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"Strecken und Geschmäcker" - "Das Riechen, das Schmecken und das Reisen fallen mir oft auf eine Art ineinander, dass ich noch Wochen danach mit Staunen beschäftigt bin."

15/08/2010

MARTIN KRUSCHE

Strecken und Geschmäcker

Es gehört vermutlich zu unseren radikalsten Erfahrungen und Lernprozessen, beizeiten herauszufinden, wo in Relation zum eigenen Körper oben, unten, links und rechts, schließlich vorne und hinten ist. Ich bin heute noch in manchen Situationen erstaunt, dass das und wie das geht. Zum Beispiel so: Ich komme mit einer großen, wohlgefüllten Schale Kaffee in der Hand aus der Küche, steige in ausgetretenen Pantoffeln die Treppe zu meinem Arbeitsplatz hoch, verschütte dabei keinen Tropfen, obwohl ich mich dabei zwischen schlampig gelagerten Resten von Ausstellungen und anderen Ereignissen bewegen muss.

Erst wenn ich darüber nachdenke, kommt das komplexe Hin und Her, Rauf, Zurück und Runter meiner Kaffeeschale, meiner Pantoffeln auf den Stufen, meiner Hüften zwischen den Lagerbeständen und überhaupt aller Teile zu einander ins Schlingern und es droht, mir Kaffee auf die nackten Füße zu schwappen.

Zu dieser fast labyrinthischen Bewegungssituation kommt der Duft des Kaffees, der sich vorher schon über die ganze Strecke ausgebreitet hat. Mein Leib absolviert also in geübter Weise eine Hindernisbahn, ohne dass ich erst grübeln muss, wie mit der vollen Kaffeeschale in meiner Hand zu verfahren wäre. Dieses Bewegen und das Geruchserlebnis lassen Raum entstehen. Das sind, auch wenn ich es nicht immer beachte, sehr lustvolle Erlebnisse: Raum zu HABEN.

Ich kenne das radikale Gegenteil davon. Ich bin für einige Zeit Gast auf einer Intensivstation gewesen; als Patient, nicht als Teil des Personals. Wenn einem der Leib so schwer wird, dass man ihn nicht zu bewegen vermag, wenn die Sinne mit Reizen, die einem nicht willkommen sind, überfüttert werden, bricht Raum gewissermaßen zusammen. Ich bin damals quasi in einem zu engen Kubus gehockt, in dem Verhältnisse herrschten, die mir sehr missfielen.

Ich vermute heute, dass es Raum eigentlich nur gibt, wenn wir uns bewegen und Sinneserfahrungen machen. (Wahrnehmung. Aisthesis. Ästhetik. Das Gegenteil von Anaisthesis, Anästhesie, Betäubung.) Demnach wäre Raum der Beweis, dass wir körperlich sind.

Das Schmecken ist fast nichts ohne das Riechen. Geschmackserlebnisse sind zu einem erheblichen Teil Geruchserlebnisse. (Es ist von rund 80 Prozent Anteil die Rede.) Der Gang durch mein privates Labyrinth, dem Kaffee seinen Duft über Treppen hinterhertragend, das ist bloß eine sehr kleine Variante besonderer Vergnügungen, die ich freilich in größeren Dimensionen vorziehe.

Das Riechen, das Schmecken und das Reisen fallen bei mir oft auf eine Art ineinander, dass ich noch Wochen danach mit dem Staunen beschäftigt bin. Kürzlich saß ich in einem robusten, aber vom Lauf der Dinge schon merklich gezeichneten Kompaktwagen neben dem kosovarischen Tierarzt Skifter Ajvazi. Es sollte ein Fahrt werden, bei der ich wieder einmal auf den Geschmack von … Wasser aufmerksam wurde.

Wir hatten Prishtina, die Hauptstadt des Kosovo, passiert, die Grenze zu Albanien hinter uns gelassen. Ich war bis nahe Tirana aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Eine so gewaltige Erdbewegung, ein so weitreichendes Verräumen von Felsen und derartiges Hochziehen von Brücken hatte ich davor noch nie entlang einer durchgängigen Strecke gesehen. Auf dieser Fahrt hielt Skifter unter all der Hitze und dem Staub mehrfach an, um Wasser zu kaufen. Ich trank es nicht einfach, ich kostete es.

In Tirana war es zu meiner Überraschung Senf, der mir ein erstaunliches Geschmackserlebnis einbrachte. Farbe und Konsistenz hätten mich eher auf Currysauce tippen lassen. Was sich in meinem Mund entfaltete, konnte ich an keiner meiner Erinnerungen festmachen. Kein Querverweis schien möglich. Wie also hat dieser Senf geschmeckt? Ich möchte sagen: melodiös.

Wir erschaffen Raum mit dem ganzen Leib und all unseren Sinnen – das Sehen, Hören und Tasten muss ich sicher nicht extra betonen. Es löst sich manchmal auf kuriose Art ein. An einem der ersten Abende im Kosovo war ich in einem stattlichen Restaurant gelandet, dessen Gastgarten von einem nächtlich-dunklen Bergzug überschattet wurde.

