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Rock me Architecture – Teil 2 (mit einer Note Folk und Pop)

14/03/2010

EMIL GRUBER

Rock me Architecture - Teil 2 (mit einer Note Folk und Pop)

“… it was a nice dinner, but we were both feeling strange and awed and breathless, still caught in the impulse that made me postpone my plane reservation. Then sneaking into Cranbrook and the dark room and the black coat at the threshold and making love for the first time – hurriedly but so that we both knew it was only the first time. Then the drive to the airport and Aline’s autobiography with significantly small mention of any engagement. Then, waiting in the airport on those hidden chairs, you in the black coat and black hat and I looked at you very intently and thought, how much I did want to see you again …”

(Aus einem Schreiben von Aline Bernstein an Eero Saarinen; Quelle: Aline and Eero Saarinen Papers – Archives of American Art at The Smithsonian )

Als die bereits renommierte Kritikerin der New York Times 1953 den Architekten erstmals wegen eines Interviews traf, dürfte der berühmte Funke schnell übergesprungen sein, bereits ein Jahr später heirateten die beiden.

Es gilt heute als erwiesen, dass die unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit von Aline später wesentlich dazu beitrug, die Leistungen ihres Mannes in der Architekturgeschichte zu verankern, besonders nach dem frühen Tod Eero Saarinens 1961.

Kapitel 3 Wettbewerb

Ohne gute PR war der Architektenberuf zu keiner Zeit automatisch mit Erfolg, Ansehen und gutem Verdienst verknüpft. Als Beispiel dafür sei nochmals Frank Lloyd Wright erwähnt, der neben seiner eigentlichen Berufung als Antiquitätenhändler japanische Drucke sammelte und verkaufte, um so seine Visionen finanzieren zu können.

Aber Klischees sind dafür da, um trotz gegenteiliger Tatsachen bestehen zu bleiben, daher sang auch 1981 Dan Fogelberg in einem seiner Erfolgslieder „Same Old Lang Syne“ über das tatsächliche Wiedersehen mit einer ehemaligen, unerfüllten Liebe:

She said she'd married an architect

Kept her warm and safe and dry

She said she'd like to say she loved the man

but she didn't want to lie

Larmoyanz verkauft sich nicht selten gut im Musikbusiness, so entstand hier möglicherweise neben dem Scheinbild sogar auch ein eigenartiges Paradoxon, gerade was die jeweiligen Vermögensverhältnisse der Protagonisten betroffen haben dürfte.

Aktuelle Bands entwerfen beim Thema Liebe und nicht erbauliche, akademische Konkurrenz da eher schon drastischer ganz andere Texte. Die leider seit 2009 getrennte Wege gehenden „Silver Jews“, eine in unseren Breiten nur für den akustischen Gourmet bekannte Band, singen 1996 in „Pet politics“ provokant und zugegeben etwas chauvinistisch:

I could see through the sleeve of her blouse

the plans of her architect lover

a tattoo of a boarded-up house

and ink door that belonged to another

Was bleibt nun für die enttäuschte Seele? Der Weg in den blanken Hedonismus? Wie etwa der ganzheitliche Architekturgedanke dreier SchwedInnen, die dabei gleich ein Nachbarland besetzen? Die in ihrer Durchgeknalltheit unvergleichbaren „Army of Lovers“ ließen 1991 in einem ihrer besten Nonsenslieder „Carry my Urn to Ukrain“ ihre Unterwäsche mit den Hinterlassenschaften eines sowjetischen Diktators in Wettbewerb treten.

Trapped in between on a bureau desk

Forward architect Stalinesque

Army of Lovers on parade

Flash lingerie and then invade

Jetzt reicht es aber, werden vielleicht nun einige Leser denken, wo bleibt in diesem Artikel die Moral? Gemach.

„Orchestral Manoeuvres in the Dark“ lieferten bereits zehn Jahre früher „Architecture and Morality“ aus. Leider fehlten der britischen Band aber die Worte zu diesem Thema – die Gründe dazu liegen im Dunkeln – das Lied ist rein instrumental.

Ausgerechnet eines der großen Enfants terribles der Rock’n’Roll-Geschichte muss nun wohl als Katharsis allen Kummers in die Presche springen:

I'm building a house where I can think

And have some balance and dignity

I'm building a house where no one can hurt me

I'm building a house where the weak are strong

Iggy Pop, der Mann mit dem ständig nackten Oberkörper auf der Bühne, hat wohl in „Brick by Brick” seinen Mies van der Rohe, der einmal gemeint hat, dass Architektur schon beginnt, wenn man sorgfältig zwei Ziegelsteine aufeinanderlegt, gelesen.

Kapitel 4 Masterplan

Es ist ja nicht so, dass sich der Rock’n’Roll nur mit Teilaspekten zur Architektur zufriedengibt. Manchmal darf es durchaus ein bisserl mehr sein.

