Washington März/April 09
Text & Bilder: WILHELM HENGSTLER
Ich habe mich in Washington überraschend lange nicht zurecht gefunden. Wie in den meisten amerikanischen Städten sind auch hier die Straßen im rechten Winkel zueinander angelegt, bezeichnet mit Buchstaben und Zahlen, und nur wenige Ausnahmen wie die Massachusetts Avenue oder die Rhode Island Avenue stören mit ihren Schrägen diesen Raster. Der Grund für meine Orientierungslosigkeit mag darin gelegen haben, dass der Himmel über Washington während meines ganzen Aufenthaltes bedeckt war und ich mir deshalb niemals Klarheit über die Himmelsrichtung verschaffen konnte. In der amerikanischen Literatur wird viel öfter auf die Himmelsrichtungen Bezug genommen, als z.B. in der deutschen. Dafür prunken US-Autoren ihren Lesern gegenüber noch mit dem gottverlassensten Ort und einer banalen Adresse. In Washington wohne ich O 15151/ 15 th. (Abb. 1)
GAT will, dass meine Washingtoner Schnurren in irgendeinem Zusammenhang mit Architektur stehen. Architekturfotografie und –kritik sind aber gar nicht so einfach. Meine Chance besteht darin, das Touristenphoto zum raffinierten Gestaltungsprinzip zu erheben und die Ansammlung von allesamt dem Fortschritt, der Freiheit, der Demokratie, dem Frieden, und den Menschenrechten gewidmeten Monumenten – also dem Stein gewordenen Washingtoner Konsens - auf eine Fotostrecke zu bannen: Capitol, Washington Monument, Weißes Haus, Nationales Museum für Luft- und Raumfahrt, Naturgeschichte, Amerikanische Geschichte, die Nationale Kunstgalerie, Lincoln Memorial, Jefferson Memorial, den Friedhof von Arlington und natürlich das Nationale Museum für Verbrechen und Bestrafung. Leider vereitelt das Wetter meinen Plan. Selbst die in Washington Ansässigen versichern mir, wie ungewöhnlich die anhaltende Kälte und der Regen seien. Sie erzählen auch, dass sie sich anfangs ebenfalls schwer zurecht gefunden hätten. Das mag daran liegen, dass die meisten Washingtoner keine Washingtoner sind; sie arbeiten da nur ein paar Jahre für eine der vielen Organisationen und sind dann wieder weg. Diese Fluktuation führt zu enormen Mieten und trägt eventuell mit daran Schuld, dass die Architektur der Stadt – ausgenommen die Monumente, die ich wegen des Regens eben nicht fotografiert hatte - hauptsächlich durch Bürobauten geprägt wird. Dabei handelt es sich meist um ungefähr achtstöckige Bürohäuser, alle im Stil anonymer Moderne gehalten.
Lange wollte ich nicht mehr in dieses Land kommen, dessen Kunst - die Bücher von William Faulkner oder die Wildwestfilme von Anthony Mann - mich endgültig für das Leben verdorben und für die Kunst gewonnen hatte. Die Enttäuschung über dieses Land begann, als während des Vietnamkrieges die Amerikahäuser aus Spargründen geschlossen wurden. Zwar mühten sich parallel dazu noch viele deutsche Autoren wie Peter Handke oder Gerhard Roth mit Büchern wie „Der kurze Brief zum langen Abschied“ oder „Der große Horizont“ mit Amerika ab. Aber das Schließen der Amerikahäuser löste unter den deutschen Intellektuellen einen derart nachhaltigen Schock aus, dass manche von ihnen noch im nächsten Jahrtausend darüber Bücher schrieben. Die verschärften Einreisebedingungen in die USA in der Nachfolge von 9/11, Bush und sein Krieg im Irak und die düsteren Foltergeschichten verwandelten diesen Schock dann geradezu in einen Widerwillen.