Neben verschiedenen landesüblichen Speisen kamen auch vorzüglich gebratene Forellen auf den Tisch. Während wir gewohnt sind, Zitronenstücke über Fischen auszupressen, sah ich Skifter sich den Zitronensaft in die Hand träufeln, um ihn dann mit den Fingern auf seiner Forelle zu verteilen. Danach verzehrte er sie ohne Besteck, wie wir es mit Backhendln tun.

Welche Speisen haben bei uns Akzeptanz, mit bloßen Fingern gegessen zu werden? Warum sind die meisten anderen Speisen mit dieser höfischen Konvention belegt? Den runden Löffeln des agrarischen Pöbels standen einst die schlanken Löffel der Eliten gegenüber, weil es bei Hofe als unschicklich galt, während des Essens das Maul aufzureißen. (Gabeln, wie wir sie heute verwenden, kamen in Europa erst im 16. und 17. Jahrhundert in Gebrauch.)

Ich schweife ab. Dass unsere nackten Hände nach den Speisen greifen dürfen, weshalb ihnen dann die Düfte der einzelnen Wohltaten anhaften, generiert ja einen ganz anderen „Geruchsraum“ um uns herum als der präzise Zugriff mit stählernem Werkzeug.

In Ferizaj hatte Skifter einen bevorzugten Laden, wo „Schyfte“ (so klang es in meinen Ohren) gemacht wurden wie nirgends sonst. „Es sind die Gewürze“, sagte er. Da habe jeder Koch sein eigenes Rezept. Wir kennen diese faschierten Fleischstücke als „Cevapcici“, in der Türkei heißen sie „Köfte“.

Wer sich in Graz umsieht, kann „Zehn mit Zwiebel“ finden. Statt Kajmak wird dazu Sauerrahm geboten. Oder etwas verfeinert: „Deset u Somunu“ („Zehn in Somun“), also zehn Fleischstücke in „Somun“, das ist eine mit Öl zubereitete „Lepinja“; so wird das Weißbrot genannt.

Skifter orderte Pfefferoni, die in Öl und Knoblauchstücken eingelegt waren. „Sehr scharf“, warnte er, was ich in Kauf nahm, weil ich genug Brot und Joghurt auf dem Tisch wusste, ein passables Rettungspaket für zartbesaitete Westler.

Das Scharfe ist leicht zu finden, für das Süße waren wir ein Stück weiter gefahren. Auf dem Dulje-Pass, wo im letzten Krieg erbitterte Gefechte zwischen der UCK und serbischen Verbänden stattgefunden hatten, boten Bauern Weintrauben und Melonen an. Ich bekam Weintrauben geschenkt und staunte über deren intensiven Geschmack.

Etwas abseits der Straße, hinter einem Waldstück, markierten merkwürdige Fahrspuren und Reste von rotweißen Absperrbändern ein Territorium, auf dem Massengräber freigelegt worden waren. Nun fraß sich eine große Herde prächtiger Ziegen durch die Büsche und Kräuter dieses Areals.

Diese Ziegen zeigen sich als landwirtschaftliche Avantgarde, denn wenn Böden zu lange nicht bewirtschaftet werden, „verbuschen“ sie, was bedeutet, dass dort keine Rinder gedeihen würden. Erst die Ziegen fressen alles weg, was jenen Gräsern den Platz nimmt, mit denen Kühe ihr Auslangen fänden.

Die Milch, der Käse, das Joghurt, das Fleisch … es beginnt allerhand in diesem geschundenen und ruinierten Land mit den Ziegen und Schafen, die ich in jenen Tagen so oft zu sehen bekam; als ein begünstigter Reisender, mit ausreichend gefüllter Börse, um diese Strecken zu machen und die Geschmäcker, die Gerüche, die Ausblicke und Berührungen aufzunehmen.

Ich beneide mich selbst um diese scheinbar unerschöpflichen Extensionen meiner Küche, in der es nie an Kaffee mangelt. Der Duft dieses Kaffees ist Basis meiner ausdauernden Raumkonstruktion, ist Teil der „Sehnsuchtsmaschine“, die ich an meinem Arbeitsplatz in Gang halte. Er ist jener Schleier, auf den ich Annahmen projiziere, die mir Fernweh verursachen und Erinnerungen an Geschmäcker wachrufen. So wird es stets aufs Neue unverzichtbar, die Reisetasche zu packen ...

MARTIN KRUSCHE (* 1956)

Künstler, Initiator von „kunst ost“, Repräsentant einer „art under net conditions“; aktuelle Linie: „the track“: www.van.at/track/

Verfasser/in:
Martin Krusche

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Die Route von Prishtina nach Tirana lehrt in Hitze und Staub den Geschmack des Wassers zu entdecken.
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Skifter Ajvazi führt Gäste zu markanten Positionen der Geschmackswelten seiner Heimat.
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Begegnungen eingeschlossen: Ein Gutteil des Essens rennt natürlich in der Gegend herum. Fotos: Martin Krusche

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