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STATT DER ENGEL - Eine Parallaxe. Erster Teil. Aus meiner Position als Beifahrer, und im Wissen um die Parallaxe, bewegte sich die Tachonadel des geliehenen BMW lange Zei

14/02/2010

Wenzel Mracek

STATT DER ENGEL - Eine Parallaxe

Erster Teil

Skurril genug. Am Morgen eines klaren und kalten Tages im Februar fanden wir uns vor dem Gebäude der Technischen Universität zur Abfahrt ein. Artin Rammer, der Präsident, parkte den rotbraunen Leih-BMW virtuos rückwärts in die einzige Parklücke, öffnete die Tür und stieg aus wie er es bei Steve McQueen gelernt haben mochte, zuerst das linke Bein auf den Asphalt und in der Position eine Zeitlang verharren – bis es alle wahrgenommen haben, dann aussteigen. Die tropfenförmige Sonnenbrille wies ihn als Pilot aus, keine Frage.

Ria Vollny, die uns als Übersetzerin begleitete, ließ kurze und wie selbstverständliche Worte der Zustimmung zur Wahl des Fahrzeuges hören, die der Präsident nicht minder selbstverständlich, ein lässiges Zungenschnalzen bestätigte, entgegennahm. Da kam gerade noch einer gerannt.

- Ist das dein Bruder? fragte mich Vollny.

- Ich habe keinen Bruder – antwortete ich bestimmt –, zumindest keinen, von dem ich weiß.

Aber wirklich sah mir der Typ auffallend ähnlich, gleich groß, gleiche Brille, gleicher Mantel. Mit Rammer war er offensichtlich bekannt und der stellte uns vor. Sein Name war Lester, ein Schotte und wie ich Journalist. Es sollte sich bald herausstellen, dass er für denselben Auftrag wie ich und vom selben Herausgeber losgeschickt worden war. Entweder war diese Doppelbesetzung ein Missverständnis oder ich musste mir langsam bewusst werden, dass meinen Job bald ein anderer erledigen würde. Daran sollte ich mich eigentlich schon gewöhnt haben. Demnächst würde ich mir eine neue Galeere suchen müssen, um dort wiederum für eine Weile auf der Ruderbank festgekettet zu werden. Es ist eine Zeit, in der Herausgeber ihre Schreibenden nicht allzu hoch schätzen. Sie erscheinen ihnen vielmehr als notwendiger Kostenfaktor, als buchhalterischer Faktor für die Steuerberater. Die Herausgeber hören nicht gerne, dass Geschick und Ansehen ihrer Magazine nicht vorrangig auf ihrem, der Herausgeber wirtschaftlichem Gebaren, sondern auf den Schriften ihrer Autoren und deren Ansehen beruht. Deshalb nennen gewisse Herausgeber ihre Journalisten oft abfällig Schreiber, ein Titul – wie man’s vor Zeiten nannte – in Abrede von Geist. So einer war Bartleby, ein Ahne gewissermaßen, und Lester würde bald einer sein. (Lester übrigens, ließ er uns irgendwann doch noch wissen, heißt mit Vatersnamen Mowl; haha, was haben wir gelacht – ich, wie sich erweisen sollte, zu früh – und so getan, als könnte das jedem passieren. Also doch nicht mein Bruder!) Dass ich mich, einmal zurück aus Triest, auf ehemals gelieferte Qualität berufen wollte, sollte mir nicht zur Rettung gereichen. Das Journalistische ist vor allem eine ephemere Kunst: Anerkennung erfährt man nicht durch irgendwann Veröffentlichtes, sondern immer Neues, das von Redakteuren gefordert und von Beauftragten termingerecht geliefert wird.

Vorweg, wovon später keine Rede mehr sein soll. Der ehemalige, und seiner Memoiren wegen bekannte, Einhandsegler Franz W. Lloyd richtete in Triest ein Symposion über Yacht-Innenausbau aus. Unter den Vortragenden der Grazer Hagen Zurl, der seine Gran-F 33 in Kohlefaser-Leichtbauweise vorstellen sollte, die, neben dem Bau des Schiffsrumpfes aus demselben Material, eine immense Gewichtsersparnis auch im Innenausbau von Regatta- und Tourenseglern bringen sollte. Zudem war Zurl durch seine Aussage bekannt geworden, er trete massiv gegen Yacht-Ausbau ein, dem der Hautgout „einer Almhütte zur See“ anhaftete.

