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Rock me Architecture – Teil 1. Eine unvollständiges Lesevideo in vier Kapiteln durch fünfzig Jahre Architektur und Rock and Roll.

07/03/2010

Eine unvollständiges Lesevideo in vier Kapiteln durch fünfzig Jahre Architektur und Rock and Roll.

EMIL GRUBER

Rock me Architecture – Teil 1

Als Bob Dylan im vergangenen Jahr vor einem Auftritt durch einen Vorort New Jerseys schlenderte und sich auffällig Häuser anschaute, wurde er kurzfristig wegen seines seltsamen Verhaltens von der Polizei angehalten. In den USA macht Zufußgehen verdächtig. Dabei hatte Dylan nur seiner kleinen Leidenschaft gefrönt. Auf die Frage, welche Karriere er wohl verfolgt hätte, wenn aus der Musik nichts geworden wäre, hat der Liedermacher in Interviews schon öfters gemeint: „Architecture would interest me.“

Schlendert man selber ein wenig durch die Rock´n´Roll-Geschichte, findet man durchaus nicht wenige Beispiele, in denen sich die Musik in unterschiedlichsten Nuancen mit ihrer Schwesternkunst auseinandersetzt.

Kapitel 1: Abrissbirnen

Schon in den frühen Sechzigern, als der richtige Rock noch mit dem Schürzenzipfel des Country und Blues verhaftet war, schrieb Malvina Reynolds ein Lied, das später durch Pete Seeger erst so richtig bekannt wurde. „Little boxes“, heißt es im gleichnamigen Lied, „on the hillside, little boxes all the same“. Malvina erzählt vom amerikanischen Way of Life der Nachkriegsjahre, von den ersten uniformierten Eigenheimsiedlungen. Ihre Bewohner strömen am Morgen alle gleichgeschaltet zu ihren Arbeitsplätzen, zeigen danach synchrones Freizeitverhalten, gründen darin Familien, ziehen Kinder groß, bis diese den Kreislauf ihrerseits nach Schule und Studium wieder von vorn in ihren „little boxes“ beginnen.

Nur wenige Jahre später sagte in Echtzeit eine andere Generation dieser Monokultur des Lebens den Kampf an. Der Film zur Protestbewegung kam 1970 von Michelangelo Antonioni und hieß „Zabriskie Point“, ein cineastischer Terroranschlag auf die Konsumarchitektur des bürgerlichen Amerikas. Da der Baulöwe, der die perfekte Wohnanlage in der Wüste plant und schon selbst seine Luxusvilla am Berg errichtet hat, ein Wüsten-Berchtesgaden – in Anspielung auf Hitlers Berghof in Bayern – wird es im Film einmal genannt. Dort seine Sekretärin, die durch den Kontakt zu einem jungen Rebellen sich endgültig aus ihrer alten Welt löst. Minutenlang lässt Antonioni in einer langen Zeitlupe das Luxusanwesen des Immobilienentwicklers in der Vorstellung der Frau immer und immer wieder explodieren. Pink Floyd lieferten zum Abbruch den Soundtrack. „Come in Number 51, your time is up“ haut mit psychedelischen Tönen genauso genüsslich wie die verstörenden Bilder auf einen Teil des amerikanischen Traums ein.

Ein weiteres Jahrzehnt danach genügten Pink Floyd sich als Untermalung eines Filmes allein nicht mehr. „The Wall“, das letzte Album in klassischer Besetzung der Band, war die musikalische Ohrfeige für den Neoliberalismus der Thatcher-Ära in Großbritannien. Live nur an vier Orten aufgeführt, wurde die größte Mauer der Rockgeschichte in einer gigantischen Bühnenshow aufgebaut und wieder eingerissen. 1982 machte mit leicht veränderten Scores der Musikfilmberserker Alan Parker aus dem Konzeptalbum einen Leinwandklassiker. Im Nachhinein muss es prophetisch gewirkt haben, als die 1979 entstandene Musik im Sommer 1990 eine einmalige Live-Wiedergeburt erlebte. Roger Waters und ein Staraufgebot von Van Morrison über Joni Mitchell bis Bryan Adams ließen vor knapp 300 000 Zuschauern die „Wall“ kurz nach dem Fall einer realen Mauer noch ein letztes Mal am damals kahlen Potsdamer Platz in Berlin einstürzen.

