Günter Eichberger
OHNE HÖRNER, OHNE ZORN
Gustav Ironimus Peichl, karikiert
1
Das Karikaturenmuseum in Krems sieht selbst wie gezeichnet aus. Wenn auch nicht mit dem zittrigen Strich von Ironimus. Es hat ein Dach aus verwackelten Zacken. In diesem Bau kommt zusammen, was bei Gustav Peichl zusammen gehört: Architektur und Karikatur – oder Architektur als Karikatur?
In meiner Kindheit gab es zu Silvester einen Jahresrückblick, gezeich-net und kommentiert von Ironimus. Wobei, wer sich so nennt, eines sicher nicht ist: ironisch. Als Kind wunderte ich mich, was denn an den Zeichnungen dieses kleinen, dicklichen Mannes mit der betuli-chen Diktion so lustig sein sollte. Er war wie ein Lehrer mit seinem Stift statt eines Rohrstocks und stellte dar, was die ihm seltsam unter-geordneten Amateure von Volksvertretern alles an Lächerlichkeiten anzustellen wussten. Als würde er die Wirklichkeit vorgeben, als würden alle nach seinem Stift tanzen, stolpern und hinfallen.
Und auch heute, wenn ich mir all die Dutzenden Höhepunkte seines Zeitzeichnens, seiner strichlierten Zeitgenossenschaft ansehe, frage ich mich, wen das wohl erheitern soll. In einer Diskussion über Gren-zen des Geschmacks im Humor hat Peichl vor Monaten gemeint, er könne an Grissemann und Stermann nichts Komisches finden. Ver-mutlich verhält es sich umgekehrt ähnlich. Vielleicht ist das Humor-verständnis auch etwas Generationsspezifisches. Oder der Humor eine harmlose Krankheit, die nicht jeden befällt.
Und so verstehe ich gar nicht, warum ich heute über jemanden schrei-be, mit dem ich im Grunde nicht viel anzufangen weiß. Würde ich ihn karikieren, müsste er vor einem Stück Torte in Form der ORF-Studios sitzen und es mit allen Anzeichen des Widerwillens zitternd und bebend hinunterwürgen.
Aber vielleicht ist das Schreiben über einen anderen ohnehin nur Vorwand, wieder einmal sich selbst als Figur zu entwerfen. Und viel-leicht müsste es möglich sein, aus sich und dem anderen eine Art Un-geheuer zu machen, eine Selbstzeugung, in der beide auf schreckliche Weise enthalten wären, mit ihren jeweils abstoßendsten Eigenschaf-ten. Peichl in seinem professoralen Biedersinn, seiner merkwürdigen Ernsthaftigkeit, seinem milden Tadel, seiner auffallenden Ironiefrei-heit, ich mit allen blinden Flecken, durch die ich mich nicht erkennen kann.
Der Ironimus ist etwas, das erst gezeichnet, gebaut werden muss. Mit leichtem Tremor. Mit verbundenen Augen. Mit einem gewissen inne-ren Schauder. Als wäre man ein Kind, das zu einem Spiel verpflichtet wird, das es nicht spielen mag.
2
In seine Zeichnungen hineinzeichnen. Da einen Hitlerbart, dort einen Zahn schwarz färben, ganze Figuren auslöschen. Aber auch seine Aussagen verfälschen, ihm Worte in den Mund legen, die er nie in den Mund genommen hätte, ihn mit der Stimme von Christoph Grissemann synchronisieren, plötzlich klingt er, als wenn er nicht mehr zurechnungsfähig wär.
Statt „Architekt ist ein universeller Beruf“ sagt er „Architekten müs-sen polymorph pervers sein“. Oder er flucht einfach. Wie ein Bauar-beiter, dem ein Ziegel auf den Zeh gefallen ist. Erzählt lauter Indiskretionen über „diese Kretins von Kollegen“. Lässt kein gutes Haar an Hollein, mokiert sich über die Frisur von Holzbauer. Nennt Deix eine Garnitur gebrauchter Unterhosen, Haderer einen Prater-Hutschenschleuderer, Murschetz einen überschätzten Falschmünzer. Er selbst sei konkurrenzlos, da Professor.
Dazwischen immer wieder Originalsätze, seltsame Urteile über die Knallchargen der österreichischen Innenpolitik, er nennt etwa die e-hemalige Gesundheitsministerin Kdolsky eine Bereicherung, spricht von seinen persönlichen Bekanntschaften mit den Mächtigen, die er beim Dinieren studiert, damit er ihre Wesensart via physiognomische Verzerrung besser zum Ausdruck bringen kann.
Er legt sich unter den Tisch der Bundesregierung und zeichnet, was er aus dieser Perspektive sieht. Karikatur von unten.
3
Er habe keinen Bezug zur Größe, sagt er, er sei mehr ein Clown. Und sofort klatscht ihm eine Torte ins Gesicht. Was für eine Sorte Clown? Der vornehme Weiß-Clown, der brachiale Dumme August? Jeder Zir-kus würde ihn abweisen.
