sonnTAG 272

Spitz auf Knopf

29/03/2009

Spitz auf Knopf

von Hans Fraeulin

Das neue Kommodhaus und das neue Schladminger Skistadion haben viel gemeinsam. Es gibt sie noch nicht wirklich und beide weisen sie mit riesengroßem, ja brutalem Witz darauf hin, wer oder was in diesem Gemäuer dominieren wird: Ski und Tastatur, unübersehbar im Maßstab 87:1 oder noch größer. Beispiele gibt es genug: Die Schuhfabrik als alten Stiefel, das Textilunternehmen hübsch gefaltet, die Schweizer Bank, die nicht nur der Londoner Börse ein Ei legte, sondern gleich der ganzen Innenstadt. Im Märchen kriechen aus dem alten Stiefel Mäuse oder Käfer. Der Skispitz sprüht Funken. Heißa, wie die kleinen grünen Männchen jubeln und sich aufrichten wie Ameisen beim kollektiven Absondern ihrer Sekrete. Zwitsch und Zwutsch wird es machen und die Mäuse werden quieken, wenn eins dieser bunten Käferli gewonnen hat. Wer sich tagsüber in der Tastatur verkrümelt oder einnistet, entpurzelt abends ahnungslos den Zwischenräumen, um weggekehrt und als Milbe gegen Krätze behandelt zu werden.

Was treibt die Kreativen dieser Welt dem Rest derselben immer vorführen zu müssen, wie klein und unwichtig alle anderen sind? Warum genügt ihnen nicht, ab und zu das Bürofenster aufzumachen und auf die Straße zu spucken? Die Ateliers sind immer hoch oben unter dem Dach und täuschen Überblick vor. Nur der Schuster haust mit Blick auf die Nachfrage im Souterrain, und ein paar prekäre Kunstschaffende, denen es im Keller nicht feucht genug sein kann. Wer bunte Häuser mit Noppen auf dem Dach baut, wird zu Recht gescholten, über Lego nicht hinausgekommen zu sein. Was sollen wir von Einfaltspinseln halten, denen gerade ein Pinsel zu malen einfällt, die Tastaturen sie beschreibend behämmern und bei einem Stadion an Ski und sonst nichts denken? Sehnen sie sich insgeheim nach einem Dasein als Ameise oder Krätzmilbe? Freuen sie sich heimlich oder öffentlich, wenn es heißt, den Ameisenbau hat er ganz allein gebaut und jetzt kratzen sich alle?

Das kann nicht stimmen. Das läuft anders. Kommt eine Kundschaft ins Büro und fragt: Malst du mir mal bitte ein Skistadion für die nächste WM, damit die Regierung weiß, wofür sie so viel Geld ausgeben soll. Oder: Ich brauche Ersatz für einen Abriss, nix billiges, damit sich die Leute wieder beruhigen. Da lassen wir die Kundschaft doch nicht wieder gehen und irgendwas wird uns schon einfallen, wir sind doch nicht blöd. Wenn jetzt die Regierung spaßamtlich sagt, das Geld bekommt ihr. Aber den Ski, an dem wir uns bereits zum Kotzen satt gesehen haben, bauts woanders hin, haben wir alle noch einmal halbes Glück gehabt. Beim Kommod ist das nicht gewiss. Der Hohenberg darf das vielleicht wirklich bauen, nur weil einmal Zaha Hadid in die Tastatur eingegeben wurde.

Sind die Schubladen nicht voll von nie gebautem? Ein schwacher Trost. Ich brauche nur die Innung zu fragen, was besser nie gebaut worden wäre, käme ich vom anhebenden Palaver nicht weg. Was werden die Leute denken, die Nutzungswilligen oder Berechtigten? Dass sie zu Ameisen oder Milben gerechnet werden, ist nicht anzunehmen. Jeder Carver ist bunter und fetziger im Design, werden sie sich denken. Eine Tastatur ohne Trackball, ohne Hintergrundbeleuchtung, weder ergonomisch geschwungen noch in Mattschwarz darf nicht teurer sein als 19 Euro, werden sie sich denken. Das Stadion schaut aus wie das Kinderfreundeheim auf der Saualm, der Beton zwar frisch, in Wahrheit abgewohnt und abgefuckt. Es gehört abgerissen und nicht gebaut, werden sie sich denken. Der Witz, auf einem Ski Ski zu fahren, ist erbärmlich. Beide Entwürfe, das Stadion und das Bürohaus verherrlichen das Gewöhnliche und Veraltete, sind Flohmarktware, Sondermüll, alles Plastik, Moder.

