CRAZY ROOMS
von Ruth Scheuer
FERNWEH
Ein ungewöhnlich heißer Nachmittag im Mai. Schauplatz: ein nettes, kleines Cafe in Uni-Nähe, ein lauschiges Platzerl unterm frisch erblühten Kastanienbaum, von irgendwo Stimmen junger Menschen, die sich in unterschiedlichsten Sprachen angeregt unterhalten. Es duftet nach exotischen Gewürzen und warmer Frühlingsluft, das kleine Gastgartenidyll ist bis auf wenige Schattenflecken in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Außer der unbequemen Sessellehne, die meinen Rücken nicht ganz so entspannen lässt, wie er es dringend nötig hätte, stört im Augenblick nichts. Und vielleicht ist es gerade das Nichtperfekte, das diese quirlige Lebendigkeit erzeugt, vielleicht sind es die chaotischen Hintergrundgeräusche, eine Mischung aus gedämpftem Verkehrslärm, Vogelgezwitscher und menschlichen Lauten, vielleicht ist es all das, zusammen mit den Merkwürdigkeiten des Vormittags. Dieser Tag ist nicht normal. Es liegt was in der Luft. Und es riecht nach Sehnsucht, es brennt wie Leidenschaft für etwas noch Unbestimmtes. Fernweh macht sich heimelig und die süße Versuchung eines Traumziels, das ich zwar noch nicht kenne, mir aber alles verspricht. Was gäbe ich für die Verwirklichung meines Reisetraums!
Nun ja, wenn es nach meiner Brieftasche geht, kann ich keine sensationellen Sprünge machen, was mich aber keineswegs am Träumen hindert, im Gegenteil, die Aussichtslosigkeit lässt mich immer kühnere Bilder malen, darin war ich immer schon gut. Im Ausmalen von Phantasien. Und schon lande ich mitten in einem Spiel mit mir selbst. Was wäre JETZT meine ultimative Urlaubsdestination? Was entspräche meiner derzeit völlig ungewissen Situation, den skurrilen Dingen, die mir in letzter Zeit passieren. Einerseits scheint alles möglich zu sein, andererseits, betrachtet man es nach der Kritik der reinen Vernunft, nichts. Zwischen alles und nichts male ich mir jetzt mein Traumziel und weil es gerade so schön ist, kommt nun auch mein Notizbuch für die privaten Angelegenheiten wieder einmal zu seiner Ehre. Da haben Wünsche immer Platz. Und die meisten davon bleiben auch dort, also geheim.
ANDERS REISEN – ANDERS WOHNEN
Das Thema aber hat mich auch noch zuhause in den Bann gezogen und so machte ich mich auf die Suche nach den ungewöhnlichsten, abenteuerlichsten, skurrilsten, schicksten Destinationen, Hauptsache anders, so crazy wie nur möglich. Von den „normalen“ Urlaubszielen erfährt man in Reisebüros und bunten Katalogen ohnehin genug. Aber die Individualisten, Träumer, Denker, Künstler und sonstigen Verrückten sind von Zeit zu Zeit an anderen Perspektiven interessiert. Sie wollen tiefer eintauchen in die Welt da draußen, die zwischen all den katastrophalen, aber auch wundervollen Aspekten auch noch jede Menge charmanter Verrücktheiten für uns bereit hält. Der Phantasie sind wirklich absolut keine Grenzen gesetzt!
Sein Panorama selbst bestimmen kann man beispielsweise in einem LUXUS-KRANHOTEL IN DEN NIEDERLANDEN. Luxus und Kran? Ja, das geht zusammen. In einem ehemaligen Beladekran im Hafen von Harlingen befindet sich ein Minihotel, das alle Stückerln spielt. Designermöbel, Minibar, audiovisuelle Technik, eine windgeschützte Dachterrasse, wo man ein erhabenes Frühstück mit Meerblick genießen kann. Und dieser Hotelwahnsinn in luftiger Höhe lässt sich auch noch selbst steuern. Fünfundsechzigtausend Kilo Stahl setzen sich durch Bedienung einfacher Hebel in Bewegung. Der männliche Hotelgast kann hier endlich seinen Bubentraum verwirklichen und macht damit vielleicht sogar noch seine Familie glücklich.