Ort der Vorträge sollte der Yachtclub Adriaco, im Yachthafen von Triest gelegen, sein, in dem ich schon als Kind zugange war, als wir im Vereinsaustausch die Swann des Clubpräsidenten segelten. Mein, zugegeben, nicht ganz der Wirklichkeit entsprechender Ruf als Seefahrer hatte mir den Auftrag als Berichterstatter für ein Yachtmagazin eingebracht, während der Schotte vorgab, wirklich zur See gefahren zu sein. Immerhin sollte er während der Fahrt etliche Shanties ansingen –das immerhin konnte er überzeugend gut.

Ich rückte den Beifahrersitz um einige Zentimeter nach vor, so saß der Schotte hinter meinem Rücken, wie ich selbst, gleichermaßen unbequem in der für vier Personen zu kleinen, aber schnittigen Kiste. Den folgenden, Rammers sichtlicher Autophilie geschuldeten Furor ahnend versuchte ich, einen imaginären Geschwindigkeitsbegrenzer zu aktivieren. Noch vor Abfahrt erwähnte ich wie beiläufig, dass ich seit einem Jahr einen durchaus brauchbaren Ford mein Eigen und Bijou nennen konnte. In der Tat, sagte ich zu Rammer, war ich seither nie über 130 km/h,

- nie über ein Kilo dreißig – sagte ich auf Rotwelsch,

gefahren. Das war ausnahmsweise nicht geflunkert und entspricht meiner nervenschonenden Fahrweise. Und schon kommentierte Lester hinter meinem Rücken mit zwei Zeilen Refrain,

- He’s the man who rode the mule around the world.

I set the flags a-flying, when the sailor man quit lying.

Ich rückte meinen Beifahrersitz wieder in die Ausgangsposition und bekam dafür die Knie des Schotten zu spüren. Rammer, hinter seiner Pilotenbrille, zeigte dagegen überhaupt keine Reaktion. Für ihn als Pilot und Ria Vollny im Fond schienen die Fahrzeugdimensionen ausgelegt zu sein.

Autophilie heißt hier nicht Selbstverliebtheit, vielmehr sollte Rammer den BMW im besten Sinn wie ein Amateur oder Dilettant fahren, wie ein versierter Liebhaber 95 Jahre nach Henry Fords T, so rasant wie unangestrengt.

An der ersten roten Ampel, vor der er den BMW anhielt, rief er begeistert

- Schau, was der kann!

Der Motor lief nicht im Leerlauf, sondern stellte sich automatisch ganz ab wie in einem Golfwagerl, bis Rammer den ersten Gang einlegte und wieder auf’s Gaspedal trat.

Auf die Autobahn, zu sehen, was der Wagen kann. Bei vergleichsweise kommoden ein Kilo fünfzig erzählte Rammer, dass im Leihvertrag für das Auto zu unterschreiben war, die Marken BMW, VW und Mercedes dürften nicht nach Slowenien und Ungarn, somit auch nicht nach Kroatien gefahren werden, weil zu nah an die Verschiebungslogistik inoffizieller Autohändler reichend. Ein interessanter Fall liegt immer noch gegen einen gerade umtriebigen österreichischen Politiker vor, dem zumindest ein (1) Fahrzeug der Marke BMW im August 2000 in Jugoslawien abhanden gekommen sei, wie er es bald darauf der Kriminalabteilung der Polizeihauptmannschaft im ungarischen Pécs zur Anzeige gebracht hatte. In Wirklichkeit habe er diesen Leihwagen aber an einen Autoschieber verkauft, der jetzt in Ungarn einsitzt. Gegen den umtriebigen österreichischen Politiker liegt seither ein ungarischer Haftbefehl vor. Einen Namen nenne ich besser nicht, weil ich auf den Besuch seiner Bravos, wie Raymond Chandler solche Typen nannte, keinen Wert lege. Wir leben in einem gefährdeten, gefährlichen Land. – Aber das tut hier wenig zur Sache.

