WENZEL MRACEK
Wörter-Seefahrer IV - Korrespondenzen
Man weiß es nicht genau. Aber vielleicht hatten Klara Schumann und Johannes Brahms ein Gspusi. „Ich dachte – wie oft daran, zu Ihnen zu gehen. Aber ich fürchtete das Unpassende. Es kommt ja alles in die Zeitungen“, ließ er ihr rasch noch in einer Depesche zukommen und zog es vor, den Kalamitäten gen Süden zu entfliehen. Aus der Sommerfrische in P. dann schrieb er an Klara: „Der erste Tag war so schön, daß ich den zweiten durchaus bleiben wollte, der zweite so schön, daß ich für's erste weiter bleibe!“ Besser so, soll Klara sich einer Freundin gegenüber geäußert haben, so bliebe ihr der leidgeprüfte Kopf doch freier, um sich an die Reinschriften von Roberts Compositionen zu machen. „Aber wenn man nur wüßte“, will sie gegenüber ihrer Vertrauten bemerkt haben, „wo das denn ist.“
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Hätte sie mich doch gefragt. „Am Ende des Sees“, hätte ich ihr zur Antwort gegeben, „und in meinem Kopf das alles – und aus dem wieder heraus!“
Johannes derweilen componierte wohl ein bisschen dem Vergessen zu und ließ sich von der „schönen Wabi“ im Kahn zur Bade- und Gastwirtschaft Maiernigg hinüber rudern, wo es meist recht lustig zuging. Oft bis spät in die Nacht klirrten da die Gläser, und Brahms kam es nicht ungelegen, in der Anonymität der Zecher auf zugehen. Viele sahen ohnedies aus wie er.
Morgens früh, gleichwohl ohne Schlaf gefunden zu haben, ging es per Schraubendampfer zurück nach P. Zu vorgerückter Stunde hatte ein angeheiterter Seemann Brahms den „Asthmadampfer“ empfohlen, der täglich um Schlag sieben abging. Es war dem Compositeur etwas blümerant zumut, als er nach dem Ablegen zum ersten Mal die heisere Schiffspfeife vernahm, zunächst ein schmächtiges Blasen von Nichts, das sich bald zum Teekesselpfeifen steigerte, um sich, einen Halbton höher nun, auch schon wieder in einem dampfigen Röcheln zu verlieren. So werden die hier in Hinkunft aber keinen Staat machen, dachte Brahms, bevor er sich in seiner Pension am Ufer zu Bett begab. Und obschon er sich Notiz im Notenbüch’l gemacht hatte, sollte er vergessen, den Laut der Schiffspfeife in auch nur irgendeines seiner Werke aufzunehmen. Das blieb Schönbergs Schüler Alban Berg vorbehalten, der an die sechzig Jahre später ein bescheidenes Anwesen, inklusive Automobil und über der Westbucht gelegen, erwarb – am Ende des Sees.
Dort – am heutigen Tag vor einundachtzig Jahren, um 15 Uhr – bezog in der hochsommerlichen Hitze des Nachmittags der Gemeindegehilfe Ulrich Humnig Position auf dem zentralen Kreuzungspunkt der Landesstraße und jener, die nach dem Südufer des Sees verläuft. In Folge III der Seegeschichten, beim „Landgang“, waren wir genau hier zu Fuß unterwegs, um zu sehen, wie der Architekt Franz Baumgartner und sein Baumeister Anton Bulfon ein ganzes Dorf errichtet haben. Humnig – dessen Name nur zufällig so klingt wie das Summen jenes Schwarms von Hummeln, der wohl bis zu beider gleichzeitigem Ableben in seinem Kopf Quartier bezogen hatte – schob sich ob der Hitze den „geliehenen“ Diensthelm in den Nacken, den er nachts zuvor, schmähhalber, dem ebenfalls nicht mehr ganz nüchternen Rayonsinspektor Josef Nischelwitzer, genannt Schnitzelwixer, in der Guten Gastwirtschaft mit Schagaga (müßig, Schagaga hier ein weiteres Mal zu erklären) Bankerlwirt entwendet hatte. Man könnte glauben, der Dampf, der zwischen Humnigs Scheitel und der oberen Innenseite von des Rayonsinspektors Diensthelm schon langsam Druck entwickelte, hätte sich wie durch die Pfeife des Asthmadampfers seinen Weg durch die oberen Lüftungsöffnungen gesucht. Es war aber in der Tat der Asthmadampfer selbst, der an der nahen Anlegestelle gerade Signal gab.
