FOTOGRAFISCHE IMPRESSIONEN AUS AMSTERDAM
Fotos: Vilja Neuwirth, August 2008
Text: Karin Wallmüller
Die Grazerin Vilja Neuwirth zieht es immer wieder zur Kunst. Ob bildende oder darstellende Kunst, ob Musik oder Architektur: Alles bewegt sie und zwingt sie, sich mit ihr auseinander zu setzen. Der Zwang ist kein beklemmender, viel mehr ein freudiger, geradezu schöpferischer. Kunst wird bei ihr zum Auslöser eigener Bildproduktion mit dem Medium Digitalkamera, allerdings ohne Bildbearbeitung. GAT.ST darf einen Blick in ihr Fotoschaffen tun und bringt Impressionen aus Amsterdam. London folgt.
AMSTERDAM
Die Stadt fasziniert ob ihrer einzigartigen Atmosphäre. Gelassen, offen, liberal, tolerant zieht sie Menschen an. Die vielleicht am weitesten entwickelte Gesellschaft der Welt ist aber spätestens seit der Ermordung Theo van Goghs 2004 auch nicht mehr ganz ohne Konflikte. Die Bevölkerungszahl ist 2008 auf 747.000 angewachsen. Bald wird der Anteil der Menschen mit anderer Hautfarbe 50% erreichen. Vorurteile gegen Einwanderer nehmen zu. Trotzdem ist die Fremdenfeindlichkeit im europäischen Vergleich immer noch als gering einzustufen. Detail am Rande, das sich auf die Gesamtbevölkerung bezieht: Jeder weiß, Amsterdam fährt Rad – aus Überzeugung. Aber von den 700.000 Fahrrädern, wird statistisch jedes sechste gestohlen. Also wird jedes auch mit mindestens zwei Schlössern abgesichert.
Seit ihrer Entstehung um die Mitte des 13. Jahrhunderts kämpft die Stadt um ihren Lebensraum. Im 17. Jahrhundert wohlhabendes Zentrum der Welt und Ziel von Einwanderern aller Kontinente ist Amsterdam heute eine Stadt der permanenten Stadterweiterung. Man entdeckte in den 1990er Jahren den Ort, der sie einst berühmt machte, nämlich den Hafen neu und gab ihn - auf Anregung von Rem Koolhaas - frei für Stadtplaner und Architekten. Der alte Hafen wurde Standort für Architekturkreationen auf der Höhe der Zeit. Vom Holzhafen im Westen bis zu Java Eiland, KNSM Eiland, Rietlanden, Sporenburg und Borneo im Osten sind international äußerst beachtete Stadtteile gewachsen.
WOHNEN - BEST OF
Borneo, die nach der indonesischen Insel benannte Halbinsel im alten Osthafen, wurde zusammen mit Sporenburg seit den späten 1990er Jahren Betätigungsfeld für die besten holländischen Architekten der jüngeren Generation. Allein auf Borneo verwirklichten 40 Architekturbüros ihre Vorstellungen vom Wohnen am Wasser. Die Scheepstimmermann-Straat mit ihren 60 konsequent individuell geplanten und gebauten Reihenhäusern ist heute schon ein Architekturdenkmal. Der städtebauliche Entwurf für Borneo und Sporenburg von West 8 in Kooperation mit Adriaan Geuze und dem Stadtplanungsamt Amsterdam sah für die einheitlich dreigeschossigen Zeilen auf Borneo 4 bis 6 m Breite, 11 m Höhe und 16 m Tiefe (wie die alten Grachtenhäuser) vor, alle mit Garage im Haus und Orientierung zum privaten Innenhof. Das schmalste Haus in der Scheepstimmermann-Straat errichtete MvRdV mit 2,5 m Breite, vollkommen geschlossen zur Straße und zum Wasser. Die teilweise hart an die Wasserkante gebauten langen Zeilen verzichten auf größere öffentliche Bereiche, öffnen sich aber nach innen zu ihren privaten Höfen. Minimierter öffentlicher Raum ohne Vorgärten – maximierter privater Raum mit Patios. Den Ausgleich für die hohe Dichte schafft das Wasser. Jedem Haus seine Anlegestelle. Immer wieder werden die langen Zeilen durchschnitten und machen Platz für große Blöcke und breitere öffentliche Räume. (Abb. Borneo 1-5)
