sonnTAG 325

FOR CUSTOMERS ONLY (Suchtarchitektur)

04/04/2010

Wilhelm Hengstler

FOR CUSTOMERS ONLY

(Suchtarchitektur)

Von den alten Tagen, als das Trinken noch geholfen hat, ist mir die Gewohnheit geblieben, jede Reise mit einem Bier oder auch deren mehrere anzutreten. Allerdings hat sich das Verbot, leicht alkoholisiert einen PKW in Betrieb zu nehmen, planquadratmäßig und flächendeckend durchgesetzt. Vielleicht arbeiten auch deshalb immer mehr Reisende an der Vergrößerung ihres ökologischen Plattfußes und „machen“ ihren Städtetourismus per Flugzeug. Von der Individualprävention eingeschüchtert, folgte ich dem Trend und absolvierte mein rituelles Reisebier frühmorgens am Schwechater Flughafen. Nach einigen erhellenden Schlucken fiel mir eine gläserne Kabine mit der Aufschrift „For Costumers Only“ auf. Sie war leer, das verstand ich. Niemand, der nicht über einen perfekten Körper und ein übermenschliches Geltungsbedürfnis verfügte, würde sich hier vor aller Augen duschen. Ganz abgesehen davon war die Notwendigkeit, sich zwischen dem eng gestellten Kaffeehausmobiliar in Greifweite anderer Gäste zu entkleiden, selbst für hartgesottene Exhibitionisten eine Zumutung.

Das Rätsel löste sich, als eine gepflegt blondierte US-Amerikanerin ihre zum Verwechseln ähnliche Begleiterin verließ, um die Glaskabine aufzusuchen. Nach einer Zigarettenlänge wurde sie von ebendieser mit enormer Erleichterung abgelöst. Anschließend nutzte ein junger Mann mit diesem attraktiven Architektenzopf seine Chance. Als einer der reizenden Racker in seiner Begleitung ihn von außen fotografierte, öffnete er die Glastür, um mit einer Hand abzuwehren, während er mit der zigarettenbewehrten anderen die Zelle hinter sich durchwedelte. Keine Sucht ohne ihren medialen Niederschlag, ja der Auftritt im Medium (hier im GAT z. B.) ist die Mutter aller Süchte.

Die gläserne Zelle war die gern frequentierte, architektonische Antwort auf das in öffentlichen Räumen bestehende Rauchverbot. Eine Antwort, die durchaus auch in Lokalen fern der zivilen Luftfahrt ihren Sinn hätte. Sie böte eine Alternative zu den teuren Mauern, die die heimischen Gastbetriebe nun aufzustellen gezwungen sind, um die Raucher- – ordentlich (ordentlich!) – von den Nichtraucherabteilen zu trennen. Aber anders als das jede Kommunikation verbietende Mauerwerk ermöglichen die Glaszellen wenigstens Sichtkontakt. Die Zellen könnte man mittels Kopfhörer und Sender sogar zu Luxusraucherkabinen aufrüsten. Und umgekehrt ließen sich in Raucherlokalen ohne weiteres Frischluftkabinen für Nichtraucher aufstellen. Denkbar wäre die Verabreichung unterschiedlicher Sauerstoffsorten, z. B. mit Eukalyptus-, Tannennadel- oder exotischerem Aroma. Dabei müsste man allerdings auf präzise Kennzeichnung achten, um keinem Allergiker gegenüber schadenersatzpflichtig zu werden. Für nostalgisch angehauchte Lokale böten sich ausrangierte Fernsprechzellen im vertrauten Thurn- und Taxisgelb an und Gastwirte mit einem Faible für internationales Flair könnten die roten Telefonzellen vom Picadilly Circus einführen.

Das System war ausbaufähig. Kreativ erregt von der Vorstellung großer Gasträume, elegant strukturiert durch zahllose Zellen, bestellte ich mir ein zweites Bier.

Sollte es aber an Platz für die Kabinen „For Costumers Only“ fehlen, ließen sich auch von der Decke baumelnde Sauerstoffmasken montieren. Sie müssten ja nicht immer in Gelb, der Farbe der Feiglinge, gehalten sein. Denkbar wären auch rote, blaue, grüne Masken; das volle Farbspektrum könnte ausgeschöpft werden, um den verrauchten Luftraum einschlägiger Raucherlokale zu strukturieren.