„Dreie is schon“, murmelte Humnig und überlegte, wie er sich möglichst unbeschadet baldigst aus der Helmaffäre ziehen könnte. Heimlich vielleicht den Bankerlwirt aufsuchen, nichts, wirklich fast nichts trinken und den (!) Corpus delicti wieder an den Garderobenhaken hängen. Humnig war nun als Gemeindegehilfe gerade erst zwei Monate im Amt. Der Bürgermeister selbst, Heinzl Rudolf vlg. Hernabauer, hatte sich für ihn eingesetzt, ihm den „Schub“ gegeben, wohl wissend, worauf er sich da mit seiner Empfehlung einließ:
Um in der Zeit vor zuspringen. In den später angelegten Protokollen einer Prüfung des Dorfes am Ende des Sees finden sich folgende Einträge:
„Der Gemeindebote Humnig folgt nicht den Anordnungen seiner Vorgesetzten, kommt seinen Obliegenheiten (Botendienste, Herrichtung des Standesraumes und Beaufsichtigung der Arbeiter) nur mangelhaft nach und neigt zur Trunkenheit.“
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„… der Gemeindebote Humnig vom Bürgermeister einen Tag freibekommen hat und an diesem Tage mit dem Gemeindearbeiter Jäger [kein Komma] der laut Schichtenbuch krank gemeldet war, bei Frau Martini das aus dem Gemeindeholze ihr zugeteilte Holz geschnitten.“
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„Ulrich Humnig, seit 15.6.1929 im Dienste der Gemeinde und somit die älteste Gemeindekraft [k. K.] kennt die Verhältnisse in der Gemeinde am besten und verstand [!] es, sich bei allen den verschiedenen Bürgermeistern seit jener Zeit unentbehrlich zu machen. Er trinkt gerne und war, solange es Alkohol gab, öfter betrunken. Humnig ist eigenwillig und widerspenstig.“
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Besagte „Verhältnisse“ finden in den Protokollen zudem Erwähnung:
„Der Bürgermeister verkehrt, wie er selbst zugibt, mit einer geschiedenen Frau. Wenn auch zugegeben werden muss, dass, wo der Bürgermeister bisher wohnte und verkehrte, in der Gemeinde immer ein Gerede entstanden ist und der Bürgermeister auch irgendwo wohnen und verkehren muss, so muss doch von der natürlichen Lösung der Übersiedelung mit seiner Familie abgesehen werden … der Gemeindeleiter seinen Verkehr so einrichten, dass nicht auf eine einseitige Bevorzugung einer Bevölkerungsgruppe geschlossen werden kann und Gerüchten keine Nahrung gegeben wird.“
…
„Im Bade des Hotels M. ist öfter des Nachts nackt getanzt worden. Die einheimische Bevölkerung und auch die nichtbeteiligten Fremden in der Nähe sind dabei durch den verursachten Lärm gestört worden. Der Bürgermeister ist einmal eingeschritten. Gegen das Nacktbaden hat er jedoch nichts unternommen.“
Brahms also hatte sich geirrt. Fremdenverkehrlich jedenfalls – und so weiter – wurde hier sehr wohl Staat gemacht!