Detroit 1960: Der Songwriter Berry Gordy kauft sich ein kleines Einfamilienhaus in Detroit, tauft es „Hitsville“, richtete dort ein Aufnahmestudio ein und gründet „Motown Records“. Afro-Amerikaner hatten nun erstmals eine eigene Plattform, ihre großartige Musik abseits der noch vielerorts recht rassistisch orientierten Verleger zu präsentieren. Smokey Robinson erinnert sich:

„Into the '60s, I was still not of a frame of mind that we were not only making music, we were making history. But I did recognize the impact because acts were going all over the world at that time. I recognized the bridges that we crossed, the racial problems and the barriers that we broke down with music. I recognized that because I lived it. I would come to the South in the early days of Motown and the audiences would be segregated. Then they started to get the Motown music and we would go back and the audiences were integrated and the kids were dancing together and holding hands.”

("My Smokey Valentine" by Ron Thibodeaux, The Times-Picayune, Feb. 14, 2009”; zitiert aus Wikipediaeintrag zu Motown)

Motown wuchs rapide, bis zum Umzug in die Detroiter Innenstadt 1968 wurden acht weitere benachbarte Häuser für Studios und Büros aufgekauft – praktisch ein eigener kleiner Stadtteil im Land des aufgehenden Rock’n’Rolls.

„How the west was won“ wäre der passende Untertitel zu Mark Knopflers „Dire Straits“-Epos „Telegraph Road“. Ein Prospektor baut sich seine Hütte in der Wildnis, andere Abenteurer kommen dazu und werden an dieser Stelle sesshaft:

Then came the churches then came the schools

Then came the lawyers then came the rules

Then came the trains and the trucks with their loads

And the dirty old track was the telegraph road

Kann jemand den Beginn der Städte poetischer beschreiben?

Das Tückische am Rock and Roll ist häufig, dass er wie ein Pflaster aussieht, das man sich auf die offenen Wunden legen kann, aber das dann plötzlich wieder mit einem Ruck von der Verletzung gerissen wird.

Am Ende von „Telegraph Road“ bricht wieder einer auf aus der Stadt, in der die Arbeit knapp wurde, um woanders die Hoffnung zu suchen.

Aber Wunden heilen, wie wir wissen.

„Starship“, die größtenteils aus Musikern der legendären, immer fürs Experimentelle bereiten Psychedelik-Rockband Jefferson Airplaine der 60er ( „White Rabbit“ ist ja gerade kein Lied für Anhänger des Lagomorphen) bestanden, erklärten in einem ihrer späteren Erfolge: „We built this city.“

Das Lied der auf Rock and Roll erbauten Stadt, an dem auch der Österreicher Peter Wolf beteiligt war, wurde Mitte der 80er Jahre praktisch die offizielle Hymne von San Francisco, dem Ursprung der Band.

Doch den Anspruch auf eine ganze Stadt stellten damals nicht nur amerikanische Bands. Auch vier nordische Songcontest-GewinnerInnen behaupteten 1982 von sich in einem Lied sogar „I am the city“:

Coming through a cloud you're looking at me from above

And I'm a revelation spreading out before your eyes

And you find me beautiful and irresistible

A giant creature that forever seems to grow in size

ABBA, ungewöhnlich text- und nuancenreich, in der Serie ihrer weltweiten Hits eher für viele Fans ein unbekanntes, schwedisches Dorf.

Kapitel 5 Bauabschnitt

Open plan living

Bungalow ranch style

All of its comforts

Seem so essential

Natürlich könnte das letzte Kapitel der gebauten Musik dazu führen, dass „In every dreamhome a heartache“ entsteht. Doch es ist anzunehmen, dass die Mitglieder von „Roxy Music“ mittlerweile alle ihre Gesellschaftskritik der Siebziger nicht mehr so ernst nehmen und keine Intentionen zeigen, den Rat ihrer Londoner Kollegen „Madness“ zu befolgen:

Our house, in the middle of our street

Something tells you that you've got to get away from it

Auch der österreichische Künstler Arik Brauer hat noch 1971 über das Baugewerbe ziemlich gelästert:

Sie hab’n a Haus baut, sie hab’n a Haus baut, sie ham’ uns a Haus her baut

Gestern nachmittag hab I beim Fenster aussi g’sehn

Heute in der Fruah ham’s ma scho den Himmel vastöllt

In 1991 hat er dann gemeinsam mit dem Architekten Peter Pelikan selbst einen Gemeindebau in Wien gestaltet.

„The Times they are A-changin’“ würde old Bob darauf sagen und dabei schmunzeln. Er hat ja längst wie viele andere Größen der elektrisch verstärkten Geschichte ein Dauerheim in der von I.M. Pei entworfenen Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland erhalten.

Auch die Rolling Stones dürfen in diesem Olymp natürlich nicht fehlen.

