Osten statt Ostern
Ein Frühlingsspaziergang durch Hiroshima und Nagasaki
Text und Bilder: Emil Gruber
Mit dem Duft der Pflaumenblüte
Geht plötzlich die Sonne auf
Über dem Bergpfad
Haiku von Matsuo Basho (1644-1694)
Alain Resnais, einer der Begründer der Nouvelle Vague, drehte 1959 einen Filmklassiker, der sich in einer bis dahin einzigartigen Monatagetechnik mit Traumata von Überlebenden des zweiten Weltkrieges beschäftigt. "Hiroshima, mon amour" ist eine visuelle Doppelwendeltreppe, auf der sich Erinnern und Vergessen voneinander entfernen und sich doch immer wieder treffen. Eine nach Japan gereiste, verheiratete, französische Filmschauspielerin und ein ebenfalls verheirateter, einheimischer Architekt lernen einander im gerade mitten im Wiederaufbau befindlichen Hiroshima kennen und verbringen spontan eine Liebesnacht miteinander. In einer Schlüsselszene liegen die beiden Protagonisten danach nebeneinander. Sie, die selbst durch die Liebe zu einem deutschen Soldaten im besetzten Frankreich in die Dissonanzen von Moral, Recht, Verrat oder Sühne gerät, muss ihre Eindrücke der Horrorbilder, die sie beim Besuch des örtlichen Museums zum Atombombenabwurf gesehen hat, loswerden. Während er sie immer wieder mit "Du hast nichts gesehen" unterbricht, kann sie nicht aufhören, darüber weiter und weiter zu reden.
Ostern ist das Datum für Tod und Wiederauferstehung. Vergessen und Erinnern.
Diese Analogie auf zwei japanische Städte umzulegen, da - wenn man den Etymologen vertraut - sowohl Ostern als auch Osten von „ausro“, dem altgermanischen Wort für „Morgenröte“ abgeleitet werden, lässt Hasen und Eier zur Nebensache werden.
"Little Boy" zündete am 6. August 1945 um 8 Uhr 15 morgens, sechshundert Meter über der Innenstadt Hiroshimas. Rund 150 000 Menschen starben sofort, eine weitere Viertelmillion starb an den Folgeschäden. Die Stadt wurde unter anderem als Ziel ausgesucht, weil die USA glaubten, dass sich keine amerikanischen Kriegsgefangenen hier befanden, was sich später als falsche Annahme herausstellte. Militärisch gesehen befanden sich keine bedeutenden Rüstungsbetriebe oder wesentlichen japanischen Truppeneinheiten hier. Der Angriff tötete vorwiegend Zivilisten, unter anderem viele Koreaner und chinesische Zwangsarbeiter. Japan hatte außerdem zuvor schon mehrfach Anläufe zu Friedensverhandlungen, wenn auch vorerst für die USA mit unannehmbaren Bedingungen, unternommen. Aus heutiger Sicht gilt es als sehr wahrscheinlich, dass neben dem Hauptgrund, eine verlustreiche Invasion zu vermeiden - allein bei den vorangegangen Schlachten um Okinawa und Iwo Jima fanden rund 20.000 US-Soldaten den Tod - die Bombe auch endlich einem „echten Praxistest“ unterzogen werden sollte, einem Test, der auch so nebenbei dem Verbündeten Russland für die Nachkriegszeit klar machen sollte, welche Zerstörungskräfte Amerika im Ernstfall entfesseln kann.
Nagasaki war wie Hiroshima kein Primärziel. Eigentlich war als Bombenziel Kokura, eine Garnisonsstadt im Nordosten von Kyushu ausgesucht worden, jedoch verhinderte der dichte Nebel eine Zielortung und damit den Abwurf. Da "Fat Man" (der amerikanische Zynismus zeichnete sich auch bei der Namensgebung des Massenmordmittels aus) rund vier Tonnen wog und das Flugzeug mit seiner nuklearen Ladung aufgrund von Treibstoffmangel den Rückflug zur Basis in Tinian nicht mehr geschafft hätte, wurde Nagasaki zum unlucky Looser. Zwar herrschte auch hier schlechte Sicht, aber der Abwurf fand statt. Anstatt die Rüstungsbetriebe Mitsubishis zu treffen, zündete die Bombe über Wohngebiet. Insgesamt starben sofort und an Folgeschäden in den ersten fünf Jahren rund 200.000 Menschen.
Amerika hatte somit der Welt innerhalb von fünf Tagen gleich zweifach demonstriert, wie verheerend seine neue Wunderwaffe in der Praxis funktioniert.
Dass auch rund 20.000 chinesische und koreanische Zwangsarbeiter und viele westliche Kriegsgefangene in Nagasaki interniert waren und starben, zählte als Kollateralschaden. Durch die am Tag nach dem zweiten Abwurf erfolgte bedingungslose Kapitulation Japans war man frei von etwaigen Reparationszahlungen.
Hiroshima und Nagasaki, die also innerhalb weniger Tage, hintereinander, von einer Sekunde auf die andere, als Ort zu existieren aufhörten, sind heute, knapp 64 Jahre nach dem Atombombenabwurf, längst wieder funktionierende Städte.
Und trotzdem bleibt ein seltsames Gefühl, wenn man sich an Orten mit langer und traditionsreicher Geschichte - auch in architektonischer Hinsicht - bewegt, Orte, deren älteste Objekte als Art Faksimiles gerade erst wieder fünfzig Jahre zählen.
EMIL GRUBER
lebt in Graz
Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger.
KONTAKT: katmai@aon.at
- Verfasser/in:
- Emil Gruber
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