Aus Anlass der Neuausschreibung der Stelle eines Stadtplanungschefs für Graz veröffentlicht GAT nochmals einen Beitrag von Architekt Bernhard Hafner zur Diskussion um den Stadtplanungschef NEU 2005, der im GAT-Forum erschienen ist (19.11.2004) und in dem Hafner u. a. meint, dass die Person des Leiters (der Leiterin) des Stadtplanungsamtes selbst nur eine Figur in einem Feld komplizierter Wirkungen sei, der (die) das Amt gar nicht erst antreten sollte, wenn von der Politik die Zügel nicht gelockert und neue Experimente unterstützt werden.
GAT hat sich vom Verfasser das Recht gesichert, den Beitrag im selben Zeitabstand, also 2015, wieder veröffentlichen zu dürfen.
BERNHARD HAFNER
Städteplanung? Vorstadtplanung.
Dass die Städteplanung des 20. Jahrhunderts gescheitert ist, das wissen wir und haben uns darauf eingerichtet. Sie ist gescheitert, bevor sie so richtig begann (sie wäre andernfalls gescheitert). Schon am Ende des 19. Jahrhunderts war sie vor Aufgaben gestellt worden, die sie nur in der Rückschau auf Städtebau und Architektur im Historismus bewältigte. Heute attestieren wird diesen Stadterweiterungen städtebaulichen Charakter im positiven Sinn. Dem, was folgte, attestieren wir dies nicht und mit Recht nicht.
Es begann mit den Internationalen Kongressen Moderner Architektur (CIAM), in denen sich Architekten intensiv mit Stadtplanung und städtebaulicher Architektur auseinandersetzten. Neue Stadtvisionen entstanden als Gegenvisionen zu den Gartenstädten in England, Städte mit Hochhäusern, der Trennung von Nutzungen, der Trennung von Verkehr und Bauten; wenig war von gemeinsamen, dem Wohnen dienenden Einrichtungen zu sehen.
Was immer bei entsprechendem politischem Willen hätte entstehen können, wurde vom Weltkrieg unterbunden. Danach aber war der Aufholbedarf groß, die Notwendigkeit des Wiederaufbaus und Neubaus gegeben und Städteplanung war aktuell: Trabantenstädte vor der Stadt, die New Towns in Großbritannien, die autogerechte Stadt und die gegliederte und aufgelockerte Stadt. In zahlreichen Architekturwettbewerben wurde alles Erdenkliche vorgeschlagen, von den ZUP’s in Frankreich über Bratislava, Tel Aviv, Wien-Süd bis Hamburg-Billwerder und andere: die Weintraubenstadt, in der Nachbarschaften am Erschließungsstamm angeordnet sind wie Beeren in der Traube; die Schmetterlingsstadt mit vier Nachbarschaften an einem zentralen Körper usw. Derweilen war die Stadt sozusagen unbekümmert vor sich hin gewachsen und wuchs weiter durch Bebauen von brachliegendem Land durch Investoren, Gemeinnützige Wohnungs- u. Siedlungsgesellschaften als Parteienfinanzierungsapparate und gewerbliche Bauträger. Die Gemeinden hatten den Wohnbau, den fundamentalen Träger der Städteplanung, gänzlich oder halb-privatisiert, womit auch das soziale Anliegen, das sie in der Zwischenkriegszeit noch gezeigt hatten, zu existieren aufgehört hatte.
Was war aus der Stadtplanungstheorie geworden? Sie war bei der gegliederten und aufgelockerten Stadt stehengeblieben und wurde durch Flächennutzungspläne, Stadtentwicklungspläne und Verkehrspläne instrumentalisiert. Das, was die Theorie der Nutzungstrennung und gegliederten Auflockerung diktierte, wurde für Legislaturperioden festgeschrieben. Vergleicht man einen solchen Plan mit einem Bestandsplan für ein historisch entstandenes Kerngebiet, fällt der Unterschied sofort und eklatant auf. Der Unterschied ist jener zwischen der Stadt des Städters und jener des Städteplaners; der Stadt mit kleinteiliger Funktions- und Nutzungsvielfalt und hoher Dichte versus der Stadt der Gliederung in großflächige Nutzungen mit Kerngebiet, reinem oder allgemeinem Wohngebiet, Gewerbe- und Industriegebieten, die die Stadt in ihrem Charakter zerstört hat.
Wo gibt es in Liebenau die Stadt, wo in Puntigam? Wo in Gösting, wo in Andritz und anderen Bezirken außerhalb der gründerzeitlichen? Eine Trennung von unverträglichen Nutzungen - des Durchzugsverkehrs und emmissionsintensiver Industrien - von Wohnen ist nötig, sie soll die Ausnahme sein, nicht die Regel. Das Ziel soll die Durchmischung und Verdichtung sein, womit eine Alternative zum Individualverkehr möglich wird.
