sonnTAG 275

HASENAUER. Eine Historismus-Fiktion

19/04/2009

Günter Eichberger

HASENAUER

Eine Historismus-Fiktion

"Ein Architekt als straßensperrender Revolutionär, als einer, der wie Gottfried Semper von 1849 bis 1863 per Steckbrief vom sächsischen König gesucht wird? Solche Aufsässigkeit ist außergewöhnlich in diesem Metier. Denn die Architektur ist eine teure Kunst, bedarf der Stetigkeit und der Loyalität zwischen Auftraggeber und Künstler." (Nikolaus Bernau)

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„Ach, dieser Hasenauer“, seufzt Semper, die Ringstraße entlanggehend, „diesen Hasenauer habe ich mir aufhalsen müssen! Schön, er hat mich bewundert, er hat mich wirklich verehrt, das muss ich ihm lassen. Ich dachte anfangs, seine Wertschätzung für mich würde keine Grenzen kennen, aber da habe ich mich, wie auch schon öfters bei Menschen, schwer getäuscht. Hasenauer ist nicht nur ein Klotz an meinem Bein, er ist ein Stein um meinen Hals, mit dem ich in die Donau geworfen werden soll! Das ganze Wien ist eine Falle, in die ich gegangen bin, gelockt durch das haltlose Versprechen, nach Herzenslust bauen zu können…“

Ein Passant zieht den Hut vor ihm. Semper bemerkt es nicht, fährt innerlich fort: „Da war mir ja im Mai 1849 auf der Barrikade von Dresden noch wohler! Gut, die habe ich selbst entworfen. Da werde ich wirklich lieber steckbrieflich gesucht, als vordergründig hofiert und hinterrücks hintergangen zu werden! Dieses Wien! Dieser imperiale Schrebergarten! Diese Haupt- und Residenzstadt der Gartenzwerge! Das ist zwar ein gewisser Anachronismus, da die Schrebergartenbewegung erst nach meinem Tod so richtig in Schwung kommt, auch der Siegeszug des Gartenzwergs beginnt erst später, aber einem Visionär wie mir ist dieser Blick in die Zukunft schon zuzutrauen! Wie ich ja auch als rückwärtsgewandter Prophet in die Antike blicken und die Farben ihrer Bauten deutlich sehen kann ... Ich kann mit einem Auge in die Vergangenheit, mit dem anderen in die Zukunft schauen, in einer alles erleuchtenden Hellsichtigkeit. Nach dieser Methode baue ich, auch wenn ich das in meinen Schriften nicht verraten habe.

Hasenauer wird nie etwas sehen können, was er nicht von anderen abgeschaut hat. Ein Schüler von van der Nüll, von Siccardsburg! Alles sprechende Namen! Nüll und nichtig! Krank, eine Siccardsburg, ein Siechenhaus ist die Architektur dieses Menschen, der jetzt meine Pläne umsetzen soll, was ihm nie und nimmer gelingen wird! Das Kaiserforum kann nur ein Revolutionär und „Democrat I. Klasse“ hinstellen! Nur wer mit Bakunin Blutsbruderschaft getrunken und mit Richard Wagner das Dresdner Opernhaus angezündet hat – Architektur muss brennen! -, der kann auch für die Habsburger bauen, diese verkannten, verkappten Jakobiner, die leider nach Joseph II. nur ganze, halbe und Viertel-Kretins auf den Thron setzen konnten. Diese sorglose Inzucht des Hochadels, der niemals Darwin gelesen...

Hätten sie ihn oder überhaupt etwas Nennenswertes gelesen, nicht nur diese von Hofberichterstattern vorgekaute Makulatur, sie wären gezwungen gewesen, sich selbst als privilegierte Erbmasse abzusetzen und an ihre Stelle gleich einem Neubau eine geistige Republik zu stellen, von Kunstschaffenden angeführt. Vorzugsweise Richard Wagner und mir. Vielleicht auch noch von anderen. Obwohl mir bezeichnenderweise nichts wirklich Gleichrangiges einfallen will. Schon gar nicht Hasenauer, dieser Makart der Maurerkelle! Denn die Demokratie kann nur ein Durchgangsstadium sein, an dessen Ende als Ziel der Geschichte der von mir errichtete, von Wagner vertonte Idealstaat stehen muss, ein Geistesfürstentum, aber ohne Erbrecht, ohne angemaßte Herrschaft...“

Wie vom Schlag gerührt bleibt Semper stehen. Die Fassade des Burgtheaters sticht ihm empfindlich ins Auge.