Markantester Block auf Sporenburg ist “The Whale”, der Walfisch. Geknicktes Dach, Zinkfassade, 214 Wohnungen, 11000 m2 betriebliche Flächen und ein halböffentlicher Innenhof. Der ursprüngliche Entwurf von Erik van Egeraat 1995 wurde nach dessen Rückzug von Frits van Dongen 2000 vollendet. (Abb. The Whale 1 – 2)
Borneo und Sporenburg sind durch zwei rote Fußgängerbrücken von Adriaan Geuze verbunden. Eine rot gestrichene Stahlkonstruktion über das 93 m breite Hafenbecken mit künstlerischer Note. (Abb. Fußgängerbrücke 1 – 4)
Nödlich von Sporenburg liegt KNSM Eiland. Jo Coenens Masterplan orientiert sich an der Maßstäblichkeit der ehemaligen Hafenanlagen: Große Büroblöcke und Wohntürme um einen zentralen Boulevard, der die Funktion öffentlicher Begegnungsräume übernehmen soll. Auffallend der Wohnblock “Piraeus” von Hans Kollhoff + Christian Rapp und der “Sky Dome" von Wiel Arets. Einige alte Hafengebäude aus den 1960er Jahren blieben stehen und wurden zu Ateliers, Werkstätten und Mietwohnungen umgebaut. (Abb. KNSM 1 – 4)
NEMO
Östlich der Altstadt, 10 Minuten Fußmarsch vom Bahnhof entfernt, steht (schwimmt) an nicht zu übersehender Stelle das NeMO (New Metropolitan Museum – das nationale Wissenschaftsmuseum) als Landmark über dem IJTunnel. Ein Riesenschiff mit fünf Stockwerken, 1997 von Renzo Piano gebaut, mit Kupferfassade, die mittlerweile grün patiniert ist. Das Dach des Hauses ist als Sitzterrasse auch öffentlich direkt vom IJTunnel zugänglich. (Abb. NEMO 1 – 5)
OBA - OPEN BARE BIBLIOTHEK
Gegenüber dem NeMO am Oosterdok befindet sich die öffentliche Bibliothek, 2001-07 von Jo Coenen gebaut. Auf 3000 m² sind Bibliothek, Verwaltung, Café, Restaurant, Theater und Konferenzraum untergebracht. Sie ist mit 3,5 Millionen Besuchern jährlich die am meisten frequentierte Kultureinrichtung in Amsterdam. Im Restaurant wird mit frischen Bioprodukten gekocht (Abb. OBA 1 – 4). Daneben steht das Konservatorium Amsterdam von Cie-Architekten.
MUZIEKGEBOUW
Das Gebäude ist die ebenfalls eine sehr bedeutende Kultureinrichtung im Osthafen. Sowohl Konzerte für zeitgenössische Musik, als auch Jazzkonzerte (im Bimhuis) finden hier statt. Die regelmäßigen Jamsessions bei freiem Eintritt sind im Sommer die Attraktion am IJ. Mit seinen öffentlichen Räumen, Terrassen und Ausstellungen ist es aber auch sonst ein Magnet. Amsterdam holte die dänischen Architekten 3XN (Nielsen, Larsen, Christiansen) für die Planung, die das Gebäude 2005 übergaben. Der Entwurf arbeitet mit Transparenz und Lichtführung, vor allem bei Dunkelheit. (Abb. Muziekgebouw 1 – 5)
ERWEITERUNG VAN GOGH MUSEUM
Der elliptische Erweiterungsbau des Van Gogh Museums des japanischen Architekten Kisho Kurokawa (1999) dient den Sonderausstellungen, während die weltgrößte van Goghsammlung im Haupthaus (Entwurf Rietveld, 1963) gezeigt wird. Beide Gebäude sind unterirdisch verbunden. (Abb. VGM 1 – 3)
ARCAM