ARRIVAL ist am Washington Dulles International Airport gelb, TRANSFER violett gekennzeichnet. Vor mir zieht eine Blondine ihren Koffer durch einen grauen Gang, der exakt dem schundigen Raumschiff aus „Alien 2 „ nachgebaut scheint. Bei jedem der engen Durchlässe knallt sie, bis wir endlich zum Zoll gelangen, gegen den Türrahmen. Typen in schwarzen Hosen mit gelben Streifen weisen uns die Schalter wie in einem Restaurant zu. Es gibt ungeheuer viel Personal und dieses zahlreiche Personal ist ausnahmslos farbig und ziemlich freundlich; man kann sagen je farbiger desto freundlicher. Auch während der kommenden Wochen werde ich im Zusammenhang mit den klassischen Dienstleistungen nur Farbige sehen. Die Einreiseprozedur ist weniger schlimm, als befürchtet. Man muss schon so zart besaitet sein wie der Gourmetpapst Wolfram Siebeck, um erst nach drei Wochen die Empörung über das Abnehmen der Fingerabdrücke kulinarisch abgearbeitet zu haben. Das Förderband für das Gepäck besteht aus einander schräg überlappenden Metalllamellen und bewegt sich sehr langsam, was mir Zeit lässt, den blau Uniformierten zuzusehen, die mit ihren erstaunlich dünnen Spürhunden – sind die alle auf Heroin? – die Gepäckstücke stichprobenweise abschnüffeln.
Im Freien nieselt es, und die dreifarbigen Schäfer und das regendurchweichte Sternenbanner sind für längere Zeit das Farbigste, das ich zu Gesicht bekommen werde. Ich wage nicht am Flughafen zu fotografieren, was, anders als in Asien, vermutlich genau das ist, womit man am wenigsten Probleme bekommt. Die Flughafengebäude, Brücken und Überführungen, Industrieanlagen, später die U-Bahn erscheinen mir alle geprägt von diesem uramerikanischen Praxisbezug. Gleichzeitig sind sie alt, gewaltig und grau, wie Fundstücke aus einer Zukunft, die schon wieder den Archäologen gehört.
Der schwarze Fahrer des Sammeltaxis ist sein eigener Stereotyp, bullig mit einer Glatze. Auch meine Nachbarin ist ein Stereotyp: eine Blondine, dünn, und vermutlich sehr hübsch, ehe sie sich diese Angestrengtheit gleich einer Uniform überzogen hat. Ich werde noch vielen dieser Frauen begegnen, die mal sonnige Kinder, reizende Backfische, entzückende Debütantinnen gewesen sein müssen, und nun erbittert ein Glück erkämpfen oder halten wollen, das ihnen damals selbstverständlich schien. Ich bin neugierig, wie liebenswert sie unter ihrer kultivierten, selbstbewussten, kontrollierten Haltung noch sein können. Aber auch die Taxifahrer, Hausmeister, Budenbetreiber tragen Gesichter voll Geschichten vor sich her, selbst wenn diese von einer erbärmlichen Sportkleidung überstrahlt werden. Und was sehen all die Latinos, Asiaten und Schwarzen, wenn sie dieser zähen, unnahbaren Blondine begegnen? Sie steigt dann beim Mariott aus, und ein Mitfahrer der ihr freundlicherweise die Schiebetür des Wagens öffnet, wird vom Fahrer energisch gerügt. Das sei Sache des Hotelboys, der auch schon herbeigewieselt kommt.
