WILHELM HENGSTLER
Vorsichtig atmen!
Ich gebe keine Prognosen ab, schon gar nicht über die Zukunft. Und auf keinen Fall über den Klimawandel. Bei minus 15 Grad Celsius eine ansprechende Wortspende über die globale Erwärmung abzugeben ist außerdem …
Für radikale Klimaskeptiker existiert die Erderwärmung sowieso nicht. (Apocalypse No!) Die Apokalyptiker andererseits heulen gegen die klimatische Nonchalance an, mit der das „Raumschiff Erde“ mittels in die Atmosphäre geblasener Treibhausgase gegen eine imaginäre Kosmoswand gefahren wird. Neuerdings scheint die Sprachregelung zu gelten, dass über die Erderwärmung wissenschaftlich kein Zweifel besteht. Üblicherweise beruht „Wissenschaftlichkeit“ aber auf dem Falsifizierungsprinzip, gilt also nur bis zum Beweis des Gegenteils. Ich gebe also keine Prognosen ab, schon gar nicht über den Klimawandel.
Wozu auch in die Zukunft blicken, wo doch die Gegenwart so viel Schönes bietet. Neuerdings werden Strafzölle gegen jene Länder angedacht, die eine Selbstverpflichtung zur Emissionsreduktion verweigern: Indien, Brasilien, China natürlich (die USA wurden nicht genannt). Es müsse ein Ausgleich geschaffen werden, die EU-Wirtschaft sei ansonsten nicht konkurrenzfähig. Wo sind die guten wirtschaftsliberalen Zeiten, als ein anderes Produktionsmittel – nämlich die Arbeit – eben nicht mit Zöllen geschützt wurde? Das hat zu einer schleichenden Verelendung der abhängig Beschäftigten auch hierzulande bis hin zu einem akademischen Proletariat (Studenten, Audimax) geführt, das seine „natürlichen“ Verbündeten hauptsächlich unter den Obdachlosen findet. Vor einer (möglichen) Klimakatastrophe gibt es bereits die sichere, katastrophale Abwärtsentwicklung eines Sozialsystems. Und damit die Leute das akzeptieren, werden sie seit Jahrzehnten mit einer wahren Sintflut aus Modefetzen, Unterhaltungselektronik, Billigautos und Plastikramsch beschwichtigt.
Gerade diese ungeheure Warenproduktion und ihre Konsumption beschleunigt ja die Erderwärmung. Der staatstragende Konsum (auf Weihnachten ist Verlass) wird den Klimateufel nicht als Klimabelzebub austreiben können. Klimapolitik ist Sozial- bzw. Gesellschaftspolitik. So lange das Wohl und Weh am jährlich wachsenden BSP hängt – und zwar weltweit – bleibt jede Klimapolitik sinnlos.
Die größten Gewinne werden ja gerade mit dem massenhaften, weltumspannenden Verkauf von Billigwaren, produziert in Billiglohnländern hergestellt. „Kleinvieh macht auch Mist“, die daraus erzielten Riesenvermögen bilden (immer auf Kosten des Klimas) das Pendant zu den staatlichen Beschwichtigungsstrategien. Das Lumpenproletariat, staatlicherseits häufig zum beruhigenden Mindestkonsum subventioniert, trägt heute Jeans und Nikes und statt Branntwein trinkt es Red Bull. Das Verbot angeblich klimafeindlicher, konventioneller Glühbirnen gegen Energiesparlampen in der EU „erhellt“ diese Doppelstrategie. Die Energiesparlampen geben nicht nur schlechteres Licht, sie sind insgesamt umweltschädlicher als die alten Glühbirnen. Und die längst per Leistungszwang bzw. Angst um ihren Zeitvertrag eingeschüchterten Konsumenten? Statt gegen diesen Eingriff in ihre eigenen vier Wände anzuheulen, vermehren sie die allein durch eine Lobby ermöglichten riesigen Energiesparlampengewinne (Kleinvieh macht auch Mist).
Die Abschaffung der Glühbirne, dieses Symbols „fordistischer Aufklärung“, ist bezeichnend für ein neues Mittelalter mit seinen gleichsam religiösen Praktiken.
An Stelle der christlichen Erlösung ist z.B. die Hoffnung auf neue, saubere Energien getreten. Da der christliche Erlösungsansatz aber manchen finsteren Kollateralschaden nach sich zog, empfiehlt sich auch beim Heilsversprechen alternativer Energien eine gewisse Skepsis. Nach zwei von Wissenschaft und Technik geprägten Jahrhunderten lässt sich vermuten, dass, wäre die Energiefrage auf revolutionäre Weise lösbar, sie bereits gelöst wäre. Und die Alternativen zu den fossilen Brennstoffen – Wasserkraft, Batterien, Solarzellen – haben vermutlich ebenfalls einen „ökologischen Fußabdruck“, deutlich über Größe 38.
Eine weitere christliche Strategie ist die Verlagerung des gesellschaftlichen Problems ins Individuum, alsbald gefolgt von der Internalisierung der Schuld. Ablasshandel im Kleinen beim Obolus an Umweltorganisationen, bei der Montage von Wärmepumpen und Solarzellen, Verzicht beim Autofahren und bei Flugreisen, dafür aber Radfahren auf Karbongeschoßen. Vorsichtig atmen! Diese Versprechen erinnern an das bekannte Märchen. Den vom Verschlingen bedrohten Geißlein (uns) wird durch die Ankurbelung der Kreideproduktion – der Wolf braucht alternative Kreide für seine verführerische Stimme – versprochen, dass es mit ihrer Lebensbedrohung vorbei sei.
Im großen Maßstab Ablass sind die 100 Milliarden Dollar, mit denen man sich von den Ländern der Dritten Welt freikaufen will. Abgesehen von den gelegentlich in diesen Geberländern herrschenden politischen Strukturen, die erfahrungsgemäß das Versickern solcher Entwicklungshilfen begünstigen. Gebaut werden diese umweltfreundlichen Anlagen meist von ausländischen Firmen. Damit lässt sich der Versuch auch teils als Bestechung, teils als Subventionierung der Industriegeberländer sehen.
Eine klassische Variante des Ablasshandels sind auch die „Emissionszertifikate“.
CO2-emittierende Industrien erwerben von Industrien bzw. Ländern, die weniger in die Luft blasen, deren Verschmutzungsrechte. Seit dem erfolglosen Gipfel in Kopenhagen verzeichnen auch die Börsen einen leichten Rückgang. Da es auf dem Gipfeldesaster zu keiner bindenden Regelung gekommen ist, wird auch aus dem (gewiss einträglichen) Handel der Emissionspapiere nichts. Wie perfekt der Markt – nirgends reiner als in den Börsen verkörpert – alles regelt, hat er ja gerade während der letzten beiden Jahre gezeigt. Ich gebe keine Prognosen ab, schon gar nicht über die Zukunft. Das ökologische Himmelreich ist näher als man glaubt. Vorsichtig atmen.
WILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskriptepreis 2004, lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.
- Verfasser/in:
- Wilhelm Hengstler
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