Amsterdam hat natürlich auch ein Architekturzentrum. Anhand eines digitalen Stadtplans lassen sich Informationen zur Architektur, aber auch zu künftigen Entwicklungsprojekten in der Großregion einholen. Exkursionen, Bookshop, Bibliothek Ausstellungen und Diskussionen komplettieren das Angebot. Das Gebäude an der Prins Hendrikkade wurde von Rene` van Zuuk von 1999-2003 dreigeschossig mit Glasfassade und Aluminiumhülle realisiert. Die Ausstellungen finden im Erdgeschoss statt, darüber liegen die Büros, im Untergeschoss am Wasser finden Diskussionen statt. (Abb. ARCAM 1 – 3)
LLOYD HOTEL
Das Lloyd Hotel, 1916 von Architekt Evert Breman für wohlhabende Emigranten aus aller Welt gebaut, hat eine wechselvolle Geschichte, in der es vorübergehend als Jugendgefängnis fungierte. Nach der Renovierung durch die Architekten Lakenvelder, MvRdV und van Lieshout ist es wieder Ort für internationale Gäste im Osthafen Amsterdams, wo es vor allem als Kulturbotschaft fungiert. So stehen Terminals zur Information über das Kulturgeschehen in Amsterdam und ausgesuchte Literatur zu Kunst und Kultur frei zur Verfügung. Das zentrale Restaurant und die offenen bis an die oberste Geschossdecke reichenden Räume sind für Jedermann zugänglich. (Abb. Lloyds 1 – 4)
ZUKUNFT
Seit 2002 wird am neuen Stadtteil IJburg, einer künstlichen Inselgruppe im IJsselmeer östlich von Amsterdam-Zentrum, gebaut. Nach dem Entwicklungskonzept von Frits van Dongen mit Claus + Kaan und Ton Schaap sind hier bisher überwiegend größere Wohnblöcke entstanden, wie der Block 23a vom Büro Cie, an dem auch van Dongen beteiligt ist, der Block 24 von Claus+Kaan oder die Backsteinblöcke (Block 5) von Arons+Gelauff. Offensichtlich regiert hier der Markt, dem ein zwar breites, für die Investoren aber profitables Spektrum angeboten wird.
Experimenteller geht es da schon auf Rieteiland zu. Nach dem städtebaulichen Rahmenplan von Architekt John Bosch, der eine Bebauung mit Reihenvillen mit “Skyboxes” vorsah, können die Bauherrn nach eigenen Wünschen bauen. Bosch Architecten setzten als Beispiel auf vier Parzellen ihre Vorstellungen um - ein Wechselspiel introvertierter und extrovertierter Räume.
Biografie VILJA NEUWIRTH (* 1948)
Geboren und aufgewachsen in Graz, Studium (Musik-, Gesangs- und Instrumentalpädagogik, Englisch) ebenda. Schon als Kind leidenschaftliche Theater -und Opernbesucherin, in der Folge Ballettunterricht und lange Zeit aktiv beim Kinder- und Jugendtheater. Klavierunterricht, Gesangs- und Schauspielunterricht. Langjährige Unterrichtstätigkeit an einer BHS als Musik- und Instrumentalpädagogin, mit Schwerpunkt fächerübergreifende Projektarbeit, sowie verantwortlich für Präsentation und für Comenius – Projekte. Drei Jahre Sendegestalterin in der Abteilung E - Musik des ORF, Studio Steiermark. Tätig auch in der Erwachsenenbildung und mit Workshops zum Thema Musik und Film, Musik und Bild, Musik und Bewegung, Theaterformen etc. Lange Zeit Mitglied in Jazz - und später auch Kammerchorensembles, wie u. a. dem Pro Arte Chor und der Domkantorei. Ab dem Jahr 2000 regelmäßige Mitarbeit in der englischen Roland-Collection for Films on Art (Kunstfolder – Layout, Übersetzungen, Fotoarbeiten, usw). Seit dem Ausscheiden aus dem Schuldienst rege Reisetätigkeit, sowie Gestaltung einer eigenen Musiksendung beim unabhängigen Grazer „Radio Helsinki“, zu der auch immer wieder Gäste vor allem aus dem Bereich Kultur eingeladen werden. Ab 2005 Mitglied der Fotosektion des Steiermärkischen Kunstvereins - Werkbund.
- Verfasser/in:
- Vilja Neuwirth (Fotos), Karin Wallmüller (Text)








