BMW ist also ein Desiderat, ein Ding, das alle haben wollen. So ging es in rasender Fahrt über die Südautobahn durch das dunkle Mordor, in dem vor nicht allzu langer Zeit die Sonne vom Himmel gefallen war. Trotzdem nahm Rammer seine Sonnenbrille nicht ab; dort, wo Tirol an Wahnsinn grenzt, herrschte für ihn totale Finsternis.

Aus dem Fond gab die ungemein belesene Übersetzerin Ria Vollny einen literarischen Abriss zum Thema.

- BMW, hat der Romancier William Gaddis in Letzte Instanz geschrieben, ist das vulgärste Automobil auf den Straßen.

- Oh Lord won’t you buy me a …

begann der Schotte schon wieder und

- Lester! wollte Rammer unterbrechen,

- Bi em dubby …

brachte der aber noch an.

Vielleicht, sinnierte Vollny dann weiter, habe der amerikanische Autor Gaddis, der seinen überzeugten wie glücklosen Protagonisten Oscar L. Crease über das vulgärste Fahrzeug schimpfen lässt, da etwas verwechselt.

- Er sagt nämlich nicht, warum BMW das Vulgärste sein soll. Vielleicht war es Gaddis selbst, der eigentlich Volkswagen meinte. Die führen das Vulgäre ja im Namen. Andererseits, seht euch doch die BMW-Fahrer an. Die säßen durchwegs besser im Vulgärwagen.

Sagen wir, seit Coop Himmelb(l)au die BMW-Welt, „ein Haus wie ein Hurrican“, in München gebaut haben, sind die Fahrzeuge dieser Marke auch ein Desiderat für Architekten, die, nebenbei bemerkt, keineswegs unter mangelndem Selbstverständnis leiden und gleich eine ganze „Welt“ bauen. Ähnlich die Künstler, spätestens seit Olafur Eliasson „Your mobile expectations: BMW H2R Project“, wie es heißt, im zwei Jahre währenden „Dialog mit Architekten und Wissenschaftern“ ausgeführt hat. Er entfernte das Chassis des H2R Prototyps „und ersetzte es durch eine ebenso komplexe wie fragile Haut aus zwei übereinander liegenden spiegelnden Metallschichten, die sich netzartig über die Karosserie ziehen und mit einer vielfachen Eisschicht überzogen sind. Auf diese Weise verwandelt Eliasson ein Objekt avancierter Fahrzeugtechnologie und des Industriedesigns in ein Kunstwerk, das auf ebenso ausgeklügelte wie poetische Weise Themen wie Mobilität, Temporalität und erneuerbare Energien sowie das Verhältnis zwischen Autoproduktion und globaler Erwärmung reflektiert“, las ich später in einem Pressetext von BMW. Ohne Architekten geht also gar nichts, sie bauen „Welt“ und legen im Dialog mit Eliasson den Grundstein, dieselbe mittels Automobil zu retten.

Ich erzähle, was ich während dieser Fahrt in Erzählungen gehört habe. Ob ich mich recht erinnere, will ich nicht wissen. Meine Versuche, mich zu erinnern, gleichen einer Analogie zum Phänomen der Parallaxe, der verzerrten Sicht auf ein Objekt aus nicht direktem Blickpunkt. „Ein erlebtes Ereignis“, schrieb Walter Benjamin über Marcel Proust, „ist endlich, zumindest in der einen Sphäre des Erlebens beschlossen, ein erinnertes schrankenlos, weil nur Schlüssel zu allem was nach ihm kam.“ – Ich nenne das: Rorschachtest an Beutewörtern oder Prise-Wörtern, wie wir Seemänner unsere Beute nennen.

Aus meiner Position als Beifahrer, der ich von schräg rechts auf die Instrumente sah, bewegte sich die Tachonadel des geliehenen BMW lange Zeit zwischen 170 und 195 Stundenkilometern. Schneller, als ich es lesen konnte, flogen wir nach Triest; ziemlich tief allerdings.