Was in den letzten fünfeinhalb Jahrzehnten gebaut wurde, sind Vorstädte, urbane Einöden, die sich von amerikanischen Vorstädten immer weniger und nur durch eine andere Erscheinung unterscheiden: Diese aber sind auf viel freiem Land um eine vielfach monokulturelle Mitte unter der Herrschaft des Automobils und größerer Mobilität entstanden. Also geben wird den Anspruch auf, Städteplanung im Sinne dessen, was wir hierzulande unter Stadt verstehen, zu betreiben. Planen wir Vorstädte gut. Vorstadtplanung rein in die Stadtplanung, selektiv und experimentell, der Innovation gegenüber aufgeschlossen. De(kon)struieren wir die Vorstädte! Verdichten wir sie, bebauen wir sie intensiver (damit wir es uns auch leisten können). Nötig wäre (etwas plakativ ausgedrückt) eine Ausweisung von Vorstädten als Kerngebiete und sie als solche zu revitalisieren in Nutzung und baulichem Charakter. (Wie oft habe ich darauf schon öffentlich hingewiesen? Auf einmal mehr soll es nicht ankommen, auch nicht darauf, wieder einmal in einen Wald ohne Echo zu rufen.)
Obwohl sie sich darin ausdrückt, ist Städteplanung weit mehr als Flächennutzungsplanung, Verkehrsplanung, Stadtentwicklungsplanung, die Anwendung von Vorschriften der Bebauungsdichte, Bauhöhe und des Bebauungsgrades. All diese Quantitäten müssen wir bereichsweise ändern. Aber das ist nur die Grundvoraussetzung, die allein noch nicht genügt. Die Einstellung muss geändert werden, die Bereitschaft, die Planungstheorie an ihrem Erfolg zu messen. Das ist das wissenschaftliche Kriterium, nach dem eine Theorie so lange Gültigkeit beanspruchen kann, solange nicht das Gegenteil einer ihrer Aussagen erbracht ist. Dieses Gegenteil hat die Theorie von der gegliederten und aufgelockerten Stadt über die Auswirkungen ihres Instrumentariums längst erbracht und doch ändert sich in den Köpfen nichts.
Die Städteplanungstheorie braucht eine effektive sozio-ökonomische Basis, nicht nur dessen, was man auf Architekturschulen lernt. Die Stadt ist das komplexeste von Menschen erzeugte Gebilde, dem wir uns mit primitiven und ungeeigneten Mitteln annehmen, ohne die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen.
Also brauchen wir andere Beispiele und Experimente statt Wiederholungen. Schon 1962 war die Region Parisienne ein abschreckendes Beispiel dafür, was sich am ganzen Kontinent wiederholen würde: ein Sammelsurium aller möglichen architektonischen Einfälle ohne Bezug aufeinander und finanziert nicht von den Nutznießern, sondern von der ganzen Gesellschaft, die so ihr Kapital verschleudert.
Nichts wird anders werden, weder im Sinne einer Städteplanung, die die Stadt als ein äußerst kompliziertes Gebilde zu verstehen trachtet, noch im Sinn einer revitalisierenden Vorstadtplanung, ohne Bekenntnis der Gemeindepolitik (mit Landes- und Bundesanreizen) zu neuen Wegen, der Bereitschaft, Macht zur Disposition zu stellen und weit größere Mittel an Geist und Geld zur Verfügung zu stellen. Nichts geht ohne Geld, jedes Produkt, jede Dienstleistung hat einen angemessenen Preis. Aber fragen wir nicht immer nach dem geringsten Aufwand und nach Mehrheitsfähigkeit, die wir unseren fehlgeschlagenen Handlungen derzeit unterstellen. Fragen wird nach Geist, Planungsintelligenz und Ideen.
Die Person des Leiters (der Leiterin) des Stadtplanungsamtes selbst ist nur eine Figur in einem Feld komplizierter Wirkungen, der (die) das Amt gar nicht erst antreten sollte, wenn von der Politik die Zügel nicht gelockert und neue Experimente unterstützt werden. Man möge sich nicht am Begriff Experiment stoßen, schließlich ist in freier Interpretation Poppers alles, was wir tun, Experiment.
KURZBIOGRAFIE
BERNHARD HAFNER wurde 1940 in Graz geboren. Er studierte an der Technischen Universität Graz und an der Harvard University. Hafner war Professor und Gastprofessor an der University of California, Los Angeles (bis 1974), Cornell University (1974), University of Texas, Arlington (UTA, 1977-79) und am New Jersey Institute of Technology (2000, 2005). Er ist seit 1976 als freischaffender Architekt tätig und betreibt seit 1980 ein Architekturbüro in Graz. Außerdem ist er Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und theoretischer Texte zur Architektur.
- Verfasser/in:
- Bernhard Hafner
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