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Mit Ecken und Kanten – Bilder und Gedanken zur Archicontur.

22/02/2009

Mit Ecken und Kanten – Bilder und Gedanken zur Archicontur

Text: Emil Gruber

Idee und Bilder: Eva Mohringer-Milowiz

Sie gehorchen keinen Regeln von Flächenwidmungsplänen und Verbauungsdichte. Sie schaffen es trotz schwerer Präsenz, für den Eiligen nicht sichtbar zu sein (1). Sie sind zwar bewegbar, aber für einen immobilen Einsatz gedacht. Manche findet man sehr zentral in der Stadt, andere wieder im Nirgendwo von Autobahnbauten und Tunnelbohrungen (2).

Kaum ein größeres Bauvorhaben ohne dass sie als Vorhut bereits am Gelände stehen.

Die Container. (3)

Diese temporären XL-Dosen aus Stahl und Blech (5), spartanisch im Innenleben aber immerhin mit Tür und Fenstern, wärmegedämmt und beheizbar, zeigen sich ja schon seit jeher als ein Gefäß von universell einsetz- und stapelbarer Multifunktionalität, schnörkellos und effizient (6).

Ob No Budget Unterkunft - im Komfort zwischen Berghütte und Gefängnis angesiedelt-, oder Kantine, Pausenraum, Besprechungs- und Planungsplatz, Material- und Werkzeuglager; das Eingeweide von Baustellen-Containern ist meist genormt und daher ohne größeren Aufwand individuell an die vorgegebenen Bedürfnisse anzupassen. So ergibt sich aus Notwendigkeit eine rein auf Funktion abgestellte Spezies von „architettura povera“ Improvisation, bevor das Eigentliche, Perfekte, Dauernde den Ort endgültig besetzt (7, 8).

Container werden als Arbeitsgerät registriert, kaum als Architektur des Überganges. Damit schlüpfen sie ungehindert durch alle Regelwerke. Keine Baupolizei hat große Vorgaben an die Außen- oder Innenraumgestaltung. Keine Altstadtkommission legt ein Veto ein, wenn mitten im Kern von Graz vorübergehend ein Metalltrumm das UNESCO Erbe in Verlegenheit bringt (9, 10, 11).

Wenn der „ungestörte Verkauf“ draußen vor der Tür völlig reduziert in Design und Gestaltung im Vollwandkäfig stattfindet, während dahinter das Geschäft oder die Bank in seiner Baustellenverpuppung wartet, ein attraktiver Kunden-Schmetterling zu werden, dann entsteht dennoch immerhin etwas flüchtig Antithesenhaftes oder, um mit Vilem Flusser zu sprechen, wirkungsmächtig aber phänomenologisch nicht Einzuordnendes.

Aber andererseits haben Container auch schon längst als Fixinstallation im Stadtbild Position bezogen. Viele Imbissbuden (12), Kartenverkaufshäuschen, Büros für den Gebrauchtwagenverkäufer, Forschungsplätze in Universitäten hüllen sich mittlerweile in Konserven (13).

War im Ursprung der Schiffscontainer noch das analoge Vehikel der Globalisierung zum Transport von Gütern und Forcierung von transkontinentalen Warenströmen, so hat auch dieser längst neue Funktionen übernommen (14).

2006 gewann eine deutsche Projektgemeinschaft einen Wettbewerb für die neue indische Antarktis-Forschungsstation. Gut 130 Schiffscontainer werden vom Labor, Bibliothek über Energiezentrale bis zu Wohn- und Aufenthaltsräumen alle Notwendigkeiten abdecken. Sollte die Erderwärmung die Station obsolet machen, kann rasch und mit relativ bescheidenem Aufwand an einen anderen Standort gesiedelt werden (15, 16).

In Amsterdam wurden 380 übrig gebliebene Metallkisten, die niemand mehr zurück haben wollte, vor knapp drei Jahren zu einer Studentenstadt am Hafen gestapelt (17). Auf jeweils 24 m² hat jeder seiner Wohnung, inklusive Sanitäranlagen, Küche, Internet- und TV-Anschluss. Gemeinschaftsräume und Lokale sorgen für das Kommunikative, 350 € Monatsmiete bedeuten in dieser notorisch teuren Stadt günstiges Wohnen. Mittlerweile hat mit MTV, das seine holländische Niederlassung hier einrichtete, das Kommerzielle seinen Einzug gehalten.

Als eine Transitstelle der Humanität hat auch das Vinzidorf von Graz-Leonhard mittlerweile über 15 Jahre Bestand. 26 Baucontainer als Wohnraum für Obdachlose - mit der Chance, dass hier ein Mensch wieder zum Schmetterling wird (18).

