Urlaubsbilder aus der Vorzeit
Ein Bericht aus Nimmerland
von Emil Gruber
Vereinzelt tauchten in letzter Zeit Kritiken auf, manche Themen im GAT würden sehr oberflächlich behandelt. Dazu möchte ich gerne auch wieder ein Scherflein, wenn nicht gar einen ausgewachsenen panesken Scherf, beitragen.
Das Glück des Fotografen liegt ja zum Großteil darin, sich mit Oberflächen auseinandersetzen zu müssen - und zu wollen. Natürlich haben wir auch eine Idee, einen Anspruch, wenn nicht sogar ein ganzes Konzept in unserem Innersten, bevor wir den Finger auf den Auslöser legen. Aber was wir produzieren, bleibt flach und matt oder glänzend dazu, eine mögliche Dreidimensionalität und Tiefe wird erst durch das Wohlwollen des Hirns und Auges eines Betrachters erzeugt.
Zusätzlich sind Fotografen, auch wenn ihr Werk nach Vielfalt aussieht, seit jeher die heimlichen Meister der Zensur. In jedem Bild schneiden wir an vier Seiten die Wirklichkeit ab und liefern nur einen gerahmten Rest. Natürlich stellen wir nach außen den Anspruch von Wahrhaftigkeit und Eindeutigkeit unseres Handelns. Trotz, aber auch wegen ständiger negativer Entwicklungen sind wir immer motiviert, randvoll mit Objektivität, wir machen sichtbar, wir beleuchten, wir entwickeln. Nicht selten liefern wir Ware von nachhaltiger Größe und im digitalen Zeitalter sogar umweltverträglich, ohne Konservierungsstoffe.
Welche Kontraste wir aber verändert haben, wo wir unsere Aussage etwas nachschärften, das bleibt unser Geheimnis.
„Ein Bild lügt nicht“, war ja über fast eineinhalb Jahrhunderte in der Vorphotoshopära eine gültige Weisheit, sieht man von der Mode- und Lebensmittelfotografie oder dem nach und nach Verschwinden von politischen Personen auf Fotos in Zeiten Stalins ab. Dass Filmstars auch Pickel kriegen und morgens um sechs nicht immer vorteilhaft aussehen, weiß jeder, ebenso, dass jahrelanges Wohnen im zu verkaufenden Haus Spuren an der Bausubstanz hinterlassen hat.
Trotzdem bleiben noch viele Rätsel. Das Mysterium der Propagandafotos zum Beispiel, konkret der Untergruppe Familienstrandurlaubskatalogaufnahmen.
Zuerst aber noch ein paar terminologische Fachbegriffe. Familienstrandurlaub ist jene Art von Urlaub, bei dem man fortfährt, ohne eigentlich fortzufahren. Infrastruktur, Ernährung, keine Erholung, Entertainment, Nachbarn, alles bleibt gleich, nur mit Meer.
Das lateinische Wort „propagare“ (verbreiten, ausdehnen, fortpflanzen) und Familienurlaub passen ja in vielerlei Hinsicht und unterschiedlichster Interpretation gut zueinander (so mancher März- oder Aprilgeborene kann das bestätigen). Selbst Tacitus, dessen Schriften einigen unter uns in der Jugend unzählige Sonnenstunden raubten, meinte einmal: „…etiam terminos urbis propagare datur.“ Ob mit der hier erwähnten Ausweitung der Stadtgrenzen Tacitus als Visionär schon die spätere sukzessive Umformung von niedlichen Fischerdörfern in Urlauberhochburgen vorausgesehen hat, bleibt aber nach Tourismusexpertenmeinung pure Spekulation. Aber genug dieser römischen Ausschweifungen.
Jeder, der sich schon einmal durch hunderte Seiten von Urlaubskatalogen durchgekrault hat, kennt die Botschaften der dort gezeigten Bilder. Alles perfekt, sauber, strandnah, und Stille liegt auch noch über dem Land. Auffällig bei dieser Form der Fotografie ist die Aufgeräumtheit. Kaum sind Bilder zu sehen, auf denen der Strand in einer Flut von brutzelnden Körpern und einem Sonnenschirmurwald versinkt, die Hotelbalkone sich als ein schrilles Mosaik von trocknenden Badetüchern zeigen und das Innere von Restaurants stark unkontrollierter Pferche von Massentierhaltungen ähnelt.
Die richtige Antwort auf diese ungestellte Frage lautet: Vorsaison.
