Günter Eichberger
Der Biomorphinist
oder
Mein Haus ist mein Leib
Das Vergnügen an der Verwandlung eines nutzlosen Gegenstandes in einen anderen nutzlosen Gegenstand hat mich gelehrt, das Glück auf dem Wege der wunschlosen Erkenntnis zu suchen.
(Wolfgang Hildesheimer)
1
Von meinem Laubversteck aus beobachte ich die Beutelmeise beim Hausbau. Nah am Wasser hat sie einen zweckdienlichen Zweig ge-funden, an den sie in Leichtbauweise ein Tragwerk aus Spinnweben, Samenwolle und Pflanzenfasern hängt. Das Vogelmännchen hält wie ich nichts von Arbeitsteilung, ist zugleich Architekt, Bauingenieur und Maurerpartie. Ich weiß, wie sein Werk aussehen wird. Es wird seinem Namen entsprechend beutelförmig sein. Ich würde gerne wissen, wa-rum es diesen Stil und keinen anderen bevorzugt. Wie es darauf ge-kommen ist. Ob es Vorbilder hat oder ganz seinem inneren Drang ge-horcht. Ich würde mich wirklich gerne einmal ausführlich mit einer Beutelmeise unterhalten. Siüh-Siüh, ahme ich seinen Gesang nach, aber es lässt sich durch diese stümperhafte Imitation nicht von seiner Arbeit ablenken.
Ich selber habe den Verdacht, dass ich dem Beispiel meines Vaters folge. Mein Vater war Architekturkritiker. In seinem Standardwerk „Die hängenden Häuser des Webervogels. Zum Organismus des Arte-fakts“ hat er das theoretische Fundament für den sogenannten Bio-morphismus gelegt. Aber das ist allgemein bekannt.
Nie hat Vater etwas gebaut, immer nur die Bauten anderer bespro-chen. Und ist damit besser gefahren als mancher Architekt. Auch sein Traumhaus hat er nicht selbst entworfen. Aber Wünsche geäußert, Vi-sionen. Dem Architekten geraten, in den Wald zu gehen, die Amei-senhäufen zu studieren. Oder sich Röntgenbilder seines eigenen Ober-schenkelknochens anzusehen, um zu schlanken, aber dennoch tragfä-higen „neo-gotischen“ Strukturen zu finden. Das Haus müsse wirken, als sei es belebt, würde atmen. Sein Ideal sei ein Haus, dem man zu-traue, dass es sich im nächsten Moment in Bewegung setze oder im-merfort in Bewegung sei als fließendes Material. Man könne in so ein Haus einsteigen wie in ein Raumschiff, flugs von dieser Welt zu ei-nem Paralleluniversum. Ja, sein Haus solle eine Gegenwelt sein, auf solider Basis der vielfältigen Naturformen, nach dem Muster des Gol-denen Schnitts, „denken Sie sich in eine Blume hinein!“, denn ein Haus sei wie Haut, müsse auch so sitzen, an den Besitzer angepasst, als würde das Haus aus dem Bewohner hervorwachsen, ganz orga-nisch, als Wucherung, gutartige Geschwulst des Körpers.
„Mein Haus ist mein Leib“, war Vaters Leitsatz für den Architekten, dessen Entwurf er in rigoroser Manier kritisierte, er, dieser Bauknecht, habe nichts verstanden, „dieser Plan singt nicht“, Pläne müssten aber Partituren sein, die sich selber spielen, Stimme für Stimme, er sehe sich außerstande, in einem Käfig wie diesem zu leben, habe er doch bisher genug an den schachtelförmigen Behältern gelitten, in denen man ihn seit seiner Kindheit aufbewahrt habe. „Von der Natur abge-schnitten!“, rief Vater, indem er den errötenden Architekten an den Schultern packte, „meine Natur durch Isolation denaturiert“, er frage sich oft, was für ein Wesen er entwickeln hätte können, wenn er im-mer in eine seiner Art gerechte Häuserlandschaft, Körperergänzung hineingestellt gewesen, mitgewachsen wäre, in die Häuser hinein. So wie der Architekt sich das in seiner diplomierten Ingenieurs-begriffstutzigkeit ausmale, könne es nie auch nur in die Nähe seiner sehr konkreten Vorstellungen kommen, der Architekt habe, was Vater krumm gedacht, vollkommen unempfindlich geradegebogen, das sei keine Blase, das sei die übliche Box. Ob er denn seine Beiträge in Fachzeitschriften niemals gelesen oder verstanden habe? Im Bau des Architekten würde er sich wie ein Mustang in einer Gehschule vor-kommen, immerfort mit dem Kopf durch die Wand wollen. „Sie möchten mich wohl ans Haus fesseln?“ In den üblichen rechtwinkeli-gen Zimmern mit ihrem latenten Straflagercharakter könne sich der raumfühlige Mensch nur zum Ausgleich selbst verkrümmen, die Mus-kulatur versteifen, die Knochen bis zum Bruch verrenken. Dieser Plan müsse vereitelt werden, sagte Vater und zerriss die Skizze des Archi-tekten.
