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Jenseits der Masterpläne

05/04/2009

Jenseits der Masterpläne

von Johannes Fiedler

Ein kurioser Aspekt des Neoliberalismus liegt im Widerspruch zwischen seiner vorgeblichen Liberalität und seinen deterministischen städtebaulichen Praktiken. Sein urbanistisches Instrument war der Masterplan. Und nun? Was kommt nach dem Masterplan?

Am Anfang war Neoliberalismus nur eine Wirtschaftstheorie, die Deregulierung, das Senken von Steuern und die Stimulation des Wettbewerbs postulierte. Nach der Implosion der kommunistischen Systeme um 1990 wurde das Neoliberale zum globalen Leitmodell, zur Grundlage einer sich rasant entwickelnden „offenen Gesellschaft“ (Karl Popper). Aber es blieb nicht bei der Wirtschaftstheorie: Schon Margaret Thatcher war es in den 1980er-Jahren ein Anliegen gewesen, ihre neoliberale Politik auch städtebaulich sichtbar zu machen. Die Londoner Docklands wurden zum Manifest für privatwirtschaftlich organisierten Städtebau. In den USA bedurfte es solcher Manifeste nicht, denn da war die privatwirtschaftliche Produktionsform immer schon die Regel gewesen. In den Neunzigerjahren bekam dort die neoliberale Produktionsform mit dem „New Urbanism“ auch ein visuelles Erscheinungsbild, nämlich ein ungeniert historisierendes. Die Anlagen Seaside und Celebration, beide in Florida gelegen, sind ausführlich diskutiert worden. Ihre Wurzeln liegen in der Garden City und der City-Beautiful-Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Abgesehen von diesen Showcase-Anlagen ist diese neotraditionelle Manier zum Standard der amerikanischen Housing-Industry geworden, deren toxische Wirkung heute allerorts zu spüren ist.

Auf politischer Ebene entwickelte sich in den USA in dieser Zeit der Neo-Konservativismus und manifestierte sich ab 2000 in der Administration von George W. Bush. Die wirtschaftsliberale Geschäftsgrundlage war nun mit traditionellen Werten wie Nation, Familie, Moral verbrämt. Man verklärte die Gründungsmythen der Vereinigten Staaten: freie Landnahme und freies Unternehmertum, eingebettet in ein fundamental-christliches Wertesystem, im Wesen antiurban. In der Praxis einer modernen Gesellschaft bedeutete das: Zurückdrängen des Staates, die explizite Unterstützung der großen Unternehmen und der Wohlhabenden, die sich, im Sinne einer protestantischen Ethik (Max Weber), in ihrem Gewinnstreben gottgefällig erweisen. Abwendung von jeglicher Umweltpolitik. Ungehemmte Suburbanisierung, vor allem in Form großer, privatwirtschaftlich hergestellter und betriebener Anlagen. Dickere Autos.

Nun könnte man sagen, hier handelt es sich um eine US-amerikanische Verirrung, und die ist zum Glück bereits Geschichte. Doch so einfach ist das nicht. Der wirtschaftsliberale Aspekt hat auch in Europa grundlegende und irreversible Veränderungen bewirkt. Und in dem Maß, in dem Stadt und Region Abbild der Wirtschaft sind, sind auch hier die Veränderungen grundlegend und irreversibel.

Ein Rückblick: In der Folge der Liberalisierungen in Europa nach 1990 wurden auch am Kontinent die privatwirtschaftlichen Akteure vermehrt im Stadtbild wirksam. Auch in Österreich. Denn – das kann man sich gar nicht mehr vorstellen: Vom Ende des Ersten Weltkrieges an bis 1990 hatte die Bauproduktion fast ausschließlich aus Interventionen des Staates und seiner vielfältigen Institutionen bestanden. Die Stadterweiterung wurde von Gemeinden und politisch instrumentalisierten Genossenschaften betrieben. Die Industrie war staatsnah. Wenn ein Philips-Werk eröffnet wurde, geschah das in der Art eines Staatsaktes, ein Verweis auf die Förderungen und Staatsaufträge, die dahintersteckten. Der einzige Ausdruck privater Wohnraumproduktion war der Einfamilienhausbau, aber auch der beruhte auf einem ausgeklügelten System von Bausparförderung und Bereitstellung der Siedlungsinfrastruktur. In den Städten hatte das genossenschaftliche System den Markt fest im Griff, es gab für Private keinen Anreiz, in den Wohnbausektor zu investieren. Die Wohnbauförderung war hochpolitisches Terrain. Die Diskussion „Subjektförderung statt Objektförderung“ umgab noch in den Achtzigerjahren ein Hauch von Subversion. Zwei bis drei „Vorarlberger Baukünstler“ lösten Erstaunen aus. Wie machen die das? Häuser bauen, ohne Kammermitgliedschaft, ohne Genossenschaft!