Schön angepatzt habe ich mich jetzt. Wo bleibt das Positive, der konstruktive Gegenvorschlag? Ich könnte mich auf Stalin herausreden, der angeblich jede Kritik, auch nur negative guthieß. Mag sein, es stimmt. Dann ist es aber lange her. Meine Leute habe ich früher immer auf Schotterhaufen, Pawlatschen, Paletten, in den Straßen und am Tatort spielen lassen, was mich nicht unbedingt zum Erbauer von Bürohäusern oder Stadien qualifiziert. Aber fragen wir einmal Mikis Theodorakis und Lluis Llach, welche mit ihrer Musik große Stadien füllten, als die Zeit derer abgelaufen war, für die Stadien auch als Massengefängnisse in Frage kamen: Wie muss ein gutes Stadion gebaut sein? Grönemeyer würde sagen, Hauptsache Bochum gewinnt, Adi Niederkorn eine Medeile für Österreich. Fragen wir lieber die Partisanen der Musik. Denn in Schladming wie auch anderenorts haben wir mehr Zeit für Konzerte und andere Veranstaltungen als für ein Wintersportereignis.

Als das Kommodhaus abgerissen wurde, stieß ich auf Unverständnis mit der Behauptung, das Haus sollte bereits kurz nach seiner Erbauung wieder abgerissen werden. Das war für mich offenkundig, obwohl ich nicht viel mehr von Blockrandbebauung wusste als das, was im Netz auf die Schnelle greifbar ist. Wenn die Höhe der Traufe und damit die Anzahl der Geschosse durch die Eckhäuser vorbestimmt war, dann war das eine Eckhaus in der Einspinnergasse zu klein geraten und stand dem Wunsch nach höherem Bauen und mehr Profit entgegen. Tapfer hielt es hundert Jahre aus, auch als es nicht mehr das Baugesetz verkörperte, das mit Souterrain, Hochparterre und Mezzanin längst ausgehebelt worden war, um irgendwann doch noch als Störung der Bauordnung abgerissen zu werden, als den alten Streit um die richtig gebaute Stadt keinen mehr juckte. Das Kommod-Haus mahnte das ein, wie jedes gute Mahnmal etwas einmahnt, hier die Mahnung, sich stets um gutes Bauen zu bemühen.

Es liegt also nahe, ein Haus mit so viel Geschichte so wie früher wieder aufzubauen. Damit unterschlagen wir aber, dass es im Eifer zwischendurch abgerissen wurde. Als kunstvoll rekonstruierte Ruine bis zur einstigen Traufe hinauf um ein paar Grad nicht mit den Nachbarhäusern fluchtend mit einem eleganten Kommod innen und einem einzigartigen Gastgarten rundherum kann ich es mir derzeit am besten vorstellen – als angenehme Störung baulicher Ordnung.

KURZBIOGRAFIE:

Hans Fraeulin ist Diplom-Volkswirt mit Studienpraxis in der Stadt- und Regionalplanung, Journalist. Regiestudium, Theaterleiter, Inszenierungen eigener Stücke, fünf Jahre Kinderbeauftragter der Stadt Graz, lehrte zuletzt an einem Zentrum für Sozialberufe Theater und Medien.

KONTAKT:

Hans Fraeulin

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Verfasser/in:
Hans Fraeulin

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Architektur bis in den Himmel
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Autor Hans Fraeulin mit seinen seltsamen Behauptungen. Fotorechte: Hans Fraeulin

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