Noch fernab, und außerhalb seines brummenden Schädels, vernahm Ulrich Humnig jetzt ein weiteres Brummen – ein sehr seltenes, ein mondänes. Vielleicht war da noch ein drittes Brummen, das sich zugleich aus der Diametralen zu nähern schien. Über den Schotter der Landesstraße kam aus Richtung Osten ein Automobil gefahren. Dem Schwindel wehrend, wendete sich der behelmte Gemeindegehilfe vorsichtig nach Westen: Die Sonne so zusagen raumschots, kam, vor hitzeflirrender Luft, ein zweites Automobil daher. Die Distanz mochte jetzt noch einundachtzig Meter betragen und Humnig befand sich im Zentrum der gedachten Geraden.
Das ging doch so: Wieder nach Osten wenden, den rechten Arm heben, derweil den linken in der Waagerechten, Blickkontakt mit dem Chauffeur aufnehmen. Jetzt dasselbe in Richtung Westen, möglichst gleichzeitig. Aber das ging nicht mehr! In diesem Augenblick versuchten beide Chauffeure dem Gemeindegehilfen Humnig – den sie ob seines Helms für einen Hilfsgendarm gehalten haben mögen – auszuweichen. Humnig, an eine Fotografie erinnert, die ein urlaubender Torrero hinterlassen hatte, wollte noch ansetzen, die beiden Automobile, wie ein Matador den Stier, in einer „Veronica“ an sich vorüber zu lenken. Das geht bei einem Stier oder einem Automobil. Aber, glauben Sie mir, es geht nicht bei zweien – seien es Stiere oder Autos!
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Humnig hielt mit der einen Hand Nischelwitzers Helm fest auf dem Blutzer, machte stantepe das Kehrteuch und ergriff das Hasenpanier in Richtung der Guten Gastwirtschaft Bankerlwirt mit Schagaga. Atemlos rannte er, den Leibhaftigen und die „Verhältnisse“ quasi am Gesäß hängend und der Kellnerin ein „Griaßdi Peppi“ hinwerfend, durch die Gaststube und beim Hintertürl wieder hinaus, geradewegs ins alte, demnächst vom „modernen“ ersetzt sein gewollte Häus’l im Hof, das damals noch unterirdisch per Drainage mit der hauseigenen Sickergrube verbunden war.
Tür auf, Tür zu, puh!
Eine halbe Stunde später, nachdem sie die Kellnerin Josepha verständigt hatte, die Malaise auf der Kreuzung vom barhäuptigen Rayonsinspektor „aufgenommen“ worden war – „keine verlezten (!) Personen, nicht zu beschreibender Sachschaden an 2 Automobilen“ – und man, nach Aussage der Chauffeure, schon einen Verdacht nach dem verschwundenen „Gendarmen“ gehegt hatte, standen Nischelwitzer und der Bürgermeister vor der verschlossenen Häus’ltür. Es roch ein bisschen, vor allem nach Angst.
„Humnig, kum aussa! I bin’s, dei Birgamasta!“
Kein Wort kam von drinnen. Einen Spalt nur öffnete sich die Tür, gerade so weit, dass der Helm durchgereicht werden konnte. Dessen Schweißband wischte Nischelwitzer geflissentlich mit seinem Sacktuch ab, bevor er ihn wieder aufsetzte.
Man hat mir erzählt, dass Ulrich Humnig bis zum nächsten Morgen dort sitzen geblieben sei. Ausgenommen jene Stellen im Protokoll, ist er aber im Raunen der Erzählungen und Umerzählungen verschwunden. Sechsundzwanzig Jahre später wurde erneut Staat gemacht, Automobile wurden mit Blumen und Damen dekoriert, in die Sommerfrische kam man sogar von Großbritannien an das Ende des Sees.
Wenzel Mraček, geb. 1962 in Klagenfurt, Kunsthistoriker, Kulturredakteur, Autor, Seefahrer, lebt in Graz.
Literatur: W.M., Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln, Weimar 2004 (Böhlau, www.boehlau.at).
- Verfasser/in:
- Wenzel Mracek
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