Als nächstes werde ich an meiner Adresse O 15151/ 15 th abgesetzt, kann aber die Nummer auf der Haustür nicht lesen. Die Straßen, in denen ich aufgewachsen bin, waren gewunden und unübersichtlich, dafür trugen ihre Häuser genormte Nummern. Hier verlaufen die Straßen im rechtwinkeligen Raster, aber die Hausschilder sind einem abenteuerlichen, individuellen Design unterworfen. Ich wohne in einem gediegen wirkenden Gebäude, dessen Name – The Gatsby - womöglich noch gediegener ist. Aber wirklich gediegen ist nur die Ducati (Abb. 2) vor dem Eingang. Bei schönem Wetter benützt sie ihr Besitzer, bei Regen parkt er die wertvolle Maschine cool auf der Straße. Ich kenne ihn nicht, niemand scheint irgendjemanden in diesem nicht besonders großen Haus zu kennen, und in der Halle oder dem Lift jemand zu grüßen, gilt schon beinah als aufdringlich. The Gatsby befindet sich bereits nördlich der Massachusetts Avenue, ein teureres Wohngebiet für gut betuchte Wissenschaftler und Bürokraten, natürlich außerhalb der eigentlichen Bürogegend. Diplomaten klagen traditionell über ihre Dienstorte, aber Washington schneidet bei ihnen nicht nur im Vergleich zu New York äußerst schlecht ab. Diese Gegend gilt ihnen noch als die lebendigste in Washington. Mit ihren kleinen Kirchen oder etwa der Botschaft von Kasachstan wirkt sie gelegentlich sogar pittoresk. (Abb. 3)
Nachdem ich mir die nationalen Monumente, die anonymen Bürostraßen, und die bevorzugten Wohngegenden angesehen habe (Abb. 4), will ich auch in den marginalisierten Osten Washingtons. Man sagt aber, da kannst du nicht hin, zu gefährlich. Ich frage, ob mich nicht ein Bekannter, Ex-Footballspieler, schwarz, riesenhaft, dorthin begleiten könne. Der hat was Besseres zu tun. Vielleicht hat er einen Freund, den ich engagieren kann? Das geht nicht, das entspricht keinesfalls dem Selbstverständnis freier Amerikaner. Wir haben doch gerade diesen Toyota zur Verfügung, sage ich, könnte man nicht einen Schwarzen als Chauffeur engagieren? Das wäre politisch nicht korrekt…
Für ein Extrahonorar von GAT hätte ich es vermutlich geschafft, diese schwarzen Wohngegenden zu besuchen. Ich bezeichne sie nicht als Slums, aber der Abwehrmechanismus ist vergleichbar. In Kairo gibt es diese Totenstadt, ein Friedhof aus kleinen, sogar unterkellerten Häusern, in denen die Hinterbliebenen einmal im Jahr feiern. Aber der Bus mit den Touristen fährt nur außen um diese Sehenswürdigkeit herum, weil mittlerweile mehrere Millionen Obdachlose in diesen Häusern der Toten leben. In Delhi brauchte ich, um in einen dieser großen Slums zu gelangen, den Kontakt zu einer wohltätigen Organisation, die ihrerseits ein absurder Fremdkörper in dem Gebiet war. In Santo Domingo blickt man von der Brücke unterhalb der Plaza de Armas hinab auf das Blätterdach unter dem sich am Rand des Rio Ozama die verheerenden Slums dahin ziehen. Von Lagos will ich gar nicht reden. Es geht nicht um einen Elendstourismus, aber es fällt doch auf, dass man die Ausgrenzungen, je größer sie werden, desto schwerer wahrnimmt.
Als Alternative gehe ich dann über den Dupont Circle (Abb. 5) das geheime Zentrum Washingtons, ins sichere Georgetown (Abb. 6, 7). Wirklich hübsch, viel zu große, pompöse Portale (die Hausnummern), exzellent restaurierte Spielzeugfassaden und davor teuer wirkende, europäische PKW. Die Villen, manche zurückgesetzt in den gepflegten Gärten lassen bei aller Idylle an einen Traum von Edward Hopper denken, der ihm allerdings über den Kopf gewachsen ist. Die in seinen Bildern spürbare Einsamkeit hat sich hier freilich in eine Art Paranoia verwandelt. Seinerzeit hatten es sich die Einwohner von Georgetown verbeten an die U-Bahn angeschlossen zu werden. Ihre selbstgenügsame Berührungsangst ist auch an den Straßenschildern ablesbar (Abb. 8). Als ich dann zum Rock Creek Park gelange, der dem Grazer Stadtpark gleicht, mit spielenden Kindern, Tennisplatz und einem altmodischen Holzpavillon, führt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Schwarz vier oder fünf Hunde an der Leine. Das nenne ich Arten überschreitende, politische Korrektheit. (Abb. 9)
WILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskriptepreis 2004, lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.
- Verfasser/in:
- Wilhelm Hengstler
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