Prinz Charles habe mit seiner abschätzigen Einschätzung der postmo-dernen Architektur im Prinzip recht gehabt. Da wäre es doch nahe lie-gend, wenn Peichl den Buckingham Palast umbauen würde. In Lon-don gäbe es viel zu tun. Wenn nur die lästige Statik nicht wäre. Die er nicht beherrsche. Aber wer braucht die schon? Stürzen die Neubauten halt ein, bevor sie altersschwach werden.
Die postmodernen Architekten seien Schaufenstergestalter. Sie deko-rieren, sie bauen nicht. Und schuld seien die Architekturkritiker, die das hochloben. Die „wahrscheinlich aus Faulheit“ selber nichts bauen. (Das hat Peichl tatsächlich gesagt. Vermutlich ist er ein patenter Kerl, wenn er nicht gerade zeichnet.)
Hand in Hand geht Peichl mit Prinz Charles offenen Auges durch London, vielleicht führt er den Prinzen auch am Ohr, das ist dieser seit seiner Kindheit gewohnt. Das müssen wir niederreißen, sagt der Herr Professor, und das. Und das auch noch. Und in den entstehenden Lü-cken errichten wir alles, was ich an Plänen in der Schublade habe. Sie werden staunen.
Zu meiner Verwunderung wird der Prinz als seriöser Kritiker ernst genommen, wie ich kürzlich der „Zeit“ entnommen habe. Wenn er Bauten als „Mülltonne“ oder „Geschwür“ tituliert, seien diese in den Augen vieler „für immer vernichtet“. Einer wie er fehle hierzulande, schreibt Hanno Rauterberg: „Einer, der sich nicht abfindet mit den ungezählten Scheußlichkeiten, die das Land überziehen. Der gegen die
Beliebigkeit, die Kälte, die Geschichtsvergessenheit vieler neuer Bauwerke zu Felde zieht.“
Freilich ist nicht überliefert, was Charles von den Bauten Peichls hält. Und mir nicht bekannt, ob die Stelle des Hofarchitekten überhaupt va-kant ist.
4
Bruno Kreisky habe ihn immer frühmorgens angerufen, um die tägli-che Ironimus-Karikatur zu besprechen, den Strich zu loben (Kreisky sah schon nicht mehr gut), die Aussage aber in Grund und Boden zu verdammen. Wie viel Zeit so ein Bundeskanzler hat, staunenswert, ei-nem Karikaturisten hinterher zu telefonieren…
Aber vielleicht hat der Kanzler geglaubt, dass die Karikaturen zeigen, „wie es wirklich war“, was Peichl allen Ernstes behauptet. Und wollte durch seine Kritik die Wirklichkeit im Nachhinein korrigieren. Als könnte irgendeine Abbildung die Wirklichkeit wiedergeben…
„Kreisky war ein Diktator, darum hat seine Demokratie so gut funkti-oniert.“ Wie man sieht, ist Peichl in seinen Äußerungen wagemutiger als in seinen Zeichnungen.
Ein frühzeitig altersmilder Karikaturist, der betont, niemanden verlet-zen zu wollen. Obwohl sich das nicht vermeiden lässt. Irgendjemand wirft sich dem Zeichner schon mit blanker Brust in die Feder.
Es gibt ein wunderbares Blatt von Ironimus, auf dem ein bandagiertes Monster herumtobt. Es hat die Gesichtszüge von Jörg Haider und möchte, wenn ich mich recht erinnere, darauf hinweisen, „wieder da“ zu sein. Eine andere Karikatur zeigt Haider in Napoleonkostüm mit Saddam-Hussein-Sticker beim Psychiater. Ist das noch „feiner, ver-deckter Spott“ – wie der Duden Ironie definiert – oder nicht doch schon der Holzhammer des Kabarettisten?
Auf die Anregungen der schreibenden Zunft lohne es sich nicht einzu-gehen. (Aber es dürfte auch selten vorkommen, dass ein Karikaturist einem Journalisten den Leitartikel diktiert.)
Ironie bedeutete ursprünglich „erheuchelte Unwissenheit, Verstel-lung“. Ironische Bauwerke sind schwer vorstellbar, die Komik des schiefen Turms von Pisa ist keine freiwillige. Ein Haus kann sich nicht verstellen, es sei denn, es ist eine Potemkinsche Fassade.
5
Auf seinen Selbstporträts trägt Ironimus Hörner, einmal auch eine Clownsnase. So sehe ich ihn nicht.
Und jetzt müsste ich zu zeichnen beginnen. Einen kleinen Mann, der an einem kleinen Tisch sitzt und mit einem winzigen Stift etwas zeichnet, was nicht zu erkennen ist.
Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.
- Verfasser/in:
- Günter Eichberger
Weiterführende Links