Die Zeit also,in der ein Urlaub noch das Jungfernhäutchen hat, die Wirte irritierend freundlich und eigenartig geduldig sind, kein Concierge abfällig lächelt, weil man nur drei Tage bleiben will, die Parkplatzvielfalt an vorfordsche Zeiten erinnert und der kontemplative Muschelklauber am Strand hochschreckt, wenn er Schritte hinter sich hört.
Zusätzlich zu diesen Feld- und Sozialstudien, die für den risikoscheuen Normeuropäer ein ebenso selten zu beobachtendes Phänomen darstellen wie die Vogeltränen trinkenden Schmetterlinge aus Madagaskar, findet aber in dieser Zeit noch ein größeres, bedeutenderes Schauspiel statt.
Nehmen wir einmal folgendes, dreitägiges Szenario an:
Wir befinden uns eines Apriltags an einem regulären Arbeitstag an der oberen Adria in einem ehemaligen Bischofssitz, der im frühen Mittelalter seine Hochblüte erlebte, dann durch die Jahre vom Schicksal schwer gebeutelt wurde und in der Nachkriegszeit des zwanzigsten Jahrhunderts seine neue Bestimmung als eines der Hauptsolarien für den vom Wirtschaftswunder erbleichten Alpenländler erfuhr.
Nennen wir den Ort Caorle.
1.Tag
Der Padrone vom ersten offenen Strandcafe hat sich gerade, nachdem du ihn mit deinem Erscheinen kurz außer Fassung gebracht hast, zu dir gesetzt, nippt an seinem Espresso, während er dir zu deinem im Sonnenlicht golden leuchtenden Aperol auch noch eine seiner eigenen Zigaretten anbietet. Dein Blick schweift übers weite Meer, über den menschenleeren Strand. Eine leichte Brise weht. Stille.
2.Tag
Padrone, Espresso, Aperol, Zigarette, Sonne, Brise, Meer, alles unverändert. Bis auf Strand und Stille. Mächtige Walzen bügeln nun plötzlich den Strand faltenlos, gut gebaute, aber noch badehosenfreie Männer bohren dahinter symmetrisch und abstandsexakt unzählige Löcher in den Sand. Hier und da ist jetzt ein Raunzen zu hören, wenn hinter dir in den „mit Meerblick“-Hotels Jalousien hochgehen und sich Monate lang geschlossene Fenster öffnen. Ein leichter Modergeruch mischt sich jetzt unter die Meeresbrise. Auf der Villa Bruna haben sich plötzlich alle Balkone gefüllt – mit Matratzen, die zum Lüften eine kurze, aufrechte Freiheit erleben. Überall sind nun weitere Arbeiter zu entdecken, die Geländer und Fenster neu streichen, Außenflächen reinigen oder Pergolas mit frischen Pflanzen behängen.
3.Tag
Padrone, Espresso, Aperol etc. Die Matratzen befinden sich jetzt wieder in der inneren Horizontale, die Balkone sind gewienert. Das Geländer der Freitreppe zum Pool des Rivamare leuchtet in frischem Grün. Alleen von Sonnenschirmunterteilen sind über Nacht aus dem Sand gewachsen. Unübersehbar stapeln sich jetzt an den Rändern des Strands Liegestühle, fein säuberlich nach Farben getrennt, um später auch dem richtigen Abschnitt zugeordnet werden zu können. Auch die Türmchen für die Rettungsschwimmer stehen wieder. Die ebenso am Strand aufgereihten Tretboote liegen nun nackig ohne Abdeckungen da. Neben dem italienischen Speisekartenaushang der Taverna Caorlina hängt nun auch druckfrisch in der bekannten grammatikalischen Eleganz die deutsche Variante.
Der regelmäßige Wiederaufbau der Saison ist im Plan. Die Sonnenölbarone und -baronessen werden wieder ihr gewohntes Déjà-vu vorfinden.
Warmes Spätnachmittagslicht lässt nun auch die Fassaden der gelifteten Hotels in einer Art natürlicher Schönheitschirurgie plastischer erscheinen.
Das ist die Stunde des Katalogfotografen – wenn auch diese Aufnahmen erst in der Ausgabe für die übernächste Saison das Ferienpheromon auslösen werden. Aber welcher Bildermacher würde nicht von sich behaupten wollen, vorausschauend zu arbeiten?
Fotos: Emil Gruber
EMIL GRUBER
lebt in Graz
Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger.
KONTAKT: katmai@aon.at
- Verfasser/in:
- Emil Gruber
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