1999 geht es als konsequente Weiterführung von Zabriskie Point dann weitaus größeren Konsumbrocken an den Beton. Basierend auf dem Roman des bekennenden Anarchisten Chuck Palahniuk liefert David Fincher die Gegenantwort zum Beginn der Gier an der Wall Street. Er lässt am Ende seines Films „Fight Club“ gleich reihenweise Wolkenkratzer eines fiktiven Finanzzentrums kollabieren. „Where is my mind?“, singen die Pixies, eine der legendären Indie-Bands der frühen 90er, dazu.

Aber nicht nur als filmische Begleitung war die Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu baulichen Objekten eher destruktiv eingestellt. Die Talking Heads hatten 1983 mit ihrer Interpretation von „häuslicher Gewalt“ gleichzeitig ihren größten Erfolg:

Hold tight wait till the party's over

Hold tight we're in for nasty weather

There has got to be a way

Burning down the house

Selbst ein an sich sanfter Sting zerstörte mit seinem ersten Soloalbum nach der Police-Ära 1985 in „Fortress around your heart” ganze innere Städte:

Under the ruins of a walled city

Crumbling towers in beams of yellow light

No flags of truce, no cries of pity

Die Festung der Einsamkeit, die Abrissbirne der Liebe, die Hoffnung einer Brücke zueinander – Wir lernen, wir wissen, ohne die richtige zwischenmenschliche Architektur steht jede Zweisamkeit bald vor ihren Trümmern.

Kapitel 2: Monumente

Mit der LP „Bridge over troubled water“ beendeten 1970 Simon and Garfunkel (vorläufig) ihre Zusammenarbeit. Neben mittlerweile Evergreens wie „Cecilia“ oder „The Boxer“ findet sich auch das Lied „So long, Frank Lloyd Wright“ darauf. Wer aber denkt, dass Zeilen wie

Architects may come and

Architects may go and

Never change your point of view.

When I run dry

I stop awhile and think of you

einem Klassiker der Architekturmoderne gewidmet waren, ist auf dem Holzweg. Paul Simon, der das Lied geschrieben hat, meinte verschlüsselt niemand anderen als seinen Duopartner damit. Art Garfunkel hat einen Abschluss in Architektur, auch wenn er den Beruf nie ausübte. Mit diesem Hintergrund meinte Art Garfunkel in einem Interview einmal: „What would Mrs. Robinson say? I had never taken the record business that seriously."

What is the architect doing?

He is by the riverside

What is he thinking out there?

He is committing egocide

dEUS aus Belgien, eine der intelligentesten zeitgenössischen Rockgruppen, huldigen dagegen in ihrem Song „The Architect“ einem echten Altmeister, Richard Buckminster Fuller. Wer genau ins Lied hineinhört, wird sogar Wortfetzen der Originalstimme des Bedienungsanleitungsschreibers unseres Raumschiffs Erde hören.

Schon die Beatles widmeten „Bucky“ einen ihrer größten Hits:

But the fool on the hill

Sees the sun going down

And the eyes in his head

See the world spinning round

Überhaupt, den Begründer des Synergiegedankens verehrten aber auch abseits des Rock and Rolls schon vorher Musiker der anderen Stilrichtungen. John Cage, selbst einer der bedeutendsten Vertreter moderner Musik, wollte „die ganze Welt entweder in Musik oder in eine ,Fuller-Universität’ verwandelt sehen“. (Zitat: Monika Burri)

David Bowie wiederum teilt eher heftig gegenüber Ikonen wie einem amerikanischen Klassiker der Postmoderne oder dem Planer solcher Kaliber wie dem Centre Pompidou in Paris und Millennium Dome in London aus.

