sonnTAG 317

DIE GEDULD UND FESTIGKEIT DES PAPIERS

07/02/2010

Günter Eichberger

DIE GEDULD UND FESTIGKEIT DES PAPIERS

bei de japana

drongs papiarene schtifö

des hast daun: GEDICHT

(H.C. Artmann)

1

Gerd Niemöller hat ein kleines, wetterfestes, preiswertes Haus aus Papier entwickelt. Aus Papier? Das klingt unglaublich. Aber ich habe es gerade mit eigenen Augen gesehen auf dem Bildschirm.

„Es ist eine besondere Wabenkonstruktion“, erklärt der Erfinder, „die dem Haus die Festigkeit gibt. Papier, das mit einem Kunstharz vermischt ist, wird unter großer Hitze und enormem Druck in mehreren Arbeitsgängen in die Wabenform gepresst. In Verbindung mit den Abdeckplatten ergibt sich dann eine enorme Stabilität.“

Auf einem Video demonstriert der Herr Ingenieur die Festigkeit des Materials. Über 200 Tonnen halten die großen Waben auf dem Quadratmeter aus. Eigentlich müsse man von einem „äußerst realen Luftschloss“ sprechen. Über 90 Prozent des Hauses besteht aus Luft. Das funktioniert, weil die Waben so extrem steif sind.

Gebaut sollen die Papierhäuser für Afrika werden. „Wenn man sich überlegt, in welchem Überfluss trotz Krise wir hier leben, und in welcher unglaublichen Armut die Menschen in Afrika leben, da muss man nur ein bisschen Mensch sein, um zu sagen, da muss man was tun.“

Auf 36 Quadratmetern: eine Küche, zwei Schlafzimmer, eine Dusche (und ein Schlachtplatz im Freien). Was uns überaus schlicht und rein funktional erscheinen mag, ist für die Armen, denen mit diesen Behausungen geholfen werden soll, vermutlich der reinste Luxus. Und die (für uns) wohlfeilen 4000 Euro sind ohne Zuschüsse erst recht unerschwinglich. Papierhäuser als Entwicklungshilfe.

In Malawi, einem der ärmsten Länder Afrikas, verdienen zwei Drittel der Bevölkerung 60 Cent pro Tag. Ihre Sorge gilt nicht vorrangig dem Dach über dem Kopf, sondern der Handvoll Mais für den Magen. 2002 gab es eine Hungersnot, die nicht vorrangig der Dürre, sondern der Korruption regierungsnaher Stellen geschuldet war. Die Maisreserven für Notfälle waren, statt sie an die Hungernden verteilen zu können, mit fetten Gewinnen verkauft worden.

Was wäre zu tun, damit nicht jede auch noch so edelmütige Hilfestellung als postkoloniale Geste erschiene? Damit sich Strukturen verändern, ist es nicht zielführend, in großem Stil Almosen zu verteilen. Die eingeflogenen Nahrungsmittel sättigen vorübergehend, die wirklichen Probleme aber bleiben unangetastet.

Was würde helfen? Der Bevölkerung ein Bewusstsein von dem System, in dem sie existieren, zu vermitteln. Die Grundvoraussetzung dafür wäre Aufklärung. Das ist in Ländern mit einer Analphabetenrate von über 40 Prozent freilich nicht eben leicht.

Und damit sind wir beim Grundnahrungsmittel Bildung, mit dem sich vieles anfangen lässt, Häuser bauen und Regierungen stürzen. Zumindest theoretisch.

2

„Wissen ist Macht“, schrieb Francis Bacon im frühen 17. Jahrhundert, als Wissen nur einer durch Geburt privilegierten Minderheit zugänglich war. Der Urheber dieses Satzes lässt sich heute mit ein paar Mausklicks herausfinden. Wissen ist frei zugänglich. Soviel Wissen, wie niemand sich während eines Lebens aneignen kann. Gibt es jemandem die Macht, über sein und das Leben anderer zu bestimmen? Oder hat das Überangebot an Information nur zu einer Entwertung des Bildungsbegriffs geführt? Ersetzt die Suchmaschine Google das Gedächtnis? Und müssen wir nichts mehr wissen, weil der Computer ohnehin alles weiß?

Die Hoffnung der Achtundsechziger, der freie Zugang zur Bildung für alle Gesellschaftsmitglieder werde die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit von Grund auf verändern, hat sich nicht erfüllt. Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, kann dann das Bewusstsein durch Aufklärung das Sein umgestalten? Eine Umverteilung auch von symbolischen Gütern? In der Hoffnung, dass sich auch Herrschaftsverhältnisse umverteilen lassen? Bis niemand mehr über andere herrschen kann?

Und die Kornkammern gefüllt bleiben?

3

Bildung war einst Einstieg zum sozialen Aufstieg, heute ist sie in vielen Fällen nichts als der Einstieg zum Abstieg ins Prekariat, die bedürftige Klasse. Gut ausgebildet ins gesellschaftliche Abseits. Mit der Befähigung, die „Gaunersprache der Intellektuellen“ zu sprechen, die dürre Begrifflichkeit der Satten in ihrer Parallelwelt des mit dem Staat geschlossenen Bundes zur Wahrung der Gedankenfreiheit. Und manche sehen darin bereits eine Analogie zum akademischen Lumpenproletariat des Vormärz. Kommt es dann spätestens 2048 zur Revolution? Dass die Geschichte am Ende angekommen ist, der entwickelte Kapitalismus mit seinem entfesselten Markt das größtmögliche Glück für alle bereitstellt, glaubt mittlerweile wohl kaum noch jemand. Der Neoliberalismus, von manchen als Überwindung aller Ideologie gesehen, hat sich als fauler Zauber herausgestellt: Die Gewinne sind privat, die Verluste zahlt der Staat.

4

In den Vereinigten Staaten, sagte Kennedy zu Chruschtschow, könne sich jeder Arbeiter ein eigenes Haus leisten. Darum sei der Kapitalismus das bessere System für die arbeitende Bevölkerung. Und weil das zu beweisen war, nahmen Familien, die nicht über die nötigen Mittel für ein Häuschen verfügten, Kredite auf.

Der Kommunismus und seine Plattenbauten fielen, die Investoren des amerikanischen Traums bauten an ihren Palästen weiter. Nach dem Platzen der Immobilienblase mussten mehrere Millionen Familien ihre Häuser verlassen, weil sie die Kredite nicht mehr bedienen konnten. Von April bis Juni 2008 wurden (laut Ulrich Schäfer) 739.714 Häuser in den USA zwangsversteigert.

Selbst viele der Ärmsten der Armen haben im Land der Tapferen und Freien ein Haus, und zwar eines aus Karton, wodurch der Begriff Obdachlose auf sie im strengen Sinn nicht anzuwenden ist. Freilich, die Festigkeit ihrer Behausungen dürfte mit den Papierhäusern des Gerd Niemöller nicht mithalten können. Ohne jetzt amerikanische Äpfel mit afrikanischen Bananen vergleichen zu wollen: Was sagte sich Niemöller angesichts des Elends in Afrika? „Da muss man nur ein bisschen Mensch sein, um sich zu sagen, da muss man etwas tun.“

Günter Eichberger, geboren 1959, lebt als freier Schriftsteller in Graz. Zuletzt erschienen von ihm: „Alias“, 2008; „G-Punkt des Universums“, 2009.

Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.

Verfasser/in:
Günter Eichberger

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