Vor diesem Hintergrund wirkte die Liberalisierung der Neunzigerjahre wie eine Frischluftzufuhr. Wenn wir heute eine lebendige Architekturszene haben, wenn es qualitätsbewusste Akteure gibt, etwa den Wiener Wohnfonds oder die Bundesimmobiliengesellschaft, so sind das Effekte der Liberalisierung. Einer Liberalisierung, die mit dem Fall des Eisernen Vorhanges begann und über die Europäische Integration in die Globalisierung unseres kleinen Landes führte.

Der Masterplan, das liegende Objekt

Es liegt in der Verwertungslogik privatwirtschaftlicher Immobilienprojekte, dass das Produkt, das sie anbieten, genau definiert und berechenbar zu sein hat. Anders wäre es nicht möglich, Beteiligungskapital zu akquirieren, anders wäre es nicht möglich, Häuser, Wohnungen, Betriebseinheiten vom Plan weg zu verkaufen und es wäre schon gar nicht möglich, dass, wie es bei Projekten in Dubai oder an anderen hochlizitierten Standorten der Fall ist, Häuser und Wohnungen schon mehrmals den Besitzer wechseln, bevor sie überhaupt fertiggebaut sind. Konsequent also, wenn die Developer versuchen, die Bedingungen der Berechenbarkeit und der Verwertbarkeit, die im Einzelobjekt üblich sind, auch auf die flächigen Immobilienprodukte, etwa Wohnanlagen, Gewerbegebiete, Themenparks, umzulegen. Dazu gehört auch die Idee, die einzelnen Produkte nicht im Liegenschaftseigentum, sondern im Anteilseigentum zu verkaufen. Diese Umlegung in die Fläche war insbesondere dort erforderlich, wo der Markt nach suburbanen Typologien verlangte, etwa nach durchgeplanten Einfamilienwohnhausanlagen. Das war natürlich in den USA der Fall, wo das suburbane Wohnen den Regelfall darstellt, in den „emerging markets“ China, Indien, Brasilien, Osteuropa, wo diese Art von Siedlungen zudem den Segregationsbedürfnissen der aufstrebenden Bevölkerungsgruppen entsprach, und im Tourismus, vor allem im Immobilien-Tourismus, jener günstigen Kombination von Golfspiel, Steuervorteil und Geldanlage, großflächig anzutreffen im globalen Sunbelt, also den klimatisch begünstigten Zonen mit schwacher Raumordnung. So gesehen ist auch Europa an seinem südwestlichen Rand – Costa Brava bis Algarve – von neotraditonellen Wohnanlagen angeknabbert. In Österreich haben wir einen kuriosen Einzelfall abbekommen – Stronachs Fontana Wohnpark bei Ebreichsdorf in Niederösterreich. In der Regel handelt es sich bei diesen neoliberalen Produkten um großflächige Anlagen mit locker eingestreuten Wohnhäusern, ergänzt durch Malls und Business-Parks, alles eingebettet in großzügige Landschaftsgestaltungen, am besten in Form von Golfplätzen. Man kann sogar behaupten, dass die Masterplan-Methode unmittelbar aus den Erfahrungen mit der Herstellung von Golfplätzen abgeleitet worden ist. Vom Freiraum ausgehend – an sich ein schöner Gedanke. Dubai hat den Masterplan-Urbanismus in bisher unvorstellbare Extreme gesteigert – bis hin zur Master-geplanten Ökostadt (Masdar-City). Ein Vorgeschmack auf eine ökologische Planwirtschaft?