Andere, nicht minder aufregende Hochgefühle kann man auf ca. 10 m Höhe in BAUMHAUSHOTELS erleben. Das angeblich erste und verrückteste ist 2005 in Deutschland auf der Kulturinsel Einsiedel im Ortsteil Zentendorf bei Görlitz nahe der polnischen Grenze erbaut worden. Seither sind dem einen noch sieben weitere hinzugefügt worden – sie tragen klingende Namen wie Fionas Luftschloss, Bergamos Gästenest, Butzelmutzens Geisterhaus und sind dementsprechend individuell eingerichtet. Blümchentapete in Fionas Haus, Mystisches im Geisterhaus und allerlei mehr. Sitzecke, Schlafnische und Minitoilette sind Grundausstattung. Ein Highlight ist morgens die Höhen-Schock-Dusche mit Freilufttrocknung. Nichts für Warmduscher. Übrigens gibt es auch in der guten Steiermark, nämlich in Ligist, ein Baumhaushotel.
Auch nichts für Komfortgewohnte sind die GEFÄNGNISZELLEN DES ALCATRAZ HOTELS am Japanischen Garten in Kaiserslautern. In der früheren Justizvollzugsanstalt können Hotelgäste für „nur“ 45 Euro pro Nacht Knastluft schnuppern. Die insgesamt 58 Zellenzimmer sind mit echten Gefängnisbetten ausgestattetet, ein Pyjama im Streifendesign und das Gefängnisfrühstück sind im Preis inbegriffen. Extravagant auch die „tolle“ Zusatzausstattung: WC und Waschbecken auf dem Zimmer, Sammelduschen auf der Etage. Wer vielleicht was Schwerwiegendes abzubüßen hat, liegt hier goldrichtig. Für Manager der oberen Etagen ein prickelndes Erlebnis! Wer übrigens glaubt, dieses „Hotel“ ist ein Einzelfall, liegt völlig falsch. Gefängnishotels scheinen in zu sein. Wer´s noch extremer braucht, kann beispielsweise im Liberty Hotel in Bosten einchecken oder im Four Seasons in Istanbul. Namen sind hier Schall und Rauch.
Eine weniger sträfliche Wohnmöglichkeit bietet seit heuer ein ausgedienter JUMBO-JET AM STOCKHOLMER FLUGHAFEN Arlanda. In der Boeing 747 ist Platz für bis zu 85 Gäste, das Cockpit wurde zu einer "Suite" umgebaut. Frühstück wird am Tablett serviert, man will schließlich authentisch bleiben. Flugzeug ist Flugzeug. Die Preise liegen unter denen, die man am Flughaften für „normale“ Unterkünfte zahlt.
Wer weniger zu wildromantischer Abenteuerlichkeit neigt und sich wirklich schöne, luxuriöse Verrücktheiten leisten will, die keine Wünsche offen lassen, wird weltweit bestens bedient. Auch hier nur eine kleine Auswahl von wunderschönen Destinationen für den Träumer mit der Golden Card.
Wir reisen nach MEXICO an die Pazifikküste, wo uns Romantik pur in Gestalt des Resorts „HOTELITO DESCONOCITO“ mit zehn Bambushütten auf Pfählen erwartet. Der wahre Luxus: ein paradiesischer Blick auf die Lagune und den endlosen rosa Strand, die mit Kalk und Schlamm verputzten Hütten, individuell und sehr stilvoll mit mexikanischen Antiquitäten eingerichtet, dekoriert mit naiven Indio-Motiven. Fernseher und Telefon sind Fremdkörper in diesem Idyll, darauf verzichtet man auch liebend gerne. Dafür hat man bunte tropische Vögel, urzeitliche Riesenschildkröten, Palmen, Hibisken und Bananenstauden vor der Haustür. Und dazu noch Dampfbäder, Massagen und einen Room-Service, der sich mittels einer roten Flagge am Dach herbeizitieren lässt.