Ihr Song „Citadel“ ist aber deutlich vor diesem Bauwerk entstanden und kann daher nicht als Anspielung darauf verstanden werden:

Screaming people fly so fast

In their shiny metal cars

Through the woods of steel and glass

Ebenfalls keine Chance, verbautem Ruhm zu entgehen, hatte posthum ein weiterer amerikanischer Bürgerschreck. Richtig im Takt zum Millennium wurde 2000 von Microsoft Mitbegründer Paul Allen, einem ausgewiesenen Sammler von Rock and Roll-Devotionalien, ein von Frank Gehry geplantes Museum, das Experience Music Project, in Seattle eröffnet, das als Referenz an die Musik des dort geborenen Jimi Hendrix gilt.

Vielleicht ahnte das Gitarrengenie davon etwas, als er „Room full of mirrors“ komponierte:

I used to live in a room full of mirrors

All I could see was me

Then I take my spirit and I smash my mirrors

And now the whole world is here for me to see

Wer aber lieber Hamburger und Coca Cola zu Memorabilias gereicht haben oder gar mit ihnen schlafen möchte, sollte auf die Empfehlung von Carol King hören:

Come on and tell us all about what happened to you today

At the Hard Rock Cafe

Come to the Hard Rock Café

I hope you can find your way to the Hard Rock Cafe

Bei 140 Restaurants oder Hotels der musikalischen Kette weltweit sollte jeder seinen Lieblingsplatz in der Nähe seines Idols finden.

Vom in Form und Aussehen einer Gitarre erbauten Landhaus des hier eher weniger bekannten Sängers Elvis Carden in Fayetteville, Georgia, bis zu den trommelförmigen, von den Tom Toms eines Schlagzeugs inspirierten Studentenwohnheimen am Docklands Campus der University of East London der Edward Cullinan Architects – zieht also am Ende der Rock and Roll doch auch in massiver Bauweise, zumindest als Fußpedal, in die Architekturgeschichte ein.

Epitaph

Als Abschluss in eigener Sache: Sollte mich irgendwann der ewige Architekt dort für einen Anbau seines Luftschlosses auf Wolke 7 brauchen, werden die „Walkabouts“ aus Seattle meinen finalen Soundtrack anstimmen:

watched the city ... city of crows

watched them fly, watched

'em all flyin' low

out above the flood plain

just above the dirt road

they were hungry as winter,

hungry as us

not afraid to be flyin', not

afraid to be lost

and long after we're gone

the light will stay on

Der Rock and Roll lebt weiter und das Licht bleibt an. Mit diesem Wissen lässt es sich auch einmal im letzten und kleinsten Eigenheim auf dieser Erde einigermaßen aushalten.

Musiklinks auf YouTube:

_ Dan Fogelberg: Same Old Lang Syne

http://www.youtube.com/watch?v=muUZTLq1McE

_ Silver Jews: Pet politics

http://www.youtube.com/watch?v=pDRRV_dY8bs

_ Army of lovers: Carry My Urn to Ukraine

http://www.youtube.com/watch?v=G9Iaqas6Vsc

_ Orchestral Manoevres in The Dark: Architecture and Morality

http://www.youtube.com/watch?v=VFm2-eXmfWg

_ Iggy Pop: Brick by Brick

http://www.youtube.com/watch?v=73KIAEAwiWc

_ Mark Knopfler: Telegraph Road live Hamburg 1996

http://www.youtube.com/watch?v=C1LTCdhQlKQ

und weil es so schön ist, der Schluss mit wundervollem Gitarrensolo von London 2005 Live

http://www.youtube.com/watch?v=gjJzlIedCuo

_ Starship: We built this city

http://www.youtube.com/watch?v=tyPF21qqzVA

_ Abba: I am the city

http://www.youtube.com/watch?v=FsznMjw-BsI

_ Roxy Music: In every dream home a heartache

http://www.youtube.com/watch?v=_siqbQDW3bg

_ Madness: Our house

http://www.youtube.com/watch?v=hXUKJOdjqZs

_ Arik Brauer: Sie hab’n a Haus baut

http://www.youtube.com/watch?v=w3GFm7u1lCI

_ Rolling Stones: Citadel

http://www.youtube.com/watch?v=0sHFgaeMVgk

_ Jimi Hendrix: Room Full of Mirrors – jam

http://www.youtube.com/watch?v=C5PGgtz2Eh8

_ Carole King: Hard Rock Cafe

http://www.youtube.com/watch?v=XiuOL1g4Q-I

_The Walkabouts: The Light Will Stay On

http://www.youtube.com/watch?v=LJpjcYqGjhw

EMIL GRUBER

lebt in Graz

Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger.

KONTAKT: katmai@aon.at

http://ortlos.com/photography

Verfasser/in:
Emil Gruber

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Foto: Emil Gruber

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