Nach Alois Salmonić, meinem HTL-Lehrer in Elektrotechnik, der uns neben Folgendem nicht bedeutend mehr als das Fürchten lehrte,

- Errnsti – sagte er immer mit dräuend rollendem r –, komm’ herraus, errzähle mirr von den gleichnamigen und ungleichnamigen …,

was ich ihm dann oft erzählte, wollte er aber nie hören –; nach Salmonić also bedingte die Parallaxe auch einen Lese-, somit einen Messfehler an mechanisch analogen Volt- und Amperemetern. Zu dessen Kompensation hatten die mechanischen noch ein Spiegelsegment auf der Skala und vor Ablesen des Messwertes mussten erst Zeiger und sein Spiegelbild zur Deckung gebracht werden, das sei dann

- exakt, verrsteht sich, im Tolerranzberreich.

Die Zeiten schreiten und Analogien verschwanden im Digitalischen. Die Parallaxe ist aber auch – davon wusste Salmonić uns nichts zu erzählen,

- Kulturrgeschichte brrauch’ ma net! –

das vom Jesuitenpater Athanasius Kircher im 17. Jahrhundert beschriebene Phänomen, nachdem man ein am tiefsten Punkt eines Hohlspiegels befindliches Objekt, unter gewissem Blickwinkel, als über dessen Basis, in der Luft quasi, schwebend sehen mag.

- Versuchen Sie erst gar nicht, mich zu korrigieren, ich habe ein Gehirn und ich weiß, was ich weiß!

darf ich an dieser Stelle den Kulturphilosophen Bazon Brock zitieren, wie er sich weiland zu Pischelsdorf einen allfälligen Einwand meinerseits verbat. – Selbstredend gehört hierher noch der Standpunkt des erdverhafteten Astronomen, der ein visiertes Himmelsobjekt am falschen Ort wähnt. Das Ziel visiert man über Kimme und Korn. Wir aber flogen tief und wechselten so ununterbrochen unsere falschen Standpunkte.

Weil der Schotte hinter meinem Rücken seit geraumer Zeit schon

- The angels are calling,

- They’ll carry me home …

sang, das Bisherige, zugegeben, sich zum großen Teil ohnehin nur in meinem Hirn abgespielt hatte, sollte ich langsam zum Anlass dieses Schreibens kommen:

- Jetzt halt einmal deinen Rand!

Ria Vollny zeigte sich durch den Singsang von Mowl schon genervt und seine Spitzknie schmerzten mich –

- Lester, mein Kreuz! rief ich ungehalten,

- Aye, raunzte der nur.

Soviel aber dennoch: Diese schottische Doppelbesetzung, dieser Superflux, sollte später wirklich meinen Artikel geschrieben haben. Noch dazu unter meinem Namen!

Bei etwa ein Kilo achtzig, vorbei an Udine, wies der Pilot und Präsident Rammer aufgeregt nach links auf ein – inzwischen wieder im Sonnenschein – wie Talmi glitzerndes Gebäude, mehr eine Skulptur:

- Das! Das ist die italienische Hypo Alpe Adria von Thom Mayne. Der prosperiert!

- Mhm, machte ich,

- Aye?

- Die Engel … – begann Vollny ihre Erzählung.

Es war schon Jahre her. An der Grazer Fakultät für Architektur lud der hochgepriesene Professor D’Aimonić zu Vorträgen vor Studierenden eine Reihe mehr oder minder bedeutender Architekten ein. Wenn es sich um einen Engländer oder Franzosen – oder wie hier um einen Belgier – handelte, wurde Ria Vollny vom Professor höchstselbst für Simultanübersetzung geheuert.

Auftrat also ein irgendwie unscheinbarer Belgier, an dessen Namen sich niemand mehr erinnern kann, sein Büro jedenfalls hieß ArcheIdée, französisch. Das klang für uns komisch, nur der Schotte hatte nichts verstanden. Der Belgier war nicht sehr groß von Gestalt,

- ein Mand’l,

beschrieb ihn Vollny, das etwa über eine Stunde Unsägliches von seinen Innenräumen erzählte, das sie virtuos übersetzte und das damals noch mittels Diaprojektion zur Ansicht gebracht wurde. Spätestens nach den ersten Dias war dem Auditorium, damals hochgebildete Professoren u n d Studenten, klar,

- das Mand’l war Anthroposoph!