Im MAKALALI-RESORT IN SÜDAFRIKA kann man ebenfalls in Hütten logieren, die höchsten Komfort bieten und gleichzeitig dem kulturellen Ursprung des Landes entsprechen. Hier sind Architektur und Einrichtung inspiriert von schwarzafrikanischen Kulturen. Steile, kegelförmige Dächer aus Stroh und Palmblättern. Die Löwen liegen angeblich gleich nebenan. Man glaubt, sie knurren zu hören, wenn man sich nach der Safari in sein Baldachin-bedachtes Bett fallen lässt – oder in die auf Löwenfüßen stehende Badewanne steigt.
Nach Mexico und Südafrika bietet sich ein weiteres Reiseziel an, das den nach Traumurlaub Lechzenden endgültig vor Sehnsucht dahinschmelzen lässt. Es liegt in MALAYSIA im Urwald der Insel Langkawi und verführt mit dem klaren Design einer Bungalowanlage, die an asiatische Tempel erinnert, und einen herrlichen Kontrast zu dem rundum üppig wuchernden Regenwald bildet. „THE DATAI“ ist eine Oase der Ruhe, mit äußerst edlem Interieur nach minimalistischem Stil. Das nahegelegene vorzügliche Thai-Restaurant steht auf Stelzen und ragt über die Gipfel des Regenwaldes empor. Anziehungspunkt nicht nur für Gourmets der Extraklasse, auch Makakkenaffen treffen sich gerne an diesem Ort zum Stelldichein – ein amüsantes Privattheater für die Gäste. Gerade richtig, falls die Fülle an Luxus und Schönheit zu kippen droht in den fahlen Beigeschmack der Langeweile.
Die Liste der ungewöhnlichsten Übernachtungsvariationen ließe sich beinahe endlos fortsetzen: Leuchttürme, Spukschlösser, Plattenbauhotel im DDR-Retrostil, Bergwerksilo, Weinfass, Köhlerhütten, Fußballstadion, Giraffenschloss, Zimmer unterm Kirchdach, im erotischen Liebesnest ...
ANKOMMEN IN DEN EIGENEN CRAZY ROOMS
Wieder auf dem harten Boden der Realität gelandet? Angekommen in der eigenen 08/15-Behausung? Das muss nicht sein! Lassen wir uns doch inspirieren von den mutigsten, ungewöhnlichsten, charmantesten Plätzen und gestalten unsere eigenen Phantasieräume. Sozusagen maßgeschneidert auf die eigene, einmalige Persönlichkeit. Es muss nicht gleich hohe Kunst sein, allein die mutige Umsetzung einer kreativen Eingebung kann genügen, um den Staub des Alltags von der Seele zu waschen. Es muss ja nicht gleich die geheimnisvolle Burg sein oder die Villa am Meer (tröste ich mich), es genügt vielleicht eine zarte Andeutung, die Begeisterung weckt, ein schöner Gedanke, der die Sinne beflügelt und damit eine Kreation entstehen lässt, die uns erfreut, wenn wir morgens aufwachen.
Das wohlige Gefühl, daheim angekommen zu sein, hat auch damit zu tun, wie sehr unsere Wohnung uns selbst widerspiegelt. Und wer möchte schon eine durchgestylte Katalogpersönlichkeit sein? Wenn wir dagegen auch zu unseren charmanten kleinen Eigenheiten stehen, kann sich das durchaus positiv auf unser Umfeld auswirken. Sowohl auf die eigenen vier Wände als auch auf das Familienleben. Wir müssen uns nur gegenseitig unsere Unverwechselbarkeit zugestehen, dann finden sich auch gemeinsame Wohnwege. Daheim wie auf Reisen.
RUTH SCHEUER
LEBT in Graz.
ARBEITET als freie Autorin, Lektorin und Bildgestalterin.
LIEBT Kunst, Natur und Freiheit, Menschen, die das Staunen nicht verlernt haben, magische Orte, abendliche Spaziergänge und mehr …
KONTAKT: ruth.scheuer@tele2.at
- Verfasser/in:
- Ruth Scheuer