Wie unterhält man sich, wie flirtet man wohl unter solchen Bedingungen? Ich erinnere mich an einen Film aus Hongkong, in dem ein junges Paar am Grund eines riesigen, noch unvollendeten Baus am Rand einer Wassergrube, in Ermangelung eines anderen verfügbaren Privatbereiches, sein Zelt aufstellte. Die beiden mussten ihre Atemschutzmasken abnehmen, um sich zu küssen, und jede ihrer leidenschaftlichen Umarmungen, stets eingeholt von Husten und Erstickungsanfällen, war effektiv dem Lebensatem abgetrotzt.

In diesen zukünftigen Lokalen alter Süchte würden sich die Kellner mit ihren vollen Tabletts elegant zwischen den Kabinen bewegen, mit einem geschickten Seitwärtsneigen des Kopfes den herabbaumelnden Sauerstoffmasken ausweichen und höflich gegen die Scheiben pochen, um ihre Getränke loszuwerden. Sofern es die Räumlichkeiten zuließen, wäre auch an Doppelzellen für Verliebte zu denken, eventuell sogar mit Vorhängen oder von vornherein aus blickdichtem Material – empfehlenswert vor allen in gewissen Sternstunden zwischenmenschlichen Austausches. Enthusiasmiert bestellte ich mir ein drittes Bier, der sorgenvolle Blick des Kellners erfüllte mich allerdings mit Verständnislosigkeit. Alkohol wird doch in unseren Breiten als gesellschaftlich anerkannte Droge gehandelt. Wollte der Mann aus Respekt gegenüber fremden Suchtkulturen mein Zellsystem auch auf unser Trinkverhalten ausweiten? Trinkkabinen anstelle von Ausnüchterungszellen? Im kleinen Maßstab, gewissermaßen im Handbetrieb, wurde dergleichen ja bereits in den USA mit den Packpapiertüten praktiziert, in denen die Durstigen ihr Hochprozentiges tarnten. Für den professionellen Betrieb in Lokalen ließe sich das Konzept der Trinkerzellen durchaus auf Trinksäcke erweitern. Ein Begriff wie „alter Sack“ bekäme da eine völlig neue Bedeutung. Die Sackmodelle müssten von einer sozial- und umweltbewussten österreichischen Gastronomie selbstverständlich bei „Fair-Trade-Importeuren“ geordert werden. Politische Korrektheit sollte die erhöhten Kosten versüßen, ganz abgesehen davon, dass sich das unverfälschte Naturmaterial widerstandsfähiger gegenüber der unvermeidlichen chemischen Reinigung zeigt. Den auf die Einrichtung von Gaststätten spezialisierten Innenarchitekten würde sich nun ein enormer Reichtum an gestalterischen Möglichkeiten bieten: Neben den „For Costumers Only“-Zellen könnten sie zwischen historischen Telefonhäuschen, vielfarbigen Sauerstoffmasken und übermannshohen Jutesäcken wählen. Damit ließen sich selbst Räumlichkeiten in der Größenordnung des Hofbräuhauses modern und suchtfreundlich gliedern. Vom Anblick der frei im Raum schwingenden Sauerstoffmasken, des Rhythmuses zwischen durchsichtigen und blickdichten Zellen, des stochastischen Wechsels von den Zellen zu den Säcken im Halbdunkel der Rauschschwaden würden selbst eingefleischte Abstinenzler süchtig.

Ich bin kein Architekt. Ob man von Architektur süchtig werden kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Eines lässt sich allerdings über die Entwicklung der Suchtarchitekturen sagen: Angefangen von den üppigen Brokatkissen, auf denen die Orientalen von Delacroix ihre Wasserpfeifen schmauchen, über die schmierigen Bettstätten chinesischer Opiumhöhlen, zu den winterlichen Heizpilzen für Raucher auf verschneiten Gehsteigen, bis zu „For Costumers Only“-Zellen am Schwechater Flughafen – gemütlicher werden sie nicht.

WILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskriptepreis 2004, lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.

Verfasser/in:
Wilhelm Hengstler

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Raucherkabine auf dem Flughafen Schwechat. Foto: Wilhelm Hengstler

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