sonnTAG 282

Tapetenarchäologie oder Wie persönlich ist ‚objektive’ Geschichtsschreibung?

07/06/2009

EVA MOHRINGER-MILOWIZ

Tapetenarchäologie oder Wie persönlich ist ‚objektive’ Geschichtsschreibung?

Viele Jahre lang, bis ca.1989, befanden sich im Erdgeschoss des Hauses Burggasse 9, dem ehemaligen Palais der Grafen von Dietrichstein, das sich derzeit im Eigentum des Landes Stermark befindet, in gemütlichen Gewölben wechselnde Gaststätten, zuletzt die beliebte ‚Opernweinstube’ und das Chinarestaurant ‚Hai Tin’.

Vor dem Umbau zum Palais (Stadtschloss) standen hier an der Stadtmauer drei Renaissancehäuser (16.Jahrhundert). Im Hof sind Reste, wie Giebelformen und Fensterrahmungen noch zu erkennen. Eine spätbarocke Stiegenanlage (1760) führt in einen (wenig genutzten) barocken Prunksaal mit Stuck und Deckengemälden im Obergeschoss. Die straßenseitige Eingangshalle wurde schon 1864 für das Lokal im Erdgeschoss von der Treppenanlage abgemauert.

1999 suchte ein junges Ehepaar beim Landeskonservatorat für Steiermark um eine Genehmigung für den Umbau des Lokals zu einer südamerikanischen Weinstube namens ‚Latinos’ an. Diesmal wurden die Räume erstmals einer gründlichen Sanierung unterzogen. Man riss die bestehenden Tapeten herunter. Dabei löste sich eine Folge von Schichten, die nachfolgend beschrieben wird:

Als erste dienten Jutegewebe, später gelesene Tageszeitungen als Unterlagen und zum Ausgleichen von Wandunebenheiten. Mit den datierten Zeitungen kann das Alter der Papiertapeten ziemlich genau datiert werden.

Die Schichtenfolge der Wandoberflächen (von 1 bis 7 Papiertapeten) von heute zurück bis in die Entstehungszeit des Gebäudes sieht so aus:

01 Hirschdekor 1970, die zeitlich uns nächste Schicht

02 Bunter Dekor ca.1960

03 Märchentapete ca.1950

04 Weiß in sich gemustert und strukturiert

05 Blümchendekor ca.1940

06 Weiß in sich gemustert

07 plastische Bastgewebeimitation ca. 1939

08 Zeitung ‚Tagespost’ vom 8.Dezember 1939

09 Grobes Jutegewebe

10 Kalkputz mit Kalkanstrichen in mehreren Schichten bis ins 17. oder 16. Jahrhundert.

Die ‚Tagespost’ vom 8. Dezember 1939:

Eintauchen in diese Zeit, in eine andere Gegenwart.

Die Gegenwart verschiebt sich beim Lesen in die Zeit des Jahres 1939.

Das damalige Leben in großen und kleinen Details wird plötzlich präsent.

Krieg, Leben, Tod, Theater, Partnersuche, Partei, Werbung.

Die Details erzeugen die Geschichte jedes Einzelnen.

‚Geschichte’ und die ‚Vielschichtigkeit’ des NS-Regimes

Es gibt so viele Geschichtswirklichkeiten wie subjektive Wirklichkeiten, wie Wahrheiten, wie Menschen.

Jeder sieht sich als Bezugspunkt, als Mittelpunkt der Wirklichkeit, der Geschichte.

Daher ist eine objektive Geschichtsschreibung unmöglich:

Da jeder selbst ein Teil der Geschichte ist, ist es uns nicht möglich, die Geschichte von außen, das heißt, „objektiv“ zu beurteilen.

Vergangene Geschichte kann in der Gegenwart nur mithilfe von Millionen verschiedener, subjektiver Überlieferungen beurteilt werden. Eine eindeutig objektive Beurteilung von Geschichte scheint unmöglich zu sein.

Aber gewisse Tatsachen und Fixpunkte stehen fest.

Der (die) Mächtige versucht mithilfe der (hier gefundenen) Tagespost vom 15. Dezember 1939 eine ‚Wirklichkeit für Alle’ zur Gegenwart zu machen.

Der (die) Mächtige versteckt sich hinter jedem Wort. Er (sie) verfärbt jede Wirklichkeit (Tatsache) mehr oder weniger persönlich und stellt sie als einzige Wahrheit hin. Das geschriebene Wort ist die ‚Wahrheit’.

