Ruth Scheuer
DAS UNPERFEKTE HAUS
„Na, was gibt´s da zum Schauen?“, fragt eine ruppige Stimme und reißt mich jäh aus meinen Gedanken. Dort, wo einmal das von wildem Strauchwerk umrankte Gartentürl war und jetzt grauer Asphalt öde vor sich hinbröckelt, steht sie. Eine fremde Person mit unfreundlichem Gesichtsausdruck und argwöhnischem Blick, die Hände energisch in die Hüften gestemmt, und hinter ihr das nette, alte Holzhaus – das eigentliche Objekt meines Interesses.
„Nichts“, kommt es aus meinem Mund. Jeglicher Ansatz von Kommunikationsbereitschaft hat mich in diesem Augenblick verlassen. Kaum zu glauben, dass an diesem Ort einmal Offenheit und Frohsinn zuhause waren.
Früher konnte an diesem Haus keiner vorbeigehen, ohne einen Blick zu riskieren. Egal ob neugierig, begeistert oder empört, es übte in jedem Fall eine mysteriöse Anziehungskraft aus, dieses heimelig anmutende Holzhaus, in dessen beinah unüberschaubar großem Garten rostige Metallskulpturen standen – aus Schrott geschweißte Phantasiegestalten, seltsame Wesen, die kühn und selbstbewusst zwischen Sträuchern, wilden Blumen und um die uralte Rotbuche ihre Stellung einnahmen. An Großvaters Kunstwerken schieden sich die Geister: die der ewig Gestrigen, die ihn als Spinner belächelten, gegen die der mutig Unkonventionellen, die sich allem Modernen gegenüber offen zeigten, egal, ob sie was von Kunst verstanden oder nicht. Eine erfrischende Aufbruchsstimmung kennzeichnete die Zeit. Erste Vorboten der späteren 68er waren an diesem Ort deutlich spürbar und sichtbar, was uns Kindern allerdings erst in der Rückschau bewusst wurde. Damals fühlte es sich irgendwie anders an, unbeschwert natürlich und zugleich wie ein fortdauerndes leichtes Vibrieren, ein angenehmes Spannungsgefühl, das manchmal eine unbändige Lust auf Abenteuer bewirken konnte. Das Haus samt seinen Bewohnern passte so gar nicht in die Klischees dieser reichen Stadtrandgegend mit ihren protzigen Villen. Dazu war es viel zu unperfekt, mangelhaft, ein wenig verwildert. Aber als Künstlerresidenz war es geradezu ideal. Was allerdings speziell für die weiblichen Bewohner (Großmutter, Mutter, Tanten) ziemlich unbequem war: kein Bad, keine Einbauküche, keine Zentralheizung, dafür Plumpsklo und ein Kachelofen, der Unmengen an Holz schluckte. Und, nicht zu vergessen, die gefährlich enge und steile Holzwendeltreppe, die manches Familienmitglied zu Fall brachte, aber wundersamer Weise niemanden ernstlich verletzte. Nach außen präsentierte sich das Haus samt seinem Blumenschmuck immerhin sehr lieblich und weckte Erinnerungen an Roseggers Waldschule, was natürlich wieder manche dazu verleitete, die „gute, alte Zeit“ heraufzubeschwören. Aber nicht mit meinen Großeltern, dazu waren sie viel zu sehr den künstlerischen Aspekten des Lebens zugeneigt. Sie verzauberten das Haus in einen Ort der Begegnung und der Kreativität und im Laufe der Jahre fanden sich immer mehr „Fans“ und Freunde ein, die hier etwas fanden, was Seltenheitswert hatte. Man wurde einfach aufgenommen – egal, wie „verrückt“ man war – mit einer offenen Herzlichkeit und Heiterkeit. Nun ja, Großmutter, die Klavier spielte, ohne Noten lesen zu können, bevorzugte musische Menschen und wer für ihren Musikgeschmack keine Begeisterung aufbringen konnte, musste schon mit dem einen oder anderen spitzen Seitenhieb rechnen. Überhaupt galten im Hause eben andere Regeln. An den so genannten „offenen Dienstagabenden“, an denen die Großeltern ihre (Künstler)freunde empfingen, galt zum Beispiel: Je musischer, kreativer, ungewöhnlicher der Gast, desto herzlicher wurde er empfangen. Einige heute namhafte Künstler waren bei den lebhaften Diskursen und Musiksessions, die oft tief in die Nacht dauerten, dabei.