Indem die Masterplanmethode die Planungspraxis des Einzelobjektes imitiert, ist auch klar, dass sich die Regulierung auf alle Details beziehen muss. In einem „masterplanned development“ werden also die Art der Fenster, die Materialen der Dächer und der Fassaden genauso geregelt wie die Carports, das Pflaster der Wege und die Kandelaber. Jedenfalls muss hier das Gesamtprodukt in gleichem Maß vorhersehbar sein wie im Einzelobjekt – und zwar nicht allein während des Produktions- und Verwertungszeitraums, sondern auch darüber hinaus. Es muss in komplizierten „convenants“ die nachträgliche Veränderung ausgeschlossen werden, die Art Nutzung, bis hin zum Material der Gartenmöbel wird festgeschrieben. Damit soll sichergestellt werden, dass das Produkt intakt bleibt, dass sich die Immobilienwerte stetig und positiv weiterentwickeln – denn darin bestand ja das Versprechen, das die Entwickler ihren Kunden und Anteilseigentümern in den schönen Illustrationen und den beigelegten Tabellen machten.

Die Logik der „Anlagen “

Das „masterplanned development“ ist also das in die Fläche umgelegte Objekt. Zu ihm gehört auch die genaue Definition des kontrollierten Bereiches und eine Grenze, die dazu geeignet ist, alle immobilienwirtschaftlich relevanten Parameter zu filtern. Der intellektuelle Diskurs, der sich an diesen Abgrenzungen entzündete – Stichwort Gated Communities – verkennt den Objektcharakter dieser Anlagen. Man glaubt, sie nach mit den Maßstäben der öffentlichen Disziplin Städtebau kritisieren zu können. Dabei ist die berüchtigte Gated Community nichts anderes als der typologisch unausgereifte Versuch, die Bedingungen des Geschoßwohnungsbaus auf die Fläche umzulegen. Hausmeister, Eingangstür, Stiegenhaus werden zu Wachdienst, Schranken und Privatstraße.

Unbehagen ist jedenfalls angebracht – auch aus einem anderen Grund. Das „masterplanned development“ zeigt ein Phänomen auf, das bereits älter ist und auch weit über die neoliberalen Typologien hinausgeht – nämlich den „Anlagenbau“. In allen industrialisierten Ländern hat sich die Praxis etabliert, Neubauten als in sich geschlossene Projekte – bestehend aus Baukörper und Außenraum – zu konzipieren und diese möglichst nur punktuell an den öffentlichen Verkehrsweg anzudocken. Dieser Logik folgt die soziale Wohnsiedlung genauso wie der Gewerbepark, die Shopping-City oder die Freizeitanlage. Die Folge: Der öffentliche Verkehrsweg – in einem kulturübergreifenden Verständnis zugleich der Träger des öffentlichen Raums – verkommt zur Hochleistungsschneise für den motorisierten Verkehr und verliert damit viele der sozialen Qualitäten, die ein öffentlicher Raum haben sollte, etwa Aufenthaltsqualität, Sicherheit, Gelegenheit zur Kommunikation. Was beim Anlagenbau ganz sicher nicht entsteht, das sind neue öffentliche Erschließungen, also durchgebundene Straßenzüge und generell nichts, was jemand anderem dient als den Eigentümern, Bewohnern oder Nutzern der entsprechenden „Anlage“. Der Neoliberalismus erweiterte das Repertoire dieser „Anlagen“ lediglich um einige weitere Modelle. Die in vielen Ländern komplementär dazu entstehenden Siedlungen der Armut und Informalität stellen einen weiteren Typus von „Anlage“ dar, die sich punktuell an die Öffentlichkeit anlagert.

Öffentlichkeit

Was war das Verhältnis der neoliberalen Stadtproduktion zur Öffentlichkeit? Aus dem vorher Gesagten lässt sich unschwer ableiten, dass das Verhältnis ein gestörtes war – und dabei auch wieder doppelgesichtig. Das politische Projekt lehnte den Staat ab. Das geschah aus dem tiefverwurzelten amerikanischen Gründungsmythos, wonach die Existenz gottesfürchtiger „husbandmen“, also von Männern mit Verantwortung (und einer Flinte im Schrank), der beste Garant für ein gedeihliches Zusammenleben darstellt. Dazu kam das Assoziieren von Öffentlichkeit mit dem Städtischen, was ja nicht falsch ist, denn das öffentliche Prinzip ist das staatliche Prinzip, und dessen bauliche Manifestation ist die Stadt – jener künstliche Organismus, der niemals auf der Basis von Naturgesetzen funktionieren könnte.

