffentlichen Raum von meinem Freund, dem ehrenwerten Posterbob. Sämtliche Assoziationen liegen daher alleine in der Verantwortung des Betrachters.
EMIL GRUBER
lebt in Graz
Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger.
KONTAKT: katmai@aon.at
http://ortlos.com/photography
- Verfasser/in:
- Emil Gruber
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