MARTIN KRUSCHE
Vom Dörferschlachten
(Notizen zum Weg nach Omarska und Kozarac)
Ich habe es lange nicht bemerkt. Die Welt, unsere Welt, ist sehr eng geworden. Ich wuchs im Selbstverständnis auf, dass ich jederzeit gehen oder bleiben könne, ganz wie es mir beliebt. Mein junges Erwachsenenleben hatte sich hauptsächlich in sehr alten Häusern ereignet, wo die Preise so niedrig waren wie der Standard. Meine uneingeschränkte Mobilität hatte ich mir mit alten Motorrädern ausgestattet und meine Stimmungen kannten den Grundsatz: Nächstes Jahr wird es besser. Die preiswerte Zuversicht eines Proletenkindes aus den Hochhäusern am Grazer Münzgrabengürtel. Enge. Vierzig Quadratmeter für vier Leute. Stets war mir das Entkommen aus räumlicher und geistiger Enge wichtig.
Seit rund hundert Jahren schlagen sich allerhand Menschen in Europa mit der Vorstellung herum, hier sei zu wenig Platz. Dieses Phantasma kippte gelegentlich in Massaker. Seit jenem 1913er Balkankrieg, durch den die Osmanen sich aus unserem nahen Süden weitgehend zurückziehen mussten, wurden Millionen von Menschen verschoben, vertrieben oder ermordet. In diesem Zusammenhang brannten unzählige Kirchen, Moscheen und Synagogen, natürlich auch Bibliotheken, zuweilen ganze Stadtteile oder komplette Ortschaften.
Das Wort „Urbizid“ kenne ich erst recht kurze Zeit. Ich habe über diesen Begriff sehr gestaunt. Eine Stadt oder ein Dorf planieren. Ein radikaler Akt, um sich der Leute, die da leben, zu entledigen. Das ist keine Erfindung der südslawischen Soldateska, aber den Terminus habe ich vor den jugoslawischen Kriegen Anfang der 1990er nicht gehört.
Ich bin kein Fachkollege auf dem Feld der Architektur und pflege daher einen anderen Zugang zur Sache. Ich lebe in Erzählungen. Im Mai 2010 habe ich mich auf den Weg nach Omarska gemacht. Dieses Dorf nahe der bosnischen Stadt Prijedor lebt vom Bergbau. Auf der Mine von Omarska hockt ein riesiger Komplex mächtiger Förderanlagen und allerhand Bauten, die der laufende Betrieb verlangt. Die gesamte Anlage ist einschüchternd groß.
Einer dieser Bauten erscheint von außen betrachtet eher unscheinbar. Flach, eine Tür an der Front, zwei symmetrisch angelegte Fenster, Außenwände von verschmutztem Weiß. Das „Weiße Haus“ von Omarska war ursprünglich ein Unterstand, welcher Bergarbeiter jeweils kurz gegen schlechtes Wetter schützen sollte. 1992 wurde dieses Häuschen das Zentrum einer Folterwerkstatt. In der näheren Umgebung hatten serbische Kräfte etliche Lager errichtet, es fanden mehrere Massaker statt. Das Ziel war damals unmissverständlich, nämlich wenigstens innerhalb der Republika Srpska Bosniens, die fast flächendeckend ethnisch vollkommen durchmischte Besiedelung zu „begradigen“, zu „bereinigen“.
Ich habe nach keinerlei drastischen Bildern Ausschau gehalten. Mich hat interessiert, was heute für den Zaungast, den flüchtigen Reisenden sichtbar wird. Natürlich sind die Orte teilweise vom Geschehen gezeichnet. Auf welche Arten ist das lesbar? Die große Anzahl unverputzter Häuser in manchen Abschnitten sticht ins Auge. In Österreich möchte man, wenn zu lange rohe Ziegel sichtbar blieben, den Bewohnern so eines Dorfes unterstellen, dass „Häuslbauer“ es an Fleiß und Ausdauer fehlen ließen.
In Kozarac, nahe Omarska, hat das einen viel trivialeren Grund. Der Großteil des Dorfes war im Krieg zerstört worden. Ich habe heuer Überlebende und Angehörige auf dem Weg von der Moschee zum Friedhof begleitet. Ein großes Feld voller weißen Stelen, wie sie Muslime über Gräbern errichten. Das Denkmal, mit dem an ein Massaker erinnert wird. Die trauernden Menschen. Gesänge und Tränen. Das findet so nur an einzelnen Tagen zusammen.
