Günter Eichberger
KEIN SCHAUHAUS
"Flachdach, Fensterbänder, Symmetrie, rechte Winkel, viel Glas, viel Leere, das ist Bauhaus, und genau dies ist ja bis heute der Inbegriff „moderner“ Architektur geblieben…"
Harald Martenstein
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Da es schon wieder Sonntag ist, will ich euch an den Bildschirmen wieder etwas erzählen. Und damit es euch auch sicher interessiert, wird es von Sex, Rock’n’Roll und Baukunst handeln. Mit anderen Worten vom seligen Bauhaus, das dieses Jahr seinen Neunziger begeht oder begehen könnte. Und so wird das Jubiläum von anderen begangen.
Was das Bauhaus war, muss ich euch nicht groß erzählen, das wisst ihr besser als ich. Ich werde euch also Randständiges berichten, von dem ihr vielleicht noch nicht gehört habt, was ihr möglicherweise gar nicht glauben werdet. Ich habe aber nichts erfunden. Wie es sich gehört für einen ernsthaften Sonntagsgeschichtenerzähler.
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Harald Martenstein hat unlängst in der „Zeit“ beschrieben, wie unerqicklich für ihn das Wohnen in einem Meisterhaus von Walter Gropius war. Schon nach einem Wochenende ist er wieder ausgezogen. Anders war es freilich nicht geplant. Denn der exemplarische Bau ist ein Museum.
Das Haus sei verwinkelt, habe zu enge Türen, im Bad hänge die Heizung – „als Bildersatz“ – an der Decke, die riesigen Fenster seien etwas für Exhibitionisten und würden nur von außen gut wirken, wie das ganze Haus auf Außenwirkung hin konstruiert sei. Das Schlafzimmer wirke wie ein Krankenhauszimmer, wegen der kahlen weißen Wände. „Da habe ich es immer noch besser getroffen als der Bauhaus-Lehrer Georg Muche, dessen Schlafzimmer von dem Inneneinrichtungs-Guru Marcel Breuer schwarz gestrichen worden war. Muche hat nach der ersten Nacht, zutiefst verstört, sein Schlafzimmer nie wieder betreten.“
Nur die Terrassen lässt Martenstein gelten, mit dem Einwand, dass diese wegen der niedrigen Brüstung für Kinder lebensgefährlich seien.
Alles in allem ein „ungemütliches Angeberhaus“. Wohnen sollte darin freilich nicht Martenstein, sondern der „neue Mensch“, den man unter Aufsicht der Bauhaus-Meister erschaffen wollte.
Natürlich habe ich versucht, Martensteins Angaben zu überprüfen. Ich wollte auch ein Wochenende oder zwei in einem Dessauer Meisterhaus verbringen. Vielleicht hätte das Haus auf mich ganz anders gewirkt. Auch hätte ich seine fragwürdigen Schätzungen, mutwilligen Geschmacksurteile und subjektiven Invektive durch akribische Messungen relativieren können. Mit Freuden hätte ich geschrieben: Nichts daran ist angeberisch. Das Funktionale ist das Schöne. Alles in der schönsten Ordnung. Auf das Wesentliche reduziert. Aber ich war in Dessau nicht willkommen. Vielleicht liegt etwas gegen mich vor. Oder man fürchtet neue Abrissarbeiten am Mythos.
„Tatsächlich verdankt sich der Bauhaus-Ruhm zum Großteil seinen Feinden“, meint Hanno Rauterberg, der zu dessen Freunden zu zählen ist. Kritisiert wurde das Bauhaus seinerzeit von Adorno („Konservenbüchsen“), Brecht („Kasernen“), Bloch („Flachdachwesen“) und von den Nationalsozialisten („Brandfackel Moskaus“). Letztere löschten die Fackel aus und vertrieben die Meister.
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„Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeiten ist der Bau“, hieß es im Gründungsmanifest von 1919. „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!“ Und so ist es nur konsequent, dass ein Baumarkt sich nach dem Bauhaus benannt hat. Denn das revolutionäre Ziel der Kunstschule war es, durch industriell gefertigte Produkte alle Bereiche des Alltags für die Masse aufzuwerten. Der Heimwerkermarkt als Erbe der Formmeister.
„Bauhaus“ war aber auch eine Band, die den düsteren Gothic-Rock erfand und in Vampirmasken auftrat. Eine Verbindung zur Kunstschule sucht man vergebens. Angeblich haben sich die britischen Musiker auf Mies van der Rohes Motto „Weniger ist mehr“ bezogen, aber durch Reduktion glänzt die Musik von „Bauhaus“ nicht wirklich. „Bela Lugosi is dead“ heißt die bekannteste Nummer der Band. Blutsauger und Werwölfe standen nicht Modell für den „neuen Menschen“ der deutschen Meister. Das Bauhaus ist kein Schauhaus.
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Berühmt war das Bauhaus nicht nur für seine strengen Formen, sondern auch für seine Feste, nach dem Zeugnis von Teilnehmern veritable Orgien, zumindest bei besonderen Anlässen. Wilfried Franks, der letzte lebende Bauhaus-Student, erinnert sich: „Alle Wände der Werkstatt waren mit Spiegeln versehen. Es gab Bierfässer auf Stelzen, an denen man sich bedienen konnte. Die Menschen, mit denen ich zusammen war, waren alle ‚praktische Idealisten’, das heißt, sie kämpften für ein Ideal, das wirklich erreicht werden konnte. So kannte ich sie, und nun waren sie hier, liebten sich in der Öffentlichkeit, tranken und schliefen mit dem Rücken an die Wand gelehnt, so betrunken waren sie. Und das dauerte den ganzen Tag über.“ Wer wäre da nicht gerne dabei gewesen? Kurz danach wurde die Schule geschlossen. Nicht aus sittlichen, sondern aus politischen Gründen. Marxismus war bei den neuen Machthabern noch unerwünschter als freie Liebe.
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Von allen guten und bösen, naiven oder grandiosen Menschheitsbefreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts steht laut Martenstein das Bauhaus imagemäßig am besten da. Das Bauhaus sei womöglich der „letzte Stil“, das Ende der Geschichte in einem ihrer Teilbereiche.
Das glaube, wer mag. Denn dann wäre ja auch diese Geschichte zu Ende.
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Aber gut, vielleicht ist das ja tatsächlich der Endpunkt. Bela Lugosi ist tot. Die Band „Bauhaus“ hat sich im Vorjahr wiedervereinigt und ist auf Tournee gegangen, was den Bauhaus-Gründern nicht gelingen dürfte.
Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.
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