"An die Habsburgermetropole sollte sich Semper ausschließlich schlechte Erinnerungen, einen ´Blick zurück im Zorn´ bewahren." (Gabriele Reiterer)

2

„Nein“, ruft er endlich aus, „nein! So war das nicht geplant! Mir schwebte anderes vor! Eine Einkleidung, keine Verkleidung! Hasenauer hat nie begriffen, dass auch in der steinernen Wand noch die textile Hülle durchscheinen muss. Er kennt die Paläste, meidet die Hütten. In den Palais geht er ein und aus, immer nach Aufträgen fischend, nach London zur Weltausstellung hätte er fahren sollen, statt immer mit dem Einspänner in die Innere Stadt. Auf der Weltausstellung hätte er die Urform der Architektur sehen können: die karibische Hütte. Ein Gerüst, mit Flechtwerk versehen, mit Stoff verhüllt. Jedes Kind kann verstehen, was ich mit „Stoffwechsel“ meine, nur Hasenauer nicht, weil er mit Stoffwechsel nur den Ersatz von Samt durch Brokat verbindet. Nicht, wie aus einem Fetzen eine Wand wird. Weil er nie die Hüttenhaftigkeit von Häusern erfahren, vielmehr diese Hüttenhaftigkeit immerfort verbergen, verkleiden, verneinen will. Er glaubt, dass alles aus nichts entstanden ist. Durch einen göttlichen Baumeister. Wie alle Dummköpfe ist Hasenauer Kreationist. Wer an einen intelligenten Bauplan der Natur, entworfen von einem personalen Schöpfer, glaubt, dessen Baupläne als Architekt möchte ich lieber nicht sehen, schon gar nicht umgesetzt.“

"Dieses decorative Genie hat Hasenauer am stärksten in der Ausschmückung des k.k. Hofburgtheaters bethätigt, dessen grundlegender Entwurf freilich, wie erwähnt, ebenso wie die Gestaltung der Facade und der inneren Saaldecke ebenfalls auf Semper zurückgehen."

(Eintragung zu Hasenauer, Carl Freiherr von. In: Allgemeine Deutsche Biographie, 1905)

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„Im Anfang war die Hülle“, spricht Semper zur Burgtheaterfassade, „aus der Hülle ging wie bei den Arten alles hervor. Das muss immer gegenwärtig sein. Am Burgtheater fehlt die Hülle, der Stein ist nackt, der Stein ist kalt. Dieses Theater hat keinen Vorhang. In ein Theater mit so einer Fassade gehe ich erst gar nicht hinein. Obwohl ich es in Theatern für gewöhnlich ohnehin nicht lange aushalte, auch in den von mir mit eigenen Händen erbauten Opernhäusern drängt es mich schon nach der Ouvertüre hinaus, kaum hebt sich der Vorhang, hebe ich mich auch schon hinweg, hinaus ins Freie, zur nächsten Baustelle. Auch die Städte möchte ich, kaum steht der Bau, schon wieder verlassen. In dieses Wien hätte ich erst gar nicht meinen Fuß setzen sollen, mir war schon beim Grenzübertritt, als würde mir die Sohle verbrennen. Auf dem Absatz wollte ich kehrtmachen, aber da empfing mich schon schmeichlerisch der Minister für Bauwesen und Innere Werte, dieser Korruptionist, der von jedem Ziegelstein seinen Anteil abzuzwacken verstand und mich die längste Zeit mit seiner ältesten, leicht verkrüppelten Schwester verkuppeln wollte und mir immerfort in meine Pläne hineinzureden, hineinzuzeichnen, sie zu durchkreuzen versuchte. Der ganze Hof wollte mitbestimmen, in einer seltsamen demokratischen Aufwallung, möglicherweise weil mir der Ruf des Radikalrepublikaners vorausgeeilt war, obwohl mein Demokratieverständnis exakt bei meiner Baukunst aufhört, in der Kunst gibt es kein Mitspracherecht für Nichtkünstler. Mir bleibt doch nichts erspart, murmelte Franz Joseph, als ich ihm meine ersten Entwürfe vorlegte. Und so legte man mir von höchster Seite nahe, ein mit den lokalen Gegebenheiten und dem persönlichen Geschmack Seiner Majestät vertrautes Regionalgenie beizuziehen. Aus den vorhandenen kaiserlich-königlichen Staatskünstlern wählte ich mir in meiner Verblendung den mir am untertänigsten gegenübertretenden Hasenauer aus.“