Obwohl immer wieder das Gerücht auftauchte, das Haus würde langsam, aber sicher immer mehr abrutschen (100 Jahre zuvor war es angeblich 150 m vom gegenüberliegenden Hang auf die andere Straßenseite gerutscht und dort wieder neu aufgebaut worden), hielt es all den vielen Besuchern inkl. Großfamilienmitgliedern tapfer stand und die anfängliche Angst, dass irgendwann einmal was passieren könnte, wich einem tiefen Vertrauen, dass wir Bewohner – wodurch auch immer – geschützt seien. Da war einfach dieses Basisgefühl, das das Haus vermittelte: Wärme (trotz mangelnder Heizung), Geborgenheit, nie Langeweile, nie Einsamkeit, im Gegenteil: manchmal musste man sich sogar irgendwo im weitläufigen Garten oder in der umgebenden Wald- und Wiesengegend verkriechen, um endlich seine Ruhe zu finden, falls zum Beispiel wieder einmal Meinungsverschiedenheiten zu heftig ausgetragen wurden. Immerhin waren neben Großeltern, Eltern, Geschwistern auch noch Tanten, Onkel samt Freunden und Freundinnen im Haus. Ja, und natürlich auch Cousinen und Cousins. Nicht alle zugleich, versteht sich, aber bei den Familienfesten war die Anzahl der Bewohner und Besucher oft hoffnungslos unüberschaubar. Das damit logischerweise verbundene Chaos lässt sich natürlich in der Rückschau mit verklärender Romantik schönreden, war aber damals manchmal ganz schön herausfordernd. Aber das fehlende Bad, das Plumpsklo, das ziemlich übel riechen konnte, bevor endlich die Fasslräumer nächtens die Fässer austauschten, und all die anderen Unbequemlichkeiten und unperfekten Details waren zumindest für uns Kinder kein Grund zum Jammern. Ganz im Gegenteil, hier an diesem Ort – da bin ich mit meinem Bruder, der als Künstler schon an vielen Orten der Welt gelebt und gearbeitet hat, absolut einig – hier ist unsere Quelle der Kreativität, sind die Wurzeln der Improvisation. Was damals in Haus und Garten spielerisch erprobt und experimentiert wurde, lässt sich mühelos in unser heutiges Leben als längst Erwachsene übertragen.
Wie prägend diese ersten Orte der Kindheit sind, wird in Gesprächen mit Freunden immer wieder sehr klar. Ich kenne niemanden, der mit seiner Kindheit in einem architektonischen Juwel inklusive Swimmingpool prahlt, stattdessen fällt auf, dass gerade Künstler oft in armseligen Verhältnissen aufgewachsen sind oder beispielsweise auf einem Bauernhof mit vielen Tieren und damit verbundener mühsamer Arbeit. Je größer der Mangel, je schwieriger die Umstände, desto mehr wird das in schillernden Tönen hervorgehoben und gepriesen. Als ob es zum guten Ton gehörte, unter widrigen Umständen aufgewachsen zu sein, weil dann kann man ein später halbwegs gelungenes Leben auch auf eigenen Verdienst zurückführen. Mit der zur Matura geschenkten Eigentumswohnung hat man vielleicht Glück gehabt, aber dieses Privileg wird lieber verschwiegen oder so beiläufig erwähnt, während man gleichzeitig irgendwelche anderen Härten des Lebens in die Waagschale legt. Wie auch immer: Kreative Menschen brauchen schwierige Herausforderungen (und sie lieben Übertreibungen). Sie wachsen daran und es verleiht ihrem Leben seinen Sinn.
Wir hatten das Gefühl, arm und reich zugleich zu sein, winzig klein und doch wichtig, ordentlich und chaotisch. „Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr“, heißt es bei Hermann Hesse in „Siddhartha“. Ließe sich dieser Denkansatz auch auf die gegenwärtige Situation übertragen?
Die unfreundliche Dame (die unter anderen Umständen vielleicht auch freundlich sein kann) ist – soviel ich weiß – mittlerweile Mitbesitzerin des Hauses meiner Kindheit, der Großteil des Gartens wurde schon vor vielen Jahren an den Nachbarn verkauft, der dort ein perfektes Haus hinbauen hat lassen. Möglicherweise haben hier andere Kinder eine glückliche Zeit verlebt, jedenfalls steht jetzt neben der alten Rotbuche statt eines Kunstwerks aus Schrott eine solide Holzschaukel.
Die alte „Waldschule“ in dem empfindlich verkleinerten Garten wurde vor Jahren schon teilweise renoviert, seither herrscht Stillstand. Vielleicht ist den jetzigen Besitzern ein ähnliches Schicksal beschieden wie vielen anderen Häuslbauern oder -renovierern und es hat doch mehr Geld verschlungen als ursprünglich berechnet. Aber man wollte ja das Beste draus machen, es hübsch ordentlich herausputzen. Und jetzt?
Nostalgische Wehmut? Nein, das Haus ist nicht traurig, nicht düster, nicht verkommen, es erzeugt keine Gefühle mehr. Es ist anwesend, aber es atmet nicht mehr.
Mit dem Tod des Großvaters hat sich auch die Seele des Hauses verabschiedet. Aber es lebt in den Köpfen aller, die dort gewohnt haben, es taucht in ihren Träumen auf und nimmt darin vielerlei bunte Gestalten an, so unterschiedlich wie jeder seine Erinnerungen auf seine individuelle Art und Weise mit sich herumträgt.
Fotos aus dem Familienfundus
Zeichnung: Chris Scheuer
RUTH SCHEUER
LEBT in Graz.
ARBEITET als freie Autorin, Lektorin und Bildgestalterin.
LIEBT Kunst, Natur und Freiheit, Menschen, die das Staunen nicht verlernt haben, magische Orte und mehr …
KONTAKT: ruth.scheuer@tele2.at
- Verfasser/in:
- Ruth Scheuer
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