Dennoch entwickelte der neoliberale Städtebau, genauer gesagt, die in ihm eingebettete neotraditionelle Architekturpraxis, eine große Faszination für den Raum zwischen den Gebäuden, für die Qualitäten der vorindustriellen (Klein-)Stadt, die soziale Kohärenz, die er vermittelt. Nicht nur die amerikanischen Anlagen des New Urbanism, auch die Projekte von Leon Krier in Europa, etwa das Kirchsteigfeld in Potsdam (D) oder Halverlej in s’Hertogenbosch (NL), sind von der Idee des öffentlichen Raumes angetrieben, und es sind natürlich in der Realisierung Simulationen von Öffentlichkeit geworden, auch wenn sich die nette holländische Standortgemeinde bemüßigt fühlte, eine öffentliche Kindertagesstätte in der elitären Golfsiedlung Halverlej einzurichten. Auch das Bemühen um den Potsdamer Platz in Berlin und die ihn bis heute begeleitende Kritik ist vom Thema des öffentlichen Raums getragen. Dass dieser trotz großer Geste kein öffentlicher Platz geworden ist, sondern nur eine Ansammlung von Malls, liegt wohl nicht zuletzt am geänderten Verhalten der Stadtbewohner.

Heute ist der „öffentliche Raum“ in Europa und in den USA gleichermaßen das zentrale Thema der städtebaulichen Bemühungen. Man kann also sagen, dass sogar der neoliberale Städtebau etwas zum Wertesystem der Städtebau-Community beigetragen hat, so wie eben aus jeder städtebaulichen Denkschule irgendetwas Gescheites übrigbleibt – etwa im Fall der Moderne die Orientierung nach der Sonne.

Der Masterplan ist also das Instrument der Berechenbarkeit und der Steuerung des Immobilienwertes. Mit dieser Eigenschaft steht er allerdings in einem fundamentalen Gegensatz zum Prinzip der öffentlichen Stadt, deren Wesen es ist, sich ständig zu verändern, und die keine zentral gesteuerte ökonomische Logik hat. Die Formate der öffentlichen Planung sind das städtebauliche Leitbild, das Stadtentwicklungskonzept und die Widmung. Hier werden Rahmenbedingungen definiert und keine Fertigprodukte.

Es gibt allerdings auch andere Deutungen des Begriffes „Masterplan“. Das kommt dort zum Ausdruck, wo er als Bezeichnung für öffentliche Planungen herangezogen wird. Das geschieht mitunter, weil sich die Politik mit diesem Label ein höheres Maß an Verbindlichkeit und Durchsetzungskraft erhofft als mit dem technokratischen Terminus des „Städtebaulichen Leitbildes“. So ist es etwa – um ein Beispiel aus dem lokalen Kontext anzuführen – beim „Masterplan für das Flugfeld Aspern“ (Tovatt & Partner, 2007) der Fall, obwohl dort weder Autor noch Auftraggeber je die Absicht hatten, jenes rigorose Gestaltungsregime einzuführen, das für die neoliberalen Masterpläne konstitutiv ist. Im Gegenteil: Das Projekt, so wie es angelegt ist, betreibt mit großem Einsatz die Instrumente der öffentlichen Rahmenplanung, der thematischen Teilplanungen, der baufeldbezogenen Wettbewerbe, bis hin zu experimentellen Verfahren. Allerdings wird die Wahrnehmung dieser Stadteilentwicklung von einem historisierenden Grundrissbild dominiert, das die programmatische Kernaussage – die Bedeutung des öffentlichen Raumes – überdeckt.

Stichwort öffentlicher Raum: Tatsache ist, dass – in unseren Breiten schon seit rund 90 Jahren, also seit dem Ende des Ersten Weltkrieges – keine Produktion öffentlichen Raumes mehr stattfindet. Das verwundert: Was ist mit den großartigen Bauten des Roten Wien, den voluntaristischen Konzepten der Nachkriegsmoderne, der Stadterneuerung? Ist das nicht öffentliche Raumproduktion?