"Als Semper am 24. Mai 1876, gerade ein Jahr schon nach der Unterzeichnung des Vertrages für die Ausführung des Hofburgtheaters, auf sein Ansuchen von seiner Stellung als Compagnon Hasenauer’s enthoben wird, ist H. in der decorativen Ausstattung (...) vollkommen frei und unbehindert. So kann die nach der Eröffnung mit Recht viel getadelte Leierform des Logengrundrisses nicht Semper allein in die Schuhe geschoben werden."

(In: Allgemeine Deutsche Biographie)

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„Immerfort wurde ich zu Gesellschaften geladen, wo ich unterschiedslos geistlosen Menschen von Stand die immergleichen Scheinheiligkeitsfragen zu beantworten hatte, und als ich mich diesen Geselligkeitsstücken zunehmend verweigerte, wurde mir das als unbotmäßige Selbstüberhebung eines von Kaiserhand großzügigst gefütterten zugereisten Anti-Monarchisten ausgelegt. Ich sei ein besessen arbeitender, inwendig vertrockneter Nichttänzer, nicht einmal den Damen vom Ballett verfallen, ein stadtbekannter Freimaurer, auch den hiesigen Großauftrag hätte ich meinen geheimbündlerischen Intimbeziehungen zu verdanken. Es gebe ja auch unter gekrönten Häuptern welche, die insgeheim danach dürsten, ihr Haupt unters Fallbeil legen zu dürfen, man denke nur an Elisabeth, die missratene bayerische Gemahlin, die immer unter der Bettdecke Heinrich Heine lese, und dieser Kronprinz erst, ein weit vom Stamm gepurzelter Apfel, vermutlich Frucht einer außerdynastischen Beziehung mit einem ungarischen Zigeunergeiger, einem notorischen Majestätsbeleidiger und geborenen Gewohnheitsverschwörer, der seine totalumstürzlerischen Träume von der Abschaffung des k.u.k. Imperiums der hungarophilen Sisi ins Ohr gefiedelt, sie anschließend in vollstem Einverständnis geschwängert hat und zum Glück bei der illegalen Einreise von Zollhunden zur Strecke gebracht wurde. Auch habe man mich im Zuge beiläufiger Observanz mit jemandem die Köpfe konspirativ zusammenstecken gesehen, der eine unleugbare Ähnlichkeit mit Bakunin gehabt, seines Vollbartes wegen. Auch sei ich bekennender Wagnerianer und spioniere exklusiv für Ludwig II. Sollte eine Tristan-Aufführung böswillig missraten, würde ganz Bayern in Österreich-Ungarn einmarschieren. Dieses als lautere Wahrheit gehandelte Gerücht sickerte von den höfischen Latrinen langsam in die bürgerlichen Salons durch, weswegen ich nur noch Einladungen von Exilkommunisten bekam. Zuletzt hetzte man auch noch eine böhmische Architekturkritikerin auf mich, die in der Neuen Freien Presse meine baukünstlerische Kompetenz und Allgemeinbildung ernsthaft in Frage stellte. Selber noch kein Zelt aufgestellt, geschweige eine Hundehütte zusammengenagelt, aber an meinen Fassaden kratzen! Auf der Straße begannen Hunde mich verächtlich anzukläffen. Als Hasenauer geflissentlich auf die Anrede „werter Meister“ vergaß, wusste ich, was es geschlagen hatte. Mehr als einmal auf dem spiegelnd glatten Parkett des verspießerten Adels, des geldadelig vertrottelten Großbürgertums ausgeglitten, kam ich um Jahre dem Schlag zuvor, der mich erst 1879 treffen wird.“

Semper zieht aus seiner Tasche eine Art Prügel hervor. „In diesem Wien, in dem man vor mir ausspuckt oder mich nicht mehr kennen will, bleibt mir nur noch die Lust der Zerstörung, die nach Bakunin zugleich eine schöpferische Lust ist. Und darum werde ich“, schreit Semper, „nun diese Fackel - “

Da schlugen die Häscher ihn in Bande. Noch am selben Tage wurde er ins Königreich Sachsen abgeschoben.

Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.

Verfasser/in:
Günter Eichberger

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