2
Einen Architekten nach dem anderen warf Vater unter Schmähreden hinaus, keiner konnte seinen Ansprüchen genügen, sein Haus, quasi ein aus stabilen Luftschichten gezimmertes Vogelhaus, blieb unge-baut. Er hat es in seinem letzten Buch „Wolkenpumpenheim“ ein-dringlich, aber hermetisch bis zur Unverständlichkeit beschrieben, was von den Kritikern seiner Theorien als Nachweis seiner prakti-schen Inkompetenz, letzte Stufe einer fortgeschrittenen baustilisti-schen Demenz, das „Alzheim eines Biomorphinisten“ bezeichnet wurde. Seinem Ruf als visionärer Höchstinstanz hat das nicht wirklich schaden können. Zu zahlreich sind seine Schüler und Verteidiger.
Zaha Hadid hat unlängst unter den ungläubigen Augen der Fachwelt eine Realisation des „Wolkenpumpenheims“ angekündigt. Das käme laut skeptischen Stimmen der „Quadratur eines Kreissaals“ gleich. Selbst eine Computersimulation sei angesichts der Bodenlosigkeit die-ser Architekturphantasie nicht möglich, sei doch sonnenfinsterni-sunklar, was denn nun eigentlich simuliert werden sollte. Das „Wol-kenpumpenheim“ sei kein Haus, sondern die Idee eines Hauses und die einlässliche, wenn auch uneindeutige Beschreibung meines Vaters die einzig mögliche Annäherung. Jeder Versuch einer Realisation ver-stoße gegen den Geist, das Geisterhafte des Projekts. Der Bau erstehe im Bewusstsein des Lesenden, als Denkmal, gedachtes Mal seines vollendeten Unmöglichkeitssinns. Und so weiter. Und so fort.
3
Ich, der Sohn und Erbe, sehe das anders. Mein Vater hat nie von ei-nem rein geistigen Haus gesprochen, das wäre ganz gegen seine Natur gewesen, die sich durch Anschauung der Natur anzuverwandeln such-te. Dass zwischen ihm und einer Pflanze ein grundlegender Unter-schied bestehe, hat er konsequent bestritten. Mehr als einmal sah ich ihn vor einem Buschwindröschen knien, als würde er es beschwören, hypnotisieren wollen. Oder als wollte er in der Blume aufgehen, selber Buschwindröschen sein.
In seinen späten Jahren überwand er die Sprache, er schrieb nicht, sprach auch nicht mehr. Ganz Auge wolle er sein, waren seine letzten überlieferten Worte. Er hatte sich schon seit geraumer Zeit in sein mit Kunststoff gerundetes, „weiches Arbeitszimmer“ zurückgezogen, aus dem die Geräusche eines ruhelosen Heimwerkers drangen. Er hatte die knappe Anweisung gegeben, ihn in keinem Fall zu stören.
Dann plötzlich Stille. Nach drei Tagen hielt ich Nachschau. Vater saß an einem Spinnrad, er war zur Gänze überwuchert von einem Netz feiner Fäden, eingesponnen in einen Kokon aus Samenwolle und Pflanzenfasern, die aus seinem Mund zu kommen schienen.
4
Das Nest der Beutelmeise wird bald bezugsfertig sein. Das Weibchen begutachtet den Fortgang der Arbeit von einem benachbarten Zweig aus. Es wird die Tragfähigkeit der Konstruktion überprüfen, indem es sich mit seinem ganzen Vogelgewicht daran hängen, es schaukelnd belasten wird. Ich spüre die Unruhe des Männchens, seine besessenen Verbesserungsversuche, die staunenswerte Vorleistung für die Paa-rung.
Mein Vater hat mir meine Mutter nie vorgestellt. Fragen nach ihr hat er nicht beantwortet. Ich denke, sie hat ihn verlassen, weil es ihm nicht gelang, ihr ein Heim zu bieten. Mein Vater und ich lebten in ei-nem dauerhaften Provisorium, in Baumhäusern, Blockhütten. Winters in einer Tropfsteinhöhle. Er war auf der Flucht, schien mir. Aber viel-leicht folgte er auch nur dem Zug der Vögel.
„Von der Anschauung der Form als Entfaltung innerer Gesetzmäßig-keiten zu einer Analyse der Form“, lese ich in Vaters Schriften. Ich weiß nicht, wann er das alles geschrieben haben soll. Wenn ich schlief, zwischen zwei Umzügen, zwischen Tür und Angel.
Mein Vater hat mir zum Einschlafen die alte Geschichte von den Bie-nen und den Blumen erzählt, von der Bienenhaftigkeit der Blumen, der Blumenhaftigkeit der Bienen, und wie eins zum andren kommt.
Ich fixiere die männliche Beutelmeise. Mein Auge dringt in ihr Auge ein. Jetzt bin ich in ihrem Kopf. Sehe mit ihren Augen. Langsam nähert sich das Weibchen.
Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.
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