Einen Schritt weiter – der Container als Luxusartikel – ist 1967 bereits Moshe Safdie mit seiner Wohnanlage anlässlich der Weltausstellung in Montreal gegangen (19).

Habitat 67, auf einer Halbinsel im Hafen errichtet, erinnert mit seinen kreuz und quer übereinander und nebeneinander gestapelten Betoncontainern von der Ferne an ein Bibliotheksregal nach einem Erdbeben. Doch im Detail ergeht sich die Anlage mit seinen hunderten Würfeln an drei „Muttergebäuden“, den großzügigen Gängen, Terrassen und Freizeitanlagen in eleganter Non-Konformität. Gemäß seiner Zeit ein multi-eckiger Hippie halt.

Ein aktuelles Beispiel für alternative Ideen zum Thema „Stahlstadt“ sind die ‚cargotecture’ Entwürfe von hybridseattle aus dem Nordwesten der USA. Diese lose Arbeitsgemeinschaft aus der Kreativwirtschaft nimmt für Ihre Architektur auch den klassischen Schiffscontainer als Grundbaustein. Jedes ihrer Wohnanlagenmodelle besteht ganz oder zum größten Teil aus diesen Transportbehältern.

Ob einfache Scheune, Veranstaltungsinfrastruktur, Passivhaus oder Wohnanlage, hybridseattle glänzt mit einem spannenden Diskurs zur bisherigen Fertigteilarchitektur. Trotz vorgegebener ISO-Normierung überraschen die Konzepte durch ihre spielerische Flexibilität und abwechslungsreiche Formensprache.

Dem amerikanischen Hang zum Total-Nomadischen, dem Umzug mit dem ganzen Haus, kann also in neuer modularer Extravaganz gefrönt werden (20).

Angesichts derzeitiger Entwicklungen kann man ja schnell ins Grübeln kommen. In einer Welt, in der das fix Verankertsein des Arbeitsplatzes immer mehr schwindet, das Virtuelle uns an jedem Ort der Welt eine Möglichkeit der Präsenz gibt, wird auch das Wohnen immer mehr der Bewegung unterworfen. Vielleicht werden mobile Dörfer in naher Zukunft amöbenhaft Städten ständig neue Formen liefern oder sogar überhaupt neue Städte entstehen lassen. Und selbst für den Kulturpessimisten und Endzeitvisionär bietet der Container einen Hoffnungsschimmer. Er hat immerhin, wenn er wie in der australischen „Mad Max“ Trilogie, auf der Suche nach Wasser und Energie durch eine enturbanisierte Welt marodiert, ein Dach überm Kopf (21).

EMIL GRUBER

lebt in Graz

Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger

KONTAKT: katmai@aon.atEVA MOHRINGER-MILOWIZ

Geboren 1944 in Hatzendorf, Gymnasialzeit in Köln und Graz, Architekturstudium bis 1970, seit 1970 Mitarbeiterin im Bundesdenkmalamt, 1970-71 Stipendium in Paris, 1973 und 1999 Mitarbeit bei den Ausgrabungen in Ephesos.

Zwei erwachsene Kinder.

Fotografie mit Selbstausarbeitung seit dem sechsten Lebensjahr, Teilnahme an der Photokina in Köln 1956 und 1958.

KONTAKT: evamohringer@gmail.com

Verfasser/in:
Emil Gruber (Text), Eva Mohringer-Milowiz (Idee/Bilder)

Weiterführende Links

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Abb. 8: Graz, Südostgürtel
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Abb. 7: Graz, Südostgürtel
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Abb. 5: Kroatien, Solta
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Abb. 6: Graz, Orpheumgasse
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Abb. 1: Graz, Feuerbachgasse
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Abb. 2: Graz, Südostgürtel
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Abb. 3: Graz, Messe
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Abb. 4: Schweiz
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Abb. 9: Graz, Kaiser-Franz-Josef-Kai
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Abb. 10: Graz, Kaiser-Franz-Josef-Kai
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Abb. 11: Graz, Kaiser-Franz-Josef-Kai
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Abb. 12: Portugal, Cabo de Sao Vicente
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Abb. 13: Graz, Eurospar Liebenau
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Abb. 14: Barcelona
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Abb. 15: Graz, Arche Noah
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Abb. 16: Graz, Arche Noah
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Abb. 17: Graz, Neue Technik
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Abb. 18: Graz, St. Leonhard Vinzidorf
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Abb. 19: Montreal, Weltausstellung 1967
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Abb. 20: Graz, Neue Technik
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Abb. 21: Spanien, Baskenland Mutriku, Fischerhütten. Fotos: Eva Mohringer-Milowiz

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