Aber die Häuser. Die zahlreichen unverputzten, also erst kürzlich wieder aufgebauten Häuser. Ausdruck des Anspruchs auf Raum vieler Leben, die gerade erst verworfen worden waren. Neuer Bestand des Alltags, mit der Metapher von „Narben“ belegt. Ich erinnere mich gut, wie ich als Kind in meiner Heimatstadt Graz an Bombenruinen vorbeigegangen bin. Moserhofgasse. Petersgasse. Einschusslöcher in Wänden waren ungeschminkt sichtbar, auch Bombenkrater konnten noch aufgesucht werden.
An solchen Plätzen haben wir gespielt. In so einem Loch hatte ich mir beim Spielen eine tiefe Wunde zugezogen, was mir damals mit einigem Tadel quittiert worden war. Es wurde schließlich viel Kraft darauf verwendet, diese Zeichen, diese Spuren zu tilgen. Es ist natürlich auch eine Frage verfügbarer Ressourcen, wie lange wir von solchen Spuren umgeben bleiben.
In den Erinnerungen von Albert Speer kann man nachlesen, wie er und Hitler darüber gegrübelt haben, welche architektonischen Konzepte anzuwenden wären, damit ein Repräsentationsbau selbst als Ruine, wenn Jahrhunderte und Jahrtausende vergangen wären, noch bedeutungsvoll aussehen könnte.
Wer sich selbst so über die Zeiten hinweg aufplustern möchte, hat freilich klare Vorstellungen, dass ein Planieren von Bauwerken ebenso ein deutliches Statement ist. Es reicht also den Barbaren nicht, unliebsame Menschen zum Verschwinden zu bringen. Dieses Auslöschen von allem, was die Menschen an halbwegs Bleibenden geschaffen haben, gehört offenbar zum Geschäft.
Das erscheint mir plausibel, wenngleich zutiefst irritierend. Nimm ihnen das Gedächtnis, die Erinnerungen, die Werke ihrer Taten! Das wird auf irrationale Art auch noch – wie soll ich es ausdrücken? – „nach vorne verlegt“. Es ist ein Punkt, über den ich keine Klarheit finde, der mir am Beispiel Omarska so hartnäckig und verwirrend in Gedanken bleibt: Wenn sie ihre Gefangenen ohnehin totschlagen werden, warum müssen sie sie vorher noch tage- und wochenlang foltern?
Ich hab zwar eine Antwort darauf, sie tilgt aber die Frage und die Irritation nicht aus meinem Kopf. Es sind spezielle Aspekte des Auslöschungsgeschäftes. Bevor ein Mensch im Lager eliminiert wurde, war die Folter angesetzt, um ihm noch zu Lebzeiten das Menschsein abzusprechen, ihn aus der Gemeinschaft der Mitmenschen eigenmächtig auszustoßen.
Durch solche Anmaßung erheben sich Täter über andere und suchen in dieser Erhebung die Legitimation für ihre Verbrechen. So mag es nicht nur auf Menschen angewandt werden, sondern auch auf Bauwerke und ganze Ortschaften. Was sollte sonst der Grund gewesen sein, etwa die Brücke von Mostar zu zerstören oder Vukovar in Trümmer zu schießen? Es kann ja nicht daran gelegen haben, dass in Europa zu wenig Platz für die Menschen ist, die hier oder da leben. Aber wenn wir Menschen aus der Welt schaffen, müssen wir auch ihre Werke vernichten, sonst wäre ja offensichtlich, dass da jemand gewesen ist.
Wir können solche Verbrechen nicht revidieren. Aber wir können jenen in die Arme fallen, welche das Auslöschen der Ermordeten zu vervollständigen trachten, indem sie die Erinnerungen an sie zum Verstummen bringen möchten.
MARTIN KRUSCHE (* 1956), Künstler, Initiator von „kunst ost“, Repräsentant einer „art under net conditions“; aktuelle Linie: „the track“: www.van.at/track/
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- Martin Krusche
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