In „Thru’ these architects eyes“ singt Bowie 1995:

Stomping along on this big Philips Johnson

Is delay just wasting my time

Looking across at Richard Rogers

Scheming dreams to blow both their minds

Aber die Herren werden es ihm, falls sie beim Entwerfen je so eine Musik hörten, verziehen haben. „Talking about music is like dancing about architecture“, lautet ja ein bekanntes Zitat.

Übrigens gibt es seit vielen Jahren eine Diskussion darüber, von wem dieser Ausspruch tatsächlich stammt. Als potentielle Kandidaten gelten auf der Musikerseite Clara Schumann, Thelonius Monk, Elvis Costello, David Byrne und Frank Zappa. Frank Lloyd Wright wird von der Architektenzunft favorisiert, andere Quellen schreiben das Zitat den amerikanischen Schauspielern Martin Mull oder Steve Martin zu. Weitere Vorschläge nimmt der Verfasser gerne entgegen.

Um nochmals zu Bob Dylan zu kommen: Auch wenn der Meister nie einen eindeutigen Song zur Architektur geschrieben hat, so stecken jede Menge Referenzen dazu in seinen Liedern. Man denke nur an sein legendäres Album, den „Basement Tapes“. Im Keller des „Big Pink“, einem Haus nahe New York, entstanden 1967 zusammen mit den damaligen Paradebegleitern Dylans „The Band“, Lieder, die der bekannte US-Autor Greil Marcus zu den „most mysterious songs in American culture“ zählte.

Dylans Liebe zum Souterrain brachte ihm schon 1965 mit „Subterranean Homesick Blues“ seinen ersten Top 40 Billboard-Erfolg in den USA ein.

Wie man aber mit Architektur abseits von Texten umgehen kann, zeigte Dylan 1978, als er mit einer „durchgestylten Show mit Las Vegas Touch“ (Zitat: Günther Amendt) durch Europa tourte. Im Gegensatz zu allen anderen Konzerten ließ er jedoch beim Auftritt auf der Zeppelinwiese, dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, in Nürnberg jeden Glamour weg.

Der Mann hat halt Stil.

Teil 2 folgt nächsten Sonntag.

Tracklist auf YouTube:

_ Malvina Reynolds: Little Boxes

http://www.youtube.com/watch?v=KmNSEbgt1Dg

_ Zabriskie Point: Endsequenz

http://www.youtube.com/watch?v=9rxpfO90mg8

_ The Wall – Live in Berlin 1990: Finale

http://www.youtube.com/watch?v=NOwoHQdvbPw

_ Fight Club: The Pixies: Where is my mind ?

http://www.youtube.com/watch?v=4zP1IjgSO_E

_ Talking Heads: Burning down the house

http://www.youtube.com/watch?v=xNnAvTTaJjM

_ Sting: Fortress around your heart

http://www.youtube.com/watch?v=7Gd0cvOHTHE

_ Simon and Garfunkel: So long, Frank Lloyd Wright

http://www.youtube.com/watch?v=4yA0i_qMD3U

_ dEUS: The Architect

http://www.youtube.com/watch?v=k2CFDsG_oxg

_ Beatles: The fool on the hill

http://www.youtube.com/watch?v=kCDuqeMNePU

_ David Bowie: Thru these architect’s eyes

http://www.youtube.com/watch?v=s15zly_fmXA

_ Bob Dylan: Subterranean Homesick Blues (Der Mann mit Bart im Hintergrund ist übrigens der Poet Allen Ginsberg)

http://www.youtube.com/watch?v=AQaDUD-a_EE

EMIL GRUBER

lebt in Graz

Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger.

KONTAKT: katmai@aon.at

http://ortlos.com/photography

Verfasser/in:
Emil Gruber

Weiterführende Links

sonntag_neg_191.jpg
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Concrete Guitarman Sakuraji. Foto: Emil Gruber

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