Über seine Analogien und Adaptionen nach Rudolf Steiners „Geheimwissenschaften im Umriß“ von 1910 breitete der Belgier ein wahrhaft groteskes Œuvre von Magen-Darm oder eben Grotten und Uterus ähnlichen Räumen aus. Bilder, die ebensogut von gastroskopischen Untersuchungen stammen konnten. Vertikal und horizontal, der Schwerkraft wehrend, waren der Erwähnung nicht mehr wert und das Schlimmste,

- die Figur brachte auf ihre Wände Oberflächen aus versiegeltem Polyurethanschaum auf; in Rot, Grün und Braun.

Ein Raunen im Hörsaal, eine gefährliche Unruhe kam auf und wurde immer lauter. Mehrmals wurde der Belgier von einem trockenen Husten geschüttelt, bis solche Unterbrechungen seines Vortrages durch ein lautes

- Stop! – (nur ein p, die Rechtschreibreform sollte erst in den kommenden Jahren angedacht werden)

nun wirklich abgebrochen wurde. Wie ein Deus ex machina fuhr der seinerseits hochgepriesene und vermittels seiner algorithmischen Architektur gleichwohl internationalen Rufes sich erfreuende Professor Fred Wolfdrucker dazwischen, während D’Aimonić vorgab, sich zu schnäuzen, wirklich aber im Wegdrehen seine tränenden Augen mit dem Sacktuch wischte –

- Welchen Stuß (s.o.) dieser Bankert eines Rudi Steiner

sich erlaube,

- in der Architekturhauptstadt …!

er hatte damals sicher nicht

- in der derzeitigen Architekturhauptstadt …!

gesagt, vielleicht hatte er geschrieen

- im Think Tank der Grazer Schule …!

jedenfalls etwas, das in Rückschau dem monierten Stuss nicht wirklich Beeindruckendes entgegenhielt,

- als Beispiele zur zeitgenössischen Architektur …?

So ein Rachit!

und so weiter.

Roten Auges wachelte D’Aimonić mit seinem Sacktuch, Wolfdrucker möge sich doch beruhigen,

- Es ist doch gleich vorbei, wir werden das im Braunschaum bei einem Absolut besprechen!

Gar nichts sei vorbei, schrie Wolfdrucker und ihm

- aus den Augen!

in Richtung des Belgiers.

Der hatte sich inzwischen wirklich ins Winkerl begeben, stand schreckensgebeugt mit dem verlängerten Rücken zur Wand, während Vollny versuchte, in einer höflichen Übersetzung den Belgier nicht alles, was Wolfdrucker da geschrieen hatte, wissen zu lassen.

Die anthroposophische Lehre verbindet etliche Elemente des Platonismus, der Gnosis, der Mystik und des philosophischen Idealismus sowie verschiedener indischer Lehren. Inbegriffen glauben Anthroposophen an Engel, Teufel und Dämonen.

Aus seinem Winkel – und unter Einfluss, auch hier, der Parallaxe – wies der Belgier mit zitterndem, dürrem Finger auf Wolfdrucker und murmelte etwas Apotropäisches auf Französisch.

Vollny, zu Wolfdrucker gewandt, übersetzte leise:

- Er sagt –, Sie seien der Inkubus!

Es war augenblicklich still im Hörsaal.

- Verflucht noch Eins!

Wolfdrucker musste nicht mehr schreien,

- was bin ich, sagt er? Fragen Sie ihn noch mal, Frau Vollny!

Erneut sprach der Belgier mit dünner Stimme und Zeigefinger und er führte offenbar genauer aus. Vollny wieder zu Wolfdrucker, ganz leise, aber jeder konnte es hören.

- Er sagt,

Atempause,

- Sie sind der Teufel und alle Engel haben den Raum verlassen.

Wenzel Mraček, geb. 1962 in Klagenfurt, Kunsthistoriker, Kulturredakteur, Autor, Seefahrer, lebt in Graz.

Literatur: W.M., Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln, Weimar 2004 (Böhlau, www.boehlau.at).

Verfasser/in:
Wenzel Mracek

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Sailor Men, parallaktisch

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