Wie werden wir unsere heutige, von der Politik und vor allem von der Wirtschaft vorgegebene Wirklichkeit morgen sehen?

Wie weit können wir uns aus der uns umgarnenden Wirklichkeit - Beeinflussung herausziehen, aus unserem eigenen Abstand sehen, was geschieht?

Jedes Medium erzählt eine andere Gegenwart, eine andere Wahrheit.

Auch aus den Tapeten kann man lesen, kann daraus Kultur und Gesinnung des Mediums und der Zeit erkennen.

In beide Richtungen, vom Heute nach Vorgestern und vom Damals nach Heute.

Man kann mit den Zeiten jonglieren, kann sie durcheinander bringen. Die realen Ereignisse und Auswirkungen verändern sich dadurch nur geringfügig. Erst aus einem ‚sicheren’ Abstand wird die Manipulation leichter erkennbar.

Mit der Zukunft zu jonglieren ist einfacher und schwieriger zugleich, aber es ist möglich und sollte getan werden!

Mit welcher Tapete werden wir uns morgen umgeben, mit welcher vorgestern?

Man könnte sich auch morgen mit der Tapete von vorgestern umgeben. Wie weit würden sich die Gefühle von morgen nach vorgestern verschieben?

Denn auch Farben, Formen, Muster, Bilder beeinflussen unbemerkt Stimmungen.

Worte, schwarz auf weiß, wirken direkt auf unser Gehirn ein und lösen Empfindungen aus:

„Die Frau im Faschismus…, unsere Amazonen…, der NSV hütet unsere Jugend…, Kriegsberichte, Todesstrafe, Hinrichtung, NSDAP, älteres Fräulein sucht liebenswürdigen, stolzen…., usw.

Ich versinke beim Lesen der Tagespost in dieser Zeit.

Es ist die Zeit, die Stimmung meiner Zeugung, meiner Geburt. Ich habe im Bauch meiner Mutter ihre Gefühle, ihre Ängste miterlebt, unbewusst…

Diese Ängste haben mein Leben später oft und mir lange unverständlich, gelenkt und beeinflusst.

Ein Sirenenton rief Herzklopfen und Atemnot hervor, vor Menschenansammlungen und Militär fliehe ich instinktiv.

Die im Jahre 2000 gefundene Tageszeitung von 1939 zieht mich jedoch mit Heftigkeit in diese Zeit hinein und hält mich in ihrem Bann. Alles wird unbewusst bewusst beim Lesen dieser Zeitungsfetzen, die während meiner Tätigkeit als Denkmalpflegerin plötzlich im Staub des Bauschutts auftauchen.

„Und was ist nun daran ‚Kunst’?“

Vielleicht ist hier die ‚Kunst’ das Schauen, Sehen, sich Bewusstmachen, Erkennen, Nachdenken, und der Versuch, Andere darauf aufmerksam zu machen, nachdenklich zu machen, den ‚Zeitgenossen’ etwas, vielleicht in dieser Art Neues, bisher „Übersehenes“ zu zeigen.

Vielleicht ist es, das Erkannte in unsere Zeit einzugliedern, ihm jetzt einen Platz zu geben.

Auch Kunst ist subjektiv, wie jede Wahrheit.

Diese Vergangenheit, die eine Gegenwart war, eine Gegenwart von Menschen aus unserer eigenen, heutigen Gegenwart, von Menschen, die uns nahe stehen, die Macht über uns hatten oder haben, uns beeinflussten oder uns noch zu beeinflussen versuchen.

Menschen, die wir durch das Lesen dieser Zeitungsfetzen anders als vorher sehen, verstehen, und mit denen wir nun vielleicht anders umgehen können.

Ihrer damaligen Gegenwart können wir dadurch in unserer heutigen Gegenwart vielleicht den für uns richtigen Platz geben.

Auch das sollte (könnte) ein Teil der Tätigkeit (Aufgabe) des Denkmalpflegers und des Künstlers sein:

Das Lesen im und am Denkmal, zu verstehen versuchen und das Verstandene mitteilen.

Also Tapetenarchäologie ist, Stufe (Tapete) für Stufe (Tapete) in die Vergangenheit steigen (wie ‚Alice In Wonderland’)

Von 2008 über 1970, 60, 50….bis zum 8. Dezember 1939. Dort verweile ich lange

Plötzlich fällt mir ein: das ist noch nicht das Ende:

Jetzt fängt erst die Treppe der Mal- und Putzschichten an, die bis zu dem Steinmauerwerk aus dem 16.Jahrhundert führt, vor der Zeit der Entstehung des Palais (bei uns das Schloss in der Stadt).

Hier fehlt mir die Möglichkeit, fehlen mir die Sinne, um aus dem Mauerwerk über die Menschen und deren damaliger Gegenwart zu lesen. Das überlasse ich Historikern und Archäologen.

Die energetischen Abdrücke der vergangenen Ereignisse sind und bleiben, auch wenn sie unter Tapeten versteckt sind, erhalten – überall um uns. Vielleicht können sie irgendwann einmal gelesen werden.

Nach dem Lesen der Zeitung steige ich aus meiner Zeitverschiebung wieder in die Gegenwart und sehe diese vielleicht näher an eine objektive Wahrheit gerückt.

Eva Mohringer-Milowiz:

Geboren in Hatzendorf, Gymnasialzeit in Köln und Graz, Architekturstudium bis 1970, seit 1970 Mitarbeiterin im Bundesdenkmalamt, 1970-71 Stipendium in Paris, 1973 und 1999 Mitarbeit bei den Ausgrabungen in Ephesos.

Zwei erwachsene Kinder.

Fotografie mit Selbstausarbeitung seit dem sechsten Lebensjahr, Teilnahme an der Photokina in Köln 1956 und 1958.

KONTAKT: evamohringer@gmail.com

Verfasser/in:
Eva Mohringer-Milowiz

Weiterführende Links

sonntag_neg_154.jpg
sonnTAG 236
sonntag_282__1_a_burggasse_79_img_0793.jpg
Burggasse 9
sonntag_282_1_cimg7100a.jpg
Baustelle Herrengasse 3, das ‚Gemalte Haus’
sonntag_282_2_herrengasse_3_gemaltes_hauscimg8622a.jpg
Baustelle Herrengasse 3, das ‚Gemalte Haus’
sonntag_282_3_schichtentrennung_cimg7415a.jpg
Mit Wasser wird der Leim gelöst, um dann mit dem Skalpell vorsichtig die Papierschichten zu trennen
sonntag_282_4_wand6a.jpg
Hirschdekor, ca. 1970 (Burggasse 9)
sonntag_282_5_wand21a.jpg
Märchentapete ca 1960 (Burggasse 9)
sonntag_282_6_me_21.2.2009_013a.jpg
freigelegte Tapete am Eingang zum ehemaligen Antiquariat am Kaiser-Josef-Platz
sonntag_282_7_wand1a.jpg
Dekor der 1950er Jahre in der Burggasse 9
sonntag_282_8_wand12a.jpg
Blümchendekor der 1940er Jahre in der Burggasse 9
sonntag_282_9_schloss_kirchberg_am_walde_img_1740a.jpg
Tapetenschichten im Rokokoraum des Schlosses Kirchberg am Walde (Bez. Hartberg)
sonntag_282_10_cimg8210a.jpg
Die Tagespost vom 8. Dezember 1939 als Ausgleichsunterlage unter den folgenden Tapetenschichten
sonntag_282_11_cimg8530a.jpg
‚Parteiamtliches Organ des Gaues Steiermark der NSDAP’
sonntag_282_12_cimg8319a.jpg
‚Ein willkommenes Geschenk für unsere Soldaten an der Front!’
sonntag_282_13_cimg8293a.jpg
‚Teufelsspuk in TIBET’
sonntag_282_14_cimg8314a.jpg
‚Frau und Faschismus’
sonntag_282_15_cimg8218a.jpg
‚..er war ein strammer, deutscher Mann…..’
sonntag_282_16_cimg8212a.jpg
... ‚Aus Hass und Gewinnsucht arbeiteten sie mit dem britischen Geheimdienst’...
sonntag_282_17_cimg8232a.jpg
‚Hol di…die Großschot!’
sonntag_282_18_cimg8196a.jpg
‚Als arisiert gilt ein Haus- oder Grundbesitz erst nach Eintragung im Grundbuch.’
sonntag_282_19_freilegungstreppe_von_putzschichten_sporgasse_16_cimg0634a.jpg
Freilegungstreppe von Putzschichten im Haus Sporgasse 16. Fotos: Eva Mohringer-Milowiz

Artikelempfehlungen der Redaktion