Heute wissen wir: Das ist es nicht. Nur, weil eine Siedlung, ein Stadtquartier, ein Freizeitbereich mit öffentlichen Mitteln hergestellt worden ist und öffentlich zugänglich ist, entsteht dadurch nicht das, was man instinktiv als öffentliche Stadt erkennt. Die öffentliche Stadt wird nämlich gebildet aus dem Zusammenwirken von individuellen und gemeinschaftlichen Aktivitäten, vereinfacht ausgedrückt, von Haus und Straße. Der öffentliche Raum – er ist die visuell erfahrbare Dimension des Öffentlichen – wird nur dadurch lebendig, dass er von individuellen, von nichtöffentlichen Bauten und Funktionen begrenzt ist. Damit ist in seinem Kern auch der Städtebau definiert. Denn das Herumschieben von Baukörpern auf einem vordefinierten Bauplatz, wie es landläufig bei sogenannten „städtebaulichen Verfahren“ passiert, hat mit Städtebau nichts zu tun. Das ist Architektur im Maßstab 1:500, und, wenn die Aufgabe ernstgenommen wird, Freiraumplanung.

Städtebau als Technik der Artikulation von Öffentlich und Privat: Das könnte man natürlich als eine von vielen Definitionen durchgehen lassen, wie es eben auch viele Definitionen für Architektur gibt, und damit kann man sie auch völlig relativieren. Aber diese Definition entspricht nun einmal dem aktuellen und nicht einmal nur dem europäischen Verständnis von Stadt. Das Haus und die Straße. Das ist es, was die Menschen vor Augen haben, wenn das Wort „Stadt“ fällt.

Aber wie kann man behaupten, seit dem Ersten Weltkrieg würde kein öffentlicher Raum mehr geschaffen? Unsere großartigen Stadträume! Die haben wir aus dem 19. und den vorhergehenden Jahrhunderten geerbt – und man ist dabei, sie sukzessive wieder jener fußläufigen Nutzung zuzuführen, aus der sie entstanden sind. Der alltagstouristische Mehrwert dieser Maßnahmen ist mittlerweile offensichtlich. Aber neu sind sie nicht. Sie waren nur verschüttet. Die Verkehrsknotenpunkte detto. Was nicht schon da war, wurde auch nicht geschaffen. Die neuen Verkehrskontenpunkte, die Flughäfen und die neuen Bahnhöfe haben – trotz ihrer mittlerweile hohen Qualität – die Eigenschaft von Malls, also privatwirtschaftlich hergestellter Konsum- und Kommunikationsräume. Die Stadterweiterungsgebiete? Die Anlagen des sozialen Wohnbaus? Von Hausverwaltungen bewirtschaftete Freibereiche machen keine Öffentlichkeit. Zugegeben, die Einfamilienhauszeilen der Umlandgemeinden haben noch etwas von der öffentlichen Raumproduktion. Hier hapert es an der Urbanität.

Der einzige Ort, an dem heute öffentlicher Raum mit Urbanitätspotenzial produziert wird, sind die Korridore der Autobahnen. Hier wird das archaische Prinzip von Haus und Straße im Maßstab der mobilen Konsumgesellschaft in authentischer Weise praktiziert. An den öffentlichen Korridoren lagern sich freudig die Bauten der Händler und Dienstleister, man reckt seine Schilder in die Höhe, man präsentiert sich von der schönsten Seite. Schade, dass man nicht immer abfahren kann, wenn man etwas Interessantes sieht. Und warum klingt das zynisch? Weil wir immer davon ausgehen, dass der öffentliche Raum eine fußläufige Dimension hat, dass sich die Vielfalt und die Repräsentation auf einen überschaubaren Raum bezieht, dass es sich um einen sozialen Raum handelt – und dazu gehört auch die Möglichkeit zur unmittelbaren Kommunikation.

Jenseits der Masterpläne

Aus all diesen Prägungen, Vorstellungen und Sehnsüchten, die die nachmoderne Gesellschaft, einschließlich der in ihr agierenden Intellektuellen und Politiker beschäftigt, ist zurzeit ein verbreiteter Konsens hervorgegangen, dass wieder so etwas wie die Stadt des 19. Jahrhunderts gebaut werden sollte. Gehen wir einmal davon aus, das wäre in dieser Einfachheit das richtige Rezept. Was wäre notwendig, um es zu verwirklichen? a) Eine möglichst unspezifische Geometrie. b) Ein einfaches Reglement, das vor allem dazu dient, den Frieden zwischen Nachbarn sicherzustellen. c) Das Zulassen kleinteiliger, selbstbestimmter Produktionsformen. Im 19. Jahrhundert war das das Gewerbe oder Zinshaus, heute ist es vielleicht die Baugruppe oder der gewerbliche Bauträger. d) Das Sicherstellen von öffentlich nutzbaren Freiräumen.

Das wären die wichtigsten Voraussetzungen. Und was haben wir stattdessen? Unter a) haben wir die Herstellung genialer Stadtgrundrisse – innerhalb vorgegebener landwirtschaftlicher Teilungen. Zu b) finden wir in der neoliberalen Produktionsschiene einen geradezu Orwell’schen Determinismus, im öffentlich- rechtlichen Bereich hingegen einen Dschungel gut gemeinter und unpraktikabler Gestaltungsbestimmungen, mit der Folge, dass sich der Frechste durchsetzt. Im Bereich c) leiden wir unter der schon beschriebenen Anlagenlogik, die von Immobilienfonds, Trägern des sozialen Wohnbaus und privatwirtschaftlichen Developern gleichermaßen befördert wird. Bei d) wird die Verpflichtung zur Freiraumschaffung auf die Bauträger abgewälzt, mit dem Effekt der Privatisierung.

Wenn also nun die Ära der Masterpläne aus den bekannten wirtschaftlichen Gründen zu Ende geht, dann stellt sich die Frage: Was folgt? Wird das vor allem in unseren Breiten noch immer latent vorhandene planwirtschaftliche Denken die Masterplan- Methodik volley übernehmen, oder kommt nach dem aus dem Ruder gelaufenen neoliberalen Experiment eine Phase wirklich liberaler Stadtproduktion – bestehend aus einem vernünftigen Ordnungsrahmen und vielen kreativen, urbanen Akteuren und Akteurinnen?

Biografische Notiz:

Johannes Fiedler, Architekt und Stadtplaner, Graz/Wien, Berater in internationalen Projekten der Stadt- und Raumentwicklung, Lehrbeauftragter an der Universität Graz, der FH Joanneum Graz und an der TU Braunschweig, Publikationen u.a: Instrumente der Stadtproduktion, Architektur und Bauforum, 7/2007; Exterritories, ARCH+ 173, Juni 2005; Urbanisierung, globale, Böhlau 2004Der Artikel ist erstmals im Architektur & Bau FORUM 04/09, 9. März 2009 erschienen.

Grafiken und Fotos:

fiedler.tornquist arch + urb

Verfasser/in:
Johannes Fiedler

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Bei Projekten in Dubai oder an anderen hoch lizitierten Standorten gehört es dazu, dass Häuser und Wohnungen schon mehrmals den Besitzer wechseln, bevor sie überhaupt fertig gebaut sind. (Palm Jumeirah, Dubai, VAR)
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Kommt nach dem aus dem Ruder gelaufenen neoliberalen Experiment eine Phase wirklich liberaler Stadtproduktion? (zur Vergrößerung auf das gewünschte Bild klicken)
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... vor allem im Immobilien-Tourismus, jener günstigen Kombination von Golfspiel, Steuervorteil und Geldanlage, großflächig anzutreffen im globalen Sunbelt, also den klimatisch begünstigten Zonen mit schwacher Raumordnung. (Quinta do Lago, Faro, P)
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In der Regel handelt es sich bei diesen neoliberale Produkten um großflächige Anlagen mit locker eingestreuten Wohnhäusern, ergänzt durch Malls und Business-Parks, alles eingebettet in großzügige Landschaftsgestaltungen, am besten in Form von Golfplätzen.
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Konsequent also, wenn die Developer versuchen, die Bedingungen der Berechenbarkeit und der Verwertbarkeit, die im Einzelobjekt üblich sind, auch auf die flächigen Immobilienprodukte, etwa Wohnanlagen, Gewerbegebiete, Themenparks, umzulegen.
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Es muss in komplizierten „convenants“ die nachträgliche Veränderung ausgeschlossen werden, die Art Nutzung, bis hin zum Material der Gartenmöbel wird festgeschrieben. (Celebration, Orlando, Fla., USA)
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Dabei ist die berüchtigte Gated Community nichts anderes als der typologisch unausgereifte Versuch, die Bedingungen des Geschoßwohnungsbaus auf die Fläche umzulegen. Hausmeister, Eingangstür, Stiegenhaus werden zu Wachdienst